Kulturerbe-Siegel

Ein paneuropäisches Projekt in Loccum

Ein Teil der ausgeklügelten Wasserwirtschaft der Zisterzienser ist der Brauteich innerhalb der Klostermauer Loccums.
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Ein Teil der ausgeklügelten Wasserwirtschaft der Zisterzienser ist der Brauteich innerhalb der Klostermauer Loccums.

17 Städte aus 5 europäischen Staaten haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen das Europäische Kulturerbe-Siegel bekommen. Die Zisterzienserklöster, die in diesen Städten vor Jahrhunderten gegründet wurden, haben die Kommunen zusammengeführt. Auch im niedersächsischen Loccum liegt eines dieser Klöster.

Loccum – „Es soll ein großes paneuropäisches Projekt werden“, sagt Rehburg-Loccums Bürgermeister Martin Franke. Vernetzung ist das Stichwort, das er beim Pressegespräch in den hallenden Raum der kleinen Johannes-Kapelle des Klosters Loccum wirft. Diese Vernetzung macht er mit einer Karte deutlich, auf die Kreuze des Zisterzienser-Ordens in Tschechien und Polen, der Slowakei, Österreich und Deutschland eingezeichnet sind.

Der Antrag der 17 Kommunen sei im September eingereicht worden, erzählt Franke weiter. Von den Kommunen, nicht von den Klöstern oder deren Nachnutzern, betont er. Denn nicht die geistlichen Stätten und deren mehr oder weniger beeindruckende Bauten sollen das Kulturerbe-Siegel bekommen, sondern die Landschaften um sie herum. Landschaften, die von Mönchen verändert und geprägt wurden.

Zur Landschaft um Loccum kann Christian Wiegand Auskunft geben. Der Landschaftsplaner aus Hannover erzählt von den neun Nächten, die er samt Hund in Loccums Pilgerhaus verbracht hat. In den zugehörigen Tagen strich er durch die Landschaft und kam den Zisterziensern auf die Spur. Wiegand lädt auf eine Erkundungstour ein. Zuerst zum Brauteich innerhalb der Klostermauer, angelegt von Mönchen kurz nach der Klostergründung zum Zweck der Wasserversorgung des Klosters.

„Die Zisterzienser hatten ein ausgeklügeltes System für ihre Wasserwirtschaft“

„Die Zisterzienser hatten ein ausgeklügeltes System für ihre Wasserwirtschaft“, berichtet er und deutet auf Kloster und Stiftskirche. Darunter, sagt er, befinde sich ein Kanalsystem mit Schächten, die teilweise zwei Meter hoch seien. „Zuallererst haben sie die Kanäle gebaut“, erläutert er und berichtet mit nahezu ehrfürchtigem Tonfall von dem ausgeklügelten Plan, mit dem zwölf Mönche samt Abt 1163 in die sumpfige Niederung Loccums kamen. Einer der wichtigsten Bestandteile dieses Plans sei die Wasserwirtschaft gewesen. Denn Wasser, das wussten die Mönche, war entscheidend für den Fortbestand eines Klosters.

Wiegand führt seine kleine Gruppe auf die andere Seite der Klostermauer. Die Beckerbeeke möchte er unbedingt zeigen. Auf den ersten Blick ist die nicht der Rede wert. Ein winziges Bächlein, das sich an Feldrändern entlang schlängelt bis es im Wald gen Kloster fließt. „Aber“, wirft Wiegand ein, „die Beckerbeeke ist von den Mönchen angelegt worden.“ Zwei Kilometer sei sie lang und – das sei der Clou – über diese weite Strecke mit minimalstem Gefälle angelegt. Der Höhenunterschied zwischen der Ursprungsquelle und dem Brauteich betrage nur wenige Meter. Das ist nur eine der vielen Meisterleistungen der Zisterzienser, mit denen Wiegand einen ganzen Aktenordner gefüllt hat.

Selbstzweck soll diese Inventarisierung der Klosterlandschaft nicht sein. Alle 17 Klosterkommunen arbeiten derzeit an zwei gemeinsamen Projekten. Das eine sind Modelle der jeweiligen Landschaften, um die Veränderungen darin deutlich zu machen. Das zweite ist ein Wanderweg über 5000 Kilometer, der die 17 Klosterlandschaften miteinander verbindet und sogar noch weiter führt. Sein Ziel wird das Kloster Citeaux in Frankreich sein. Dort gründete Bernhard von Clairvaux 1098 den Zisterzienserorden.

„Die Zisterzienser waren eine Reformbewegung“, erläutert Birgit Birth, Geschäftsführerin im Kloster Loccum. Sie spalteten sich von den Benediktinern ab, weil diese ihnen zu satt geworden waren. Clairvaux Credos hingegen waren Demut, Bescheidenheit und eine Gemeinschaft, die alles miteinander teilt.

Gemeinschaft stark vernetzt

„Sobald sich ein Kloster etabliert hatte, sind einige der Mönche weitergezogen, um das nächste zu gründen“, erzählt Birth. Eine sich schnell ausbreitende Gemeinschaft, die aber stark vernetzt blieb. „Beim jährlichen Generalkapitel haben sie nicht nur geistliche Erfahrungen ausgetauscht, sondern auch Techniken, die sie erfunden haben.“ Das war einer der Gründe, weshalb Demut und Bescheidenheit nach einigen Jahrhunderten ins Hintertreffen gerieten. Auch wegen ihres technischen Fortschritts wurden die Zisterzienser reich – der Anfang vom Niedergang des Ordens.

An diesem Punkt klinkt Franke sich ein. „Ist es mit diesem Orden nicht ähnlich wie mit Europa?“, fragt er. Zuerst seien alle begeistert gewesen von der Idee und hätten an einem Strang gezogen. Nun seien viele europamüde geworden und fragten sich, wozu es diese Gemeinschaft überhaupt noch gebe. „Wir wollen die europäische Idee beleben“, sagt er. Das Kulturerbe-Siegel für die zisterziensischen Klosterlandschaften soll ein Baustein dieses Ziels sein.

Geht alles gut, wird das Siegel 2024 verliehen. Um dann mit Leben gefüllt zu werden. In Loccum wollen Franke und Birth die Auszeichnung touristisch nutzen und planen zudem mit Bildungseinrichtungen von der Evangelischen Akademie bis zum Religionspädagogischen Institut Loccum ein umfangreiches Programm. An der Beckerbeeke staunen sie noch einmal über das, was den Zisterziensern gelang, weil sie bereit waren, ihre Erfahrungen auszutauschen. Solch ein intensives Netzwerk erhoffen auch die Loccumer sich.

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