Die ersten Tage nach der Ankunft von Flüchtlingen in Langendamm

Der Versuch, Alltag einkehren zu lassen

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Sowohl mit Langendamms Bürgermeister Wilhelm Schlemermeyer (l.) als auch mit dem dolmetschenden Karim Iraki (r.) unterhielt sich Moataz Hamad in der Behelfsunterkunft

Langendamm - Von Nikias Schmidetzki. Ein wenig bunter dürfte es in den nächsten Wochen im Nienburger Ortsteil Langendamm werden. Am Sonnabend haben 45 Flüchtlinge das bisherige Offizierskasino direkt neben der Kaserne bezogen.

Zum größten Teil aus Syrien, aber auch aus neun weiteren Staaten kommen die Asylsuchenden, vorwiegend Männer, ein paar Frauen und eine Jugendliche. Platz für weitere Flüchtlinge ist noch da, ob und wann noch welche nach Langendamm kommen, ist ungewiss. Innerhalb kürzester Zeit hatten Soldaten und Mitarbeiter des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) ab Donnerstag das Gebäude geräumt und vorbereitet (wir berichteten).

Einer Begrüßung von Nico Eickhoff, ASB-Leiter der Behelfsunterkunft, folgten medizinische Untersuchung und Registrierung der Gäste von Verbands- und Notärztin Sylvia Finkelmann gemeinsam mit den Sanitätskräften der Schnell-Einsatz-Gruppe des ASB und Dolmetschern. Karim Iraki, Integrationsbeauftragter und selbst Langendammer, hatte sich um die entsprechenden Fachleute gekümmert. Ein Bild von der Situation machten sich zudem Dr. Mengert, ärztlicher Leiter Rettungsdienst des Landkreises Nienburg, Ortsbürgermeister Wilhelm Schlemermeyer sowie Mitarbeiter des Ordnungsamtes. Mit dabei waren auch Vertreter der Initiative „Flüchtlingshilfe Nienburg“ und berichten: „Einige waren nur mit sommerlicher Kleidung wie kurzen Hosen und Flipflops bekleidet. Wir konnten etwa 15 Männer mit Kleidung ausstatten. Ein Anfang zumindest.“

Die medizinische Erstuntersuchung aller Flüchtlinge gibt Sicherheit für Helfer und Gast

Nach den ersten Tagen nun versuchen alle so etwas wie Normalität einkehren zu lassen. Die Flüchtlinge erhalten Frühstück, Mittag und Abendessen, um einem „Lagerkoller“, wie es ASB-Geschäftsführer Jens Sewohl nannte, entgegenzuwirken, stehen zudem Spiele und Fußbälle zur Verfügung – ebenso wie stets ASB-Helfer für Unterhaltungen. Insgesamt gestalten die Gäste ihren Alltag aber autark. Und dabei seien sie äußerst selbstständig, lobt Sewohl. „Die packen mit an, regeln vieles selbst und setzten sich nicht ins gemachte Nest“, hebt er hervor. Das bestätigt auch sein Kollege Eickhoff: „Gerade hat mir doch einer der Gäste den Putzeimer aus der Hand genommen und für mich weitergearbeitet“, wusste er schon am Samstag kurz nach der Ankunft zu berichten.

Alle dort unterstützten sich gegenseitig, meint Sewohl. Selbst die Sicherheitsleute, die engagiert sind, damit nicht jeder in die Unterkunft kommt, seien zeitgleich helfende Hand und Übersetzer. Die Flüchtlinge sind nicht kaserniert, das Gebäude ist für jeden erreichbar, erste Erkundungen der Gegend haben einige der Asylsuchenden bereits hinter sich. Aufgeteilt ist das Gebäude in vier Zimmer zum Schlafen sowie Sanitärräume, einen zum Essen und Verweilen. Hinzu kommen Funktionsräume für die Mitarbeiter, darunter auch für die medizinische Versorgung. Waren die ersten Flüchtlinge noch dezentral und anonym untergebracht, ist diese als Behelfsunterkunft eingestufte Einrichtung nun deutlich bekannter. Angst vor Übergriffen habe man dennoch nicht, meint Sewohl. „Das ist hier ein Landkreis, in dem Integration gelebt wird“, ist seine Einschätzung.

Wie lange das Kasino als Unterkunft dienen wird, ist noch völlig ungewiss. Für die nächsten zwei Wochen hat der ASB wenigstens mit einer Änderung des Dienstplans für Personal gesorgt. Notfalls müssen später Kollegen aus Hannover hinzu stoßen. Dort werden sogar extra neue Mitarbeiter eingestellt. Außer diesen Hauptamtlichen, von denen tagsüber vier bis fünf und nachts zwei plus erwähnte Sicherheitsleute in Langendamm eingesetzt sind, wollen schon jetzt etliche Ehrenamtliche helfen. Deutschlehrer etwa wollen beim Spracherwerb unter die Arme greifen, sowohl ideologische wie auch materielle Hilfsangebote liegen vor. Die viel zitierte „Welle der Hilfsbereitschaft“ schwappt auch nach Langendamm. Wer selbst auch helfen möchte, etwa beim Wäschewaschen oder anderen Alltagsdingen, sollte sich unter der kostenlosen Rufnummer 0800/ 97 11 112 beim ASB melden.

Am Ziel – vorerst

Allein innerhalb einer Woche war Moataz Hamad in Deutschland in der Nähe Hamburgs, in Schwerin, in Braunschweig und nun in Langendamm untergebracht. Der 27-jährige Syrer ist einer der Flüchtlinge, die am Sonnabend ihre Odyssee im Langendammer „Kasino“ vorerst beendet haben. Sein Weg hatte in zunächst in die Türkei geführt, wo Verwandte schon waren. Alleine machte sich der ledige Mann auf den Weg übers Meer nach Griechenland. Mit 28 Personen fuhr er auf einem Fischerboot eine Insel an, bekam eine Fahrkarte für ein Passagierschiff, erreichte Athen und kam letztlich mit dem Flieger nach Deutschland. Funktioniert hat das Ganze auch aufgrund eines gefälschten Ausweises, der ihn als Italiener identifizierte. Ein Schleuser hatte dafür gesorgt. Bezahlt hat Moataz Hamad für ihn 3 500 Euro. Etwa 20 Tage war er insgesamt unterwegs. Eigentlich lebte er in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Als er in Syrien war, kam er nicht mehr zurück, er ließ seine Eltern in die Türkei fliehen und folgte einige Zeit später. Dass er nun in der Unterkunft in Langendamm wohnen darf, sei für ihn gut. Der Umgang mit ihm und den anderen Flüchtlingen sei einwandfrei.

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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