Wilhelmsturm wird für verschiedene Projekte genutzt

Erbaut von Grafen, belebt von Märchen

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Wilhelmsturm in Rehburg-Loccum: 24 Meter Höhe reichen im Sommer nicht, um über die umliegenden Baumwipfel blicken zu können.

Rehburg-Loccum - Von Beate Ney-Janßen. Eine Kuriosität zwischen den Landkreisen ist der Wilhelmsturm. 1848 als Erinnerung an den Grafen Wilhelm erbaut und auf Schaumburger Land gelegen, ist der Turm im Besitz der Stadt Rehburg-Loccum. Über Sinn und Zweck des Turmes gibt es unterschiedliche Überlieferungen. Ein beliebtes Ausflugsziel ist der Turm mitten im Wald in den Rehburger Bergen allemal.

An jedem Sonntag und Feiertag wird das „Haus Bergleben“ geöffnet und der Turm ist zur Besteigung offen. Dafür sorgt der Bad Rehburger Kulturerhaltungsverein. Dieser hat die Pflege des Turms 1989 übernommen und betreibt seitdem in dem kleinen Fachwerkhaus daneben an jenen Tagen von 10 bis 18 Uhr eine Gastronomie.

Wanderer auf dem Weg zum Turm haben diese oftmals nötig. Kommen sie von der Nienburger Seite, also auf dem Fußpfad, der in Bad Rehburg in der Verlängerung der Friedrich-Stolberg-Allee auf den Berg führt, so mussten sie zuvor ein recht steiles Bergstück überwinden. Festes Schuhwerk ist bei jeder Witterung angesagt, denn der Pfad ist eben nur ein Waldweg.

Ähnlich ergeht es jenen, die vom Schaumburger Wölpinghausen hinaufsteigen. Dort ist die Steigung zwar sanfter, der Wirtschaftsweg macht aber manchen Schlenker über Waldboden notwendig, wenn Forstfahrzeuge kurz zuvor tiefe Rillen in den Weg gefahren haben.

Abschreckend sollen diese Beschreibungen allerdings keineswegs klingen. Von dieser oder jener Seite lohnt der Spaziergang zu jeder Jahreszeit – ob im Frühjahr, wenn rundum zartes Grün an den Laubbäumen knospet, im Sommer, wenn die dichte Belaubung Schatten spendet, in herbstlichen Farbtönen oder auch im Winter, wenn der Blick von der Spitze des Turmes relativ unverstellt auf das Land ist.

Bäume so hoch wie der Turm

Der unverstellte Blick – das ist etwas, was sich Martin Klingenberg, der Vorsitzende des Kulturerhaltungsvereins, wünscht. Als der 24 Meter hohe Turm auf dem Berg gebaut wurde, waren die Bäume rundum noch wesentlich jünger. In alten Erzählungen wird mit schwärmerischen Worten vom Blick auf den „glitzernden Spiegel des Steinhuder Meers“ geschwärmt, davon, dass bei klarem Wetter die Rathauskuppel Hannovers auf der einen Seite, das Hermanns-Denkmal auf der anderen Seite zu sehen sind.

In Richtung Porta Westfalica ist zumindest in Zeiten, in denen die Bäume kahl ihre Äste in den Himmel ragen lassen, noch einiges von dieser Aussicht vorhanden. Das Steinhuder Meer hingegen lässt sich selbst dann nur noch erahnen. Sichtschneisen sind also der Wunsch Klingenbergs. Doch das lässt sich so schnell wohl nicht verwirklichen, da sich ein großer Teil des umliegenden Waldes in Privatbesitz befindet und forstwirtschaftlich genutzt wird.

Die vielen Stufen auf die obere Plattform des Turmes hinauf gehen Besucher dennoch gerne und sträuben sich auch nicht, einen Euro als Benutzungsgebühr zu zahlen. Der Turm muss unterhalten werden und das kostet. Außerdem ist die Besteigung selbst ein kleines Abenteuer für sich. Wie viele Stufen hinaufführen, will Klingenberg nicht verraten. Das ist eine Aufgabe, die er Kindern immer mit auf den Weg gibt. Wer richtig gezählt hat, bekommt eine kleine Belohnung.

Wie im Märchen

Eine Kindergartengruppe aus Niedernwöhren hat Klingenberg auch auf eine Idee gebracht, von der er sagt, dass sie bei ihm „noch gärt“. Den kleinen Balkon, ungefähr auf halber Turmhöhe, hatten die Kinder als den Ort identifiziert, von dem Rapunzel ihr Haar herablassen müsse. Damit das Märchen der Gebrüder Grimm ordentlich anschaulich wird, flochten sie einen langen gelben Zopf aus Wolle. Den bekam der Verein geschenkt und hängt ihn nun bei manchen Gelegenheiten an das Balkongeländer. Diese Idee will Klingenberg noch ausbauen.

Eine Hexe – entsprechend der Zauberin aus dem Märchen – könnte er sich als Figur an dem Turm vorstellen. Und weil der Turm manches Mal auch schon genutzt wurde, um von der Spitze herab Menschen abzuseilen, könnte doch vielleicht auch ein „Prinz“ versuchen, sich an dem „Haar“ heraufzuziehen. Auch das Anpflanzen von Rapunzeln – also Feldsalat – am Fuß des Turms habe er schon in Erwägung gezogen, sagt Klingenberg schmunzelnd. Eine schöne Prinzessin, die auf weißem Ross nach ihrer Errettung das Weite sucht, hatte er bereits vor einigen Jahren am Turm – damals kam das „Infanterie-Regiment Graf Wilhelm“ aus Wölpinghausen mit dieser Dame samt Pferd zum Turm.

Dieses Infanterie-Regiment – eine Truppe, die in historischen Gewandungen die Zeit im Schaumburger Land zu Zeiten des Grafen Wilhelm lebendig hält – gehört üblicherweise zum festen Repertoire, wenn der Kulturerhaltungsverein zum 1. Mai ein Fest am Wilhelmsturm ausrichtet. Dann rückt die Truppe an, baut ein Biwak auf, lässt oft Böllerschüsse aus Kanonen gen Steinhuder Meer erschallen, exerziert und treibt auch manchen Schabernack. Einige Jahre lang mussten Besucher um einen Passierschein bitten, bevor sich der Schlagbaum vor ihnen hob. Schließlich ist der Wilhelmsturm Grenzland.

In diesem Jahr wird das Fest am Turm ebenfalls am 1. Mai gefeiert. Das Regiment rückt aber erst zu Himmelfahrt, dann aber mit umso größerem Aufgebot, an. Ein Jubiläum feiern die Damen und Herren dann in größerer Runde und die Besucher können sich auf viel Sehenswertes freuen.

Geschichte ungewiss

Über die Geschichte des Turms ist wenig bekannt. 1777 hat sich der damalige Graf Wilhelm – der Namensgeber des Turmes – ein kleines Jagdhaus auf der Spitze des Berges bauen lassen. Kaum waren ein Zimmer und die Küche fertig gestellt, zog er ein. Seinen Lebensabend wollte er in der beschaulichen Umgebung verbringen. Die Freude des Grafen währte aber nur kurz. Wenige Monate darauf, am 10. September 1777, starb er in dem „Haus Bergleben“, wie er es genannt hatte. Graf Wilhelm, seine Frau und seine Tochter wurden in einem Mausoleum nahe dem „Schloss Baum“ beigesetzt. Das „Haus Bergleben“ war verwaist. Nur rund 13 Jahre blieb es stehen, dann wurde es abgetragen und aus seinen Steinen die Apotheke in Bad Nenndorf gebaut.

Einer von Graf Wilhelms Nachfolgern wollte jedoch an ihn erinnern – und ließ den Turm in den Jahren 1846 bis 1848 erbauen. Wie es dazu kam und welche weiteren Gründe für den Bau existierten – dazu gibt es unterschiedliche Ansichten. Zum einen, erzählt Klingenberg, soll der Turm gebaut worden sein, weil wegen einer Missernte Hungersnot herrschte. Fürst Georg und seine Frau sollen den Bau initiiert haben, um der Not leidenden Bevölkerung Arbeit zu verschaffen. Der Verdienst für einen Steinträger soll 40 Pfennige pro Tag gewesen sein.

Die andere Überlieferung besagt, dass der Turm zu Vermessungszwecken gebaut wurde. Der Name Karl Friedrich Gauß fällt in diesem Zusammenhang. Der soll beauftragt worden sein, das Land ringsum zu vermessen. Und hatte dazu den Turm nötig. Dass Gauß zu denjenigen gehörte, die zur Bade-Kur nach Bad Rehburg kamen und er die Umgebung insofern kannte, ist gesichert. Ob er aber nun tatsächlich die Vermessung der Welt auch in den Rehburger Bergen leitete, will Klingenberg noch genauer erforschen.

Das „Haus Bergleben“ war also schnell wieder von dem Berg herunter, der Turm wurde an eben jener Stelle gebaut. In den 1940er Jahren soll dann der damalige Eigentümer des Waldgebietes den Turm mit einem umliegenden Grundstück der Gemeinde Bad Rehburg geschenkt haben. 1974 wiederum, im Zuge der Gebietsreform, ging der Turm in das Eigentum der neu gegründeten Stadt Rehburg-Loccum über. Das Fachwerkhaus neben dem Turm, das in Erinnerung an frühere Zeiten den Namen „Haus Bergleben“ trägt, baute das aus Wölpinghausen stammende Ehepaar Struckmeyer 1978 auf. Ein kühles Getränk war seit jener Zeit am Wilhelmsturm zu bekommen. Diese Tradition führte auch der Kulturerhaltungsverein fort, als er 1989 die Pflege und den Betrieb des Turms übernahm. Seitdem ist sommers wie winters an Sonn- und Feiertagen geöffnet.

Wer zu anderen Zeiten mit Gruppen den Turm erklimmen möchte, kann sich unter 0171/9661547 oder unter martinklingenberg@gmx.de in Verbindung setzen.

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