In Nienburg, Hoya und Rehburg keine Sozialarbeit?

Förderschulen stinksauer wegen neuer „Knüppel“

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Die Stelle von Schulsozialarbeiter Timo Bindseil – hier während einer „Fußballpause“ mit Schülern – möchte die Rehburger Wilhelm-Busch-Schule gerne erhalten. Die Pläne des Landkreises sehen derzeit allerdings anders aus.

Nienburg/Hoya - Von Kurt Henschel und Michael Wendt. Noch im Sommer hatten die Förderschulen „Lernen“ in Rehburg und in Hoya im Kreis-Schulausschuss in Uchte und in einer Sitzung des Kreistags erfolgreich dafür gekämpft, zunächst nicht mit der in Nienburg (Friedrich-Fröbel-Schule) verschmelzen zu müssen. Es kehrte hinsichtlich des Weiterbestands über den 1. August 2018 hinaus Freude bei den Schülern, Lehrern sowie den Schulleitern Hans Albrecht (Gutenbergschule Hoya) und Jens Notzke (Wilhelm-Busch-Schule Rehburg) ein. Bis mindestens 1. August 2021 wähnten sie alle sich in relativer Sicherheit. Und nun? Jetzt fliegen ihnen neue „Knüppel“ zwischen die Beine beziehungsweise um die Ohren.

Grund für die Verärgerung ist eine Empfehlung des Ausschusses für Finanzen und Personal des Landkreises. Dessen Mitglieder haben sich unmittelbar vor dem Ende der Wahlperiode mehrheitlich dafür ausgesprochen, die jeweils halben Stellen für die Schulsozialarbeit an den drei Förderschulen zu streichen. Vor dem Hintergrund der stark rückläufigen Schülerzahlen werde eine weitere befristete Übernahme der Kosten für die Schulsozialarbeit „nicht als sinnvoll erachtet“, heißt es in den Unterlagen zur besagten Fachausschuss-Zusammenkunft. Peter Westermann (SPD) hatte sich für den Erhalt der Stellen ausgesprochen, Fraktions-Kollege Ernst Brunschön nur bedingt: Die Stellen seien sinnvoll, aber das Land sollte sie finanzieren. Wegen der angespannten Haushalts-Lage des Landkreises habe er sehr wohl Verständnis dafür, wenn die Mittel für die Schulsozialarbeit nicht mehr vom Landkreis kämen. Wilhelm Bergmann-Kramer (CDU) sowie Jürgen Leseberg (Wählergemeinschaft) sahen das zwar ebenso, allerdings riefe das dann auch die Forderung der Grundschulen, die vom Land ebenfalls keine Sozialarbeiter bekommen, auf den Plan.

Die Schulleiter sind stinksauer. Falls auch der Kreistag am 21. Oktober in seiner letzten Sitzung der auslaufenden Wahlperiode der Empfehlung des Ausschusses folgen sollte, dann träfe das die drei Förderschulen hart.

Albrecht: „Das ist eine Katastrophe!“

„Das ist eine Katastrophe!“, sagt Hans Albrecht gegenüber dieser Zeitung. Er stellt nicht infrage, dass Sozialarbeit auch an Grundschulen sinnvoll ist. Aber an Förderschulen mit einem teilweise schwierigen Schüler-Klientel sei sie dringend notwendig. Albrecht mahnte, der Landkreis soll seinen Konflikt mit dem Land nicht auf dem Rücken der Schüler austragen.

Der Schulleiter ist sauer auf die Kreistags-Politiker. Früher seien die Förderschulen über die sie betreffenden Themen informiert worden. „Von der Ausschusssitzung jetzt haben wir nur auf Nachfrage erfahren“, kritisiert Albrecht. Daraufhin hätten sich die Leiter der drei Förderschulen getroffen und die Probleme skizziert, die durch den Wegfall der Schulsozialarbeiter entstehen. Albrecht: „Herr Notzke hat dann ein Anschreiben an den Ausschuss geschickt und ist persönlich zur Sitzung gefahren. Befragt wurde er aber nicht.“

Selbst wenn der Kreistag der Ausschuss-Empfehlung nicht folgen sollte, befürchte Albrecht, dass den Schulen durch die derzeit vorgesehene Stellenstreichung ein Schaden entsteht. „Schauen Sie sich den Markt der Schulsozialarbeiter an: Es ist schwer, fachlich qualifiziertes Personal anzuwerben. Da ist es sehr schlecht, sehenden Auges den Karren in den Dreck zu fahren. Dann sind die Sozialarbeiter nämlich weg“, schimpft er.

Jens Notzke, Chef der Schule in Rehburg, äußerte sich auch im Namen seiner Nienburger Kollegin Susanne Brase. Er bezeichnet Schulsozialarbeit, auch bei sinkenden Schülerzahlen, als einen „elementaren Baustein einer erfolgreichen Förderung in den Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen“. Es gebe zwar weniger Schüler, aber die wiesen laut Notzke „fast in Gänze eine multiple Problemlage auf, von der die Lernstörung nur ein Symptom“ sei. Es gehe um „dissoziative Umfelder“, die „direkte Intervention, Konfliktgespräche, Elternarbeit, Beratung und Verknüpfung mit außerschulischen Partnern“ sowie weitere Dinge erforderlich machten. „Hier ist die Schulsozialarbeit aus dem Schulalltag nicht mehr wegzudenken“, so der Rehburger Schulleiter, der die erwähnten Aufgabenfelder auch „nicht wieder auf den Lehrkörper abgewälzt“ sehen möchte. Das sei auch unmöglich, so Notzke, da viele Lehrkräfte im Rahmen der Inklusion inzwischen an mehreren Schulen unterrichteten und „für diese Aufgaben weder Raum noch Zeit“ hätten.

Notzke: „Sozialarbeit ist erforderlich!“

„Versäumnisse jetzt führen in Zukunft zwangsläufig zu höheren Kosten“, ist Notzke überzeugt: „Fehlende soziale Kompetenzen, Fehlen eines adäquaten Schulabschlusses und damit der Verbleib in Fördersystemen“ seien die zu erwartenden Folgen. Ziele der Förderschulen seien, soziale Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen zu vermitteln, die es den Schülern ermöglichten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, eine Ausbildung aufzunehmen und in den ersten Arbeitsmarkt zu gelangen. Dazu, sagt Notzke, „ist das System von Förderung durch qualifizierte Förderschul-Lehrkräfte in Kooperation mit Schulsozialarbeit und weiteren Unterstützungs-Varianten erforderlich“. Der Chef der Wilhelm-Busch-Schule hofft nun, dass der Kreistag am 21. Oktober der jüngsten Empfehlung des Fachausschusses auf Streichung der Stellen für die Schulsozialarbeit nicht folgt.

Was macht ein Schulsozialarbeiter?

An der Gutenbergschule in Hoya arbeitet eine Schulsozialarbeiterin mit 20 Wochenstunden. Sie vermittelt zum Beispiel bei Konflikten zwischen Schülern, Familien und Jugendamt. Sie betreut einzelne Schüler in schwierigen Situationen, sie kümmert sich um Schulverweigerer und um Schulschwänzer. Ein weiteres Einsatzgebiet ist die Vermittlung von Praktikumsplätzen, denn die Gutenbergschule versucht intensiv, ihre Schüler auf das Berufsleben vorzubereiten.

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