Für Nienburgs Gleichstellungsbeauftragte Flora Auf dem Berge beginnt der Ruhestand

Mit einem halben Stuhl fing vor Jahren alles an

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Vieles kommt weg, vieles möchte Flora Auf dem Berge aber auch der Nachwelt erhalten. Sie räumt derzeit ihr Büro auf und verlässt das Rathaus Ende des Monats.

Nienburg - Von Nikias Schmidetzki. Mit einem halben Stuhl nahm alles seinen Lauf. Ohne den wäre Flora Auf dem Berge vielleicht gar nicht zurück nach Nienburg gekommen. Nun blickt die 65-Jährige zurück auf ihre Zeit als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Nienburg, eine der ersten in der Region. Ende des Monats geht sie in den Ruhestand.

Besagten Stuhl, in der Mitte durchgesägt, hatten Frauen nämlich vors Rathaus geschleppt, um gegen die Pläne zu protestieren, der einzustellenden Gleichstellungsbeauftragten nur eine halbe Stelle zur Verfügung zu stellen. Am Ende ist es eine ganze geworden, anders sei die Arbeit auch nicht zu bewältigen gewesen, sagt Flora Auf dem Berge heute. Noch bis Ende Juni ist sie offiziell bei der Stadt angestellt. Schon jetzt nutzt sie ihren Resturlaub, um aufzuräumen, auszumisten und zu sortieren. „Ich möchte ja, dass vieles erhalten bleibt“, sagt sie. Daher wird das Archiv jede Menge aus ihren Schränken und von ihrem Schreibtisch bekommen.

Das könnte es auch der Nachfolge erleichtern. Eine Übergabe wird es nämlich nicht geben. Wann die Stelle wieder besetzt wird, ist noch völlig unklar. Sicher ist für Flora Auf dem Berge nur, dass es mittelfristig geschehen muss. Zwar schreibe die aktuelle Gesetzeslage für Städte in der Größe Nienburgs nur eine ehrenamtliche Kraft für den Posten vor. Die Landesregierung arbeite aber an einem Gesetz, nach dem wieder eine hauptamtliche Stelle geschaffen werden müsse.

Fast wie damals also, vor 23 Jahren. 1992, nach langen Diskussionen und eben jener Aktion mit dem halben Sitzmöbel, hatte die nun scheidende Gleichstellungsbeauftragte ihren Job angetreten. Nienburg kannte sie aus Kindertagen, lebte jedoch mit ihrem eigenen Nachwuchs schon lange in Rheinland-Pfalz. Sozialwissenschaften hatte sie studiert, lange Zeit mit psychisch Kranken gearbeitet. Etwas völlig anderes habe sie machen wollen, da kam die Ausschreibung aus dem entfernten, aber dennoch bekannten, Nienburg gerade recht. Erst Monate nach ihrer Einstellung verabschiedete die damalige Landesregierung das Gesetz, dass Städte ab 20 000 Einwohnern eine Gleichstellungsbeauftragte vorzuhalten haben, das es schon nach Jahren in der Form wieder nicht mehr gab. Kurz später hieß ihr Posten Frauenbeauftragte, dann wieder Gleichstellungsbeauftragte, ihrem Posten blieb sie treu.

Einen großen Teil ihrer Aufgaben suchte sich Flora Auf dem Berge selbst, zwar hatte die SPD ihr eine Liste, die es abzuarbeiten galt, mitgegeben. Immer mehr ergab sich aber mit der Zeit von selbst. Ratsunterlagen gingen durch ihre Hände, um Fortbildungen kümmerte sie sich, baute und pflegte Netzwerke, und schließlich beriet sie viele Frauen und einige Männer zu den unterschiedlichsten Themen. Auch verwaltungsintern war sie Ansprechpartnerin für viele. Anfangs skeptisch beäugt ergänzen sich das Wirken vom Personalrat und Gleichstellungsbeauftragter heute gut, sagt sie.

Ja, holprig sei der Start gewesen, meint sie. Es ging gar soweit, dass sie sich nach gut zwei Jahren „weg beworben“ hatte. Sie hatte keinen Fortschritt für sich gesehen. Das hat sich geändert. Trotzdem sagt Flora Auf dem Berge: Es gibt noch viel zu tun. Noch lange nicht, sei die Gleichberechtigung erreicht. „Frauen können noch nicht alles erreichen“, meint sie. Insbesondere die Kombination aus Beruf und Familie biete noch viele Verbesserungsmöglichkeiten.

Erreicht habe sie im Stadtgebiet dennoch einiges, obgleich vieles nicht sichtbar ist. Sehr wohl zu sehen sind etwa die Benennung einiger Straßen nach Frauen, und vor allem die des „Amalie-Thomas-Platzes“. Schon in den 90er-Jahren hatte sie zusammen mit Patricia Berger, damals Mitarbeiterin und heute Leiterin des Stadt- und Kreisarchivs, zum Weltfrauentag am 8. März einigen Nienburger Straßen kurzfristig Namen bedeutender Frauen gegeben, um auf ein Ungleichgewicht bei der Benennung hinzuweisen. Auch der heutige Name „Marion-Dönhoff-Gymnasium“ freut sie. Und: „Dass wir FrauenORT geworden sind.“ Bei aller Gleichstellung im Berufstitel: Die Arbeit mit und für Frauen hat es ihr ganz offensichtlich besonders angetan.

Während nicht ganz sicher ist, wie es mit dem zunächst vakanten Posten im Rathaus weitergeht, hat Flora Auf dem Berge für sich persönlich schon einige Pläne. Vorbereitet auf den Ruhestand hat sie sich schon lange, sie habe sich selbst gecoacht, sagt sie. Vorstellen kann sie sich etwa ein Seniorenstudium und viele Besuche. „Ich habe Verwandtschaft in aller Welt“, sagt sie. Auch bei ihren Kindern und ihrem Enkel möchte sie Zeit verbringen. Und dann gibt es ja noch das Zuhause mit den beiden Katern und der Möglichkeit viel, viel zu lesen. Ihre Lebensgefährtin muss noch etwas arbeiten, erst dann können sie ihre freie Zeit gemeinsam nutzen.

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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