Gegen Burnout: Frank Schumacher aus Nienburg gründet Selbsthilfegruppe

„Habe mich im Grunde als Dienstleistung mitverkauft“

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Nach wie vor sind Technik, Verkauf, Telefon sowie Terminkalender seine täglichen Begleiter, doch Frank Schumacher hat aus dem Burnout gelernt und will eine Selbsthilfegruppe gründen.

Nienburg - Die ersten Anzeichen hat er bemerkt, die Signale aber nicht erkannt. Damals. Heute kann Frank Schumacher rückblickend sagen: „Ja, sie waren sehr wohl vorhanden.“ Signale wie Herzrasen, Schmerzen in der Herzgegend, Schlaflosigkeit, nicht mehr abschalten können, Magen- und Darmbeschwerden, das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht, das immer stärker wird.

Burnout-Syndrom heißt es in der medizinischen Fachsprache, dieses Ausgebranntsein, diese totale Erschöpfung von Körper, Geist und Seele.

Lange hat der heute 49-Jährige, der jetzt eine Selbsthilfegruppe gründen will, die Alarmzeichen nicht einordnen, geschweige denn dagegen angehen können. Hochmotiviert und engagiert hat sich der Techniker für Melk- und Kühl-Anlagen ganz seinem Beruf verschrieben, hatte ab dem Jahr 2000 ein zukunftsweisendes Projekt als tatkräftiger Mitarbeiter seiner Firma federführend mit aufgebaut. Immer mehr Maschinen kamen hinzu, dann noch ein 24-Stunden-Notdienst.

„Heute bin ich überzeugt, dass mich das ins Burnout hat laufen lassen“, sagt Frank Schumacher. Rund um die Uhr erreichbar, Tag und Nacht. Das war er auch, selbst wenn er nicht an der Reihe war. Das Gefühl, unersetzbar zu sein, hatte ihn in sein ganz persönliches Hamsterrad katapultiert und ins immer schnellere Rotieren gebracht. Es zu stoppen war ihm nicht möglich.

Technik und Verkauf: Auf beiden Schienen war er in Fahrt. Kunden konnten ihn anrufen, wann immer sie wollten: „Ich habe mich im Grunde als Dienstleistung mitverkauft“, sagt er heute und betont: „Die Arbeit, die Erfolgserlebnisse haben mir Spaß gemacht.“ Die permanente eigene Überforderung hat er verdrängt: „Viel zu spät habe ich gemerkt, dass ich wie blind gegen die Wand gelaufen bin.“

Permanenter Klingelton des Handys nervt

Der permanente Klingelton seines Handys fing an, ihn zu nerven: „Jedes Mal gingen mir die Nackenhaare hoch.“ Irgendwann knallte er das Ding nachts gegen die Wand. Und fuhr dann doch los zum Kunden, dessen Maschine wieder mal ausgefallen war. „Das Gefühl der Hilflosigkeit, die Situation nicht mehr zu beherrschen, wurde stärker und stärker“, erinnert er. Massive Herzbeschwerden während eines Lehrgangs ließen ihn endlich seinen Hausarzt aufsuchen. Befund: Herz gesund, aber: Kürzertreten. „Geht gar nicht“, meinte Frank Schumacher.

Dann vertraute er sich seinem Chef an. „Der nahm mir das Handy weg, strich meinen Notdienst“, erzählt er. Die Folge: „Ein megaschlechtes Gewissen den Kollegen gegenüber, gesundheitlich aber ging es besser.“ Vorübergehend. Denn um den Verlust der vom Chef verordneten dezimierten Aufgaben auszugleichen, hatte er sich andere gesucht. „Neue Bälle aufgenommen“, nennt er das.

2013 zog ihm der Nervenzusammenbruch den Boden unter den Füßen weg. Am Schreibtisch. Wie oft hatte er sich insgeheim einen Herzinfarkt, ein gebrochenes Bein, irgendeinen anderen schlimmen Unfall gewünscht: „Sterben wollte ich dabei nie, im Unterbewusstsein hat es mich nach einer Auszeit gedrängt.“

Das mit einer Kur ging dann ganz schnell. Nicht einmal ein Monat verging zwischen Antrag und Kur-Beginn. Sechs Wochen, die sehr heilsam für ihn waren: „Ich war in Sicherheit, ich war geborgen.“

Dankbar denkt Schumacher an seine Frau, die ihm in all den zerrissenen Jahren immer zur Seite gestanden ist. Und die ihm half und hilft, das Wissen, die Erfahrungen aus der Kur im Alltag umzusetzen: „Unter anderem die Freizeit genießen, abends und an den Wochenenden das Handy ausstellen, die Arbeit nicht mehr mit nach Hause nehmen.“

Frank Schumacher braucht immer noch Halt. Die Gefahr, dass Rückfälle passieren können, ist ihm bewusst. Er will gegensteuern. „Ganz viele sind genau an diesem Punkt, an dem ich heute bin“, sagt er. Deshalb hat er, der von Beginn an ganz offen mit seiner Erkrankung umgegangen ist, Kontakt zu Annette Hillmann-Hartung, der Leiterin der Selbsthilfe-Kontaktstelle („Kibis“) im Paritätischen Wohlfahrtsverband Nienburg, aufgenommen. Mit ihrer Hilfe will er die Selbsthilfegruppe „Burnout“ gründen. Im gegenseitigen Erfahrungsaustausch die Fallstricke in Beruf und Alltag besser erkennen, hinterfragen und dadurch vermeiden helfen, sei das Ziel.

Frank Schumacher will „eine Tür aufmachen“. Zum ersten Mal am Mittwoch, 27. Mai, im Haus der Lebenshilfe, Mühlenstraße 7. Beginn ist um 19 Uhr.

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