Andrej Karri und Konstantin Hügel kamen als Spätaussiedler nach Deutschland

Gestern Fremde – heute eine Bereicherung für die Polizei

Andrej Karri (links) und sein Kollege Konstantin Hügel sind froh, sich trotz aller Schwierigkeiten für den Beruf des Polizisten entschieden zu haben. - Foto: Kreykenbohm

Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. Als Kinder in Kasachstan wurden sie als „die Deutschen“ bezeichnet. Als Jugendliche in Deutschland wurden sie „die Russen“ gerufen. Heute, als Erwachsene, spricht man sie mit „Polizeikommissar“ und sogar „Polizeioberkommissar“ an. Andrej Karri und Konstantin Hügel von der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg haben als Spätaussiedler das erlebt, was viele Kinder von Zugewanderten oder auch Flüchtlinge durchmachen.

Die Heimat verlassen, neu anfangen, ohne oder nur mit sehr geringen Sprachkenntnissen in den Alltag finden, in dem vieles anders ist, als man es kennt, die Kultur, die Menschen. Doch sie haben sich durchgekämpft und sind froh darüber. Ebenso wie ihre Kollegen. „Die Polizei ist immer ein Spiegelbild der Gesellschaft“, beschreibt es der Erste Polizeihauptkommissar Aribert Ebeling. „Und genau deswegen gehören Kollegen mit Migrationshintergrund zu uns. Wir hätten gerne mehr von ihnen.“

Andrej Karri weiß, wie hart der Weg bis dahin ist. Mit 16 Jahren kam er nach Deutschland, hatte seine Schule in Kasachstan schon beendet. In Berlin steckte man ihn in die neunte Klasse. Die Integration empfand er als hart. „Manchmal dachte ich, das schaffe ich nie.“ Doch Karri paukte in Abendkursen fleißig Deutsch, denn er hatte schon in Kasachstan den Traum, zur Polizei zu gehen. „Mein Onkel war dort Polizist und ich durfte ihn hin und wieder auf Streife begleiten. Ich fand es toll, wie er mit den Menschen umging, Konflikte löste und am Ende alle zufrieden waren.“

Karri schaffte es, an der Polizeischule angenommen zu werden. „Es war anfangs seltsam für mich, der ja mit einer anderen Kultur und Mentalität aufgewachsen war, einem Deutschen zu sagen, was er tun soll. Aber man lernt jeden Tag dazu, auch von den Kollegen.“ Die hätten anfangs etwas verhalten auf ihn reagiert, ihm nicht viel zugetraut. „Sie hatten eben häufig mit Spätaussiedlern als Täter zu tun – und dann kommt so einer“, sagt Karri und lacht. Er habe sich das Vertrauen jedoch schnell erarbeitet und dann sei alles wunderbar gelaufen. 2013 wechselte er nach Nienburg.

Man weiß, „wie der andere denkt“

Heute, mit 35 Jahren, macht Karri das, was er bei seinem Onkel bewundert hat: Er fährt raus zu den Menschen und versucht, zu helfen. Sein Migrationshintergrund ist dabei häufig ein großer Vorteil, wenn er mit Zugewanderten zu tun hat. „Ich spreche russisch und da Kasachstan muslimisch geprägt ist, kenne ich mich in der Religion gut aus.“ Dadurch könne man schneller und leichter in Kontakt mit den Menschen treten. Situationen werden entschärft, da es keine Verständigungsprobleme gibt und man einfach weiß, „wie der andere denkt“.

Sein Kollege Konstantin Hügel nickt. Auch er kam mit 14 Jahren aus Kasachstan, kämpfte sich in einer Förderklasse in Marklohe bis zum Hauptschulabschluss durch. Der damalige Direktor habe an ihn geglaubt und ihm die Chance geben, die 9. Klasse zu wiederholen – die er mit einem sehr guten Durchschnitt bestand. „Je mehr ich die Sprache beherrschte, desto leichter ging mir auch das Lernen von der Hand“, erinnert sich Hügel. Am Ende seiner schulischen Laufbahn nahm er sein Studium bei der Polizei in Oldenburg auf. Für den Beruf habe er sich entschieden, weil er vielfältig sei und Abwechslung biete.

Auch Hügel kann durch seine Sprachkenntnisse viele Situationen schneller klären, als seine Kollegen. Probleme habe er wegen seines Migrationshintergrundes nie gehabt. „Einmal wurde ich zu einer Schlägerei gerufen und der eine Mann sprach ständig russisch mit mir, obwohl ich nur auf deutsch antwortete. Das Opfer war deswegen irgendwann sauer und verlangte einen ,richtigen’ Polizisten“, erinnert sich der 37-Jährige und schmunzelt. Man müsse schon aufpassen, dass einem nicht Parteilichkeit unterstellt werde. „Ich muss dann auch den Russland-Deutschen erklären, dass man hier alle gleich behandelt und man sich nicht, wie in Russland, mit einem Geldschein ,einigen kann’. Die meisten verstehen das. Nur einer nannte mich mal einen Verräter.“

Und was würden die beiden den jungen Migranten sagen, die darüber nachdenken, zur Polizei zu gehen? „Ohne Fleiß wird es nicht klappen, aber mit Mut und Geduld kann man es schaffen. Mir haben Lehrer von meinem Berufswunsch abgeraten und ich habe es geschafft. Man kann nicht gleich alles haben“, meint Karri. „Wenn man es sich zutraut, sollte man es tun“, fügt Hügel hinzu.

Aribert Ebeling ist froh, solche Kollegen zu haben. „Sie sind eine Bereicherung für uns. Gerade wegen der vielen Flüchtlinge wären wir froh, wenn sich mehr arabisch-stämmige Frauen und Männer bei uns bewerben würden. Die Polizei ist multi-kulti.“

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