Experten informieren über „SuedLink“ und kritisieren „unsaubere“ Planungen von „TenneT“

Hochspannung und mehrere Fragezeichen

+
Volles Haus: Ein Blick in den Sitzungssaal des Kreishauses in Nienburg, in dem sich Vertreter von Kommunen, Behörden und Verbänden aus dem Landkreis über das Projekt „SuedLink“ informierten.

Nienburg - Von Kurt Henschel. „Wir können aktuell nicht sagen, wer am Ende betroffen ist. Kann sein, dass wir heute über etwas reden, was Sie vielleicht gar nicht mehr betrifft.“ Es geht um „SuedLink“, die Trasse, die Strom von Wilster in Schleswig-Holstein nach Grafenrheinfeld in Bayern transportieren soll. Dass das notwendig ist, darüber sind sich die meisten einig, nur nicht über den Verlauf der Trasse.

Voll im Bilde: Die „SuedLink“-Referenten Professor Dr. Karsten Runge (r.) aus Hamburg und Jurist Dr. Peter Durinke (sitzend) aus Berlin.

Zum Dauer-Thema „SuedLink“ trafen sich am Montagnachmittag im Sitzungssaal des Kreistages in Nienburg die Vertreter von Kommunen, Behörden und Verbänden aus dem Landkreis Nienburg, um sich über den aktuellen Stand der Dinge zu informieren. Dazu hatte der Landkreis zwei Referenten eingeladen, die sich im Kreishaus ihren Zuhörern als ausgewiesene Experten präsentierten: Professor Dr. Karsten Runge, Geschäftsführer des Hamburger Planungsbüros Oecos, und Dr. Peter Durinke, Mitglied der Berliner Rechtsanwaltsgesellschaft De Witt und Spezialist für Kommunalrecht.

Zum Hintergrund: Im Rahmen der Bundesfachplanung für das Projekt „SuedLink“ hatte sich der Landkreis Nienburg im Sinne der „Hamelner Erklärung“ mit anderen Landkreisen zusammengeschlossen, um eine Überprüfung der Herangehensweise des Stromnetzbetreibers „TenneT“ vorzunehmen. Dabei begleiten den Landkreis eben die Teams von De Witt und Oecos.

Fakt ist derzeit, dass „TenneT“ seit Einreichen des Trassen-Bau-Antrags bei der Bundesnetzagentur an Korrekturen arbeitet und in Kürze einen nachgebesserten Antrag vorlegen muss. „Die stehen gerade mächtig unter Druck – ich beneide die Planer von ,TenneT‘ nicht“, erklärte Durinke. Er ging – wie eingangs erwähnt – sogar so weit, zu sagen, dass sich das Problem „SuedLink“ aus Sicht des Landkreises Nienburg möglicherweise verflüchtige, falls alle bisherigen und vielleicht bald neuen „TenneT“-Varianten der Trassenführung nicht die notwendige Akzeptanz sowie das rechtliche Okay bekommen sollten.

Durinke bezeichnete die Kritik der Bundesnetzagentur am Antrag von „TenneT“ als richtig. Es gehe bei den Beanstandungen „nicht nur um Kleinigkeiten“, sagte der Jurist. Viel schwerer wiege, dass die Bundesnetzagentur aktuell gar nicht wisse, „wie ,TenneT‘ zu seinen Korridoren kommt“.

Eine zurückhaltende Beschreibung der Emissionen, der noch unklare Erdkabel-Umfang, einige methodische Defizite im Antrag, keine klar definierten Grenzwerte sowie eine nach wie vor undurchsichtige Gesetzeslage – das „belaste“ derzeit die Planer von „TenneT“, die auch sonst unter Druck stünden: „SuedLink steht im politischen Fokus, das nehmen alle sehr ernst“, so Durinke, der darin eine Chance sieht, „TenneT“ zum Umplanen zu zwingen. Eine in der Sache „relativ offene Diskussions-Form sowie früh geäußerte Kritik“ hätten für Respekt gesorgt, so der Jurist: „So sollte es weitergehen.“

Professor Runge, der die umfassende Kritik an „SuedLink“ seit Antragsstellung am 12. Dezember 2014 verfolgt, erwartet den modifizierten Antrag im Spätsommer. Bisher, so Runge, habe „TenneT“ nicht kenntlich gemacht, dass es sich bei „SuedLink“ um ein Pilot-Projekt handele. Denn, so der Fachmann aus Hamburg: „Gleichstrom-Freileitungen sind was Neues!“

Runge bezeichnete in seinem Referat die technische Beschreibung der Umsetzung des Projekts als „unzureichend“. Er erwähnte „ionisierende Luftwolken“, Ozon, Stick-Oxide, sprach über verschiedene „Belästigungsfelder“ wie beispielsweise den Umstand, dass sich unter Freileitungen abgestellte Autos über Nacht aufladen könnten, Geräusche und eine mangelhafte Umweltprüfung. „Das ist keine saubere Planung“, so der Professor.

Querriegel und Engstellen, die als „Engpässe“ zusammengefasst sind, fehlendes Kartenmaterial, das Auskunft über Raumwiderstände geben müsste und die eher lapidare Annahme von „TenneT“, „da kommen wir schon irgendwie durch“, seien nicht akzeptabel. Runge: „Das geht gar nicht!“

Viele Raumwiderstände – beispielsweise Vogelschutzgebiete – seien im „TenneT‘-Antrag nicht berücksichtigt. Nur bedingt betreffe das die Raumordnung, sprich die Abstände zur Bebauung. Nicht exakt definiert sei die „Bündelung“, so Runge: „Die ganze Methodik des ,TenneT“-Antrags ist schief“, lautet seine Erkenntnis.

„TenneT“ wolle mit der Nord-Süd-Trasse „möglichst gerade durch“, verrät Runge. „Wir müssen uns überraschen lassen, was dabei dann rauskommt“, erklärte der Referent, der ebenso viele Fragezeichen benannte wie sein Vortrags-Kollege Durinke, der zudem „eine eindeutige Rechtsgrundlage“ in Sachen „Rechtsschutz“ vermisst.

Landrat Detlev Kohlmeier sowie Co-Moderator und Kreisrat Thomas Schwarz leiteten nach Beendigung der Ausführungen der beiden Experten über zum Frage-und-Antwort-Spiel. Die Bürgermeister Walter Eisner (Liebenau), Martin Franke (Rehburg-Loccum), Hans-Jürgen Bein (Wietzen), Detlef Meyer (Hoya), Angelika Sack vom Fachbereich Bauen des Landkreises sowie Uwe Schindler von der niedersächsischen Behörde für Straßenbau und Verkehr gehörten zu denen, die spezifische Fragen der weiteren Vorgehensweise stellten und auch beantwortet bekamen.

Hoyas Samtgemeindebürgermeister Detlef Meyer war dann derjenige, der – vermutlich ungewollt – das Schlusswort bei dieser Zusammenkunft sprach: „Die Veranstaltung war ausgesprochen gut, aber ich kann nicht sagen, dass ich nun schlauer bin.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Zwei Elfmeter-Tore: DFB-Elf zieht ins EM-Viertelfinale ein

Zwei Elfmeter-Tore: DFB-Elf zieht ins EM-Viertelfinale ein

Bilder: Keine Nerven vom Punkt - DFB-Frauen siegen gegen Russland

Bilder: Keine Nerven vom Punkt - DFB-Frauen siegen gegen Russland

Schwimmer Wellbrock erreicht WM-Finale: "Riesig"

Schwimmer Wellbrock erreicht WM-Finale: "Riesig"

Sommerreise durch den Landkreis Diepholz - der Dienstag

Sommerreise durch den Landkreis Diepholz - der Dienstag

Meistgelesene Artikel

Löschen mit den Waldbrandexperten

Löschen mit den Waldbrandexperten

Gosse fertig, Leitungen im Bau, Asphalt kommt

Gosse fertig, Leitungen im Bau, Asphalt kommt

„Full House Band“ sorgt für vollen Schuppen

„Full House Band“ sorgt für vollen Schuppen

Kommentare