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Braucht die Gesellschaft Fachärzte für alte Menschen?

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Stephanie Lorenz, Chefärztin der Geriatrie der Helios Kliniken Mittelweser am Standort Stolzenau.
Stephanie Lorenz, Chefärztin der Geriatrie der Helios Kliniken Mittelweser am Standort Stolzenau. © Helios Kliniken Mittelweser

„Die Notwendigkeit der Geriatrie als Fachdisziplin wurde lange nicht erkannt“, sagt ein Experte über das Thema „Ärzte für alte Menschen“. Wir haben mit ihm gesprochen.

Stolzenau – Niemand würde daran zweifeln, dass die Gesellschaft Kinderärzte braucht. Aber am anderen Ende des Altersspektrums? Ein Arzt für alte Menschen? Für diese Erkenntnis haben Menschen und Mediziner etwas länger gebraucht, berichtet Stephanie Lorenz, Chefärztin der Geriatrie der Helios Kliniken Mittelweser in Stolzenau. „Die Notwendigkeit der Geriatrie als Fachdisziplin wurde lange nicht erkannt“, wird sie in einer Pressemitteilung zitiert.

„Diesen Konsens hat die Medizin erst vor circa 15 Jahren gefunden.“

Zur Geriatrie oder Altersmedizin schreibt der Bundesverband Geriatrie auf seiner Internetseite: „Geriatrie – auch Altersmedizin genannt – befasst sich mit Erkrankungen und Unfallfolgen bei Menschen, die zumeist älter als 65 Jahre sind und in der Regel mehrere Erkrankungen gleichzeitig haben. [...] Geriatrie liegt ein ganzheitlicher und interdisziplinärer Ansatz zugrunde, der die alterstypischen Einschränkungen und Erkrankungen mitsamt ihrer Folge- und Wechselwirkungen berücksichtigt. Zentrales Anliegen der Geriatrie ist der bestmögliche Erhalt von Selbstständigkeit und Mobilität älterer Menschen.“

Zusammenspiel verschiedener Disziplinen

Mit einem Beispiel aus der Praxis versucht Lorenz, zu erläutern, was das bedeutet: „Wenn ein junger Mensch ein Herzproblem hat, geht er normalerweise zum Kardiologen, wird behandelt, geht wieder nach Hause und lebt sein normales Leben weiter. Bei einem alten Menschen ist das so einfach nicht umsetzbar.“ Der durchschnittliche Patient, der nach Stolzenau in die geriatrische Behandlung komme, sei mindestens 70 Jahre alt, akut erkrankt und leidet an multiplen weiteren chronischen Erkrankungen.

Bei diesen Patienten werde zunächst ein multidimensionales Assessment durchgeführt. „Neben dem körperlichen Befinden müssen wir unter anderem auch wissen, wie der soziale Status oder die Möglichkeit der Selbstversorgung ist. Wie sind die Wohnverhältnisse? Kann der Patient nach der Behandlung nach Hause zurück, weil er in ein familiäres Umfeld kommt, das ihn unterstützt? Oder wohnt er alleine im fünften Stock des Miethauses und kann mit seinem Rollator die Treppen nicht mehr bewältigen? Das ist für uns und die weitere Versorgung der Patienten ein erheblicher Unterschied“, betont Lorenz.

All das zeige schon, dass eine geriatrische Behandlung auf das Zusammenspiel verschiedener Disziplinen angewiesen ist: die Physiotherapeuten, die bei der Mobilisation helfen, Logopäden für Sprach- und Schluckübungen, Psychologen und Seelsorger, da viele alte Menschen in Folge der Einsamkeit depressiv werden und keinen Sinn im gesund werden sehen. Ergänzend oder parallel dazu würden noch Geriatrie-Koordinator, Pflege und Ärzte, Sozialdienst und nicht zuletzt auch die Angehörigen am Therapieziel arbeiten.

Therapie nicht um jeden Preis

Das Therapieziel ist dabei nicht gleichbedeutend mit der Behebung eines Schmerzes, erklärt Lorenz in der Pressemitteilung: „Natürlich ist die Linderung und Heilung von Schmerzen wichtig. Doch letztlich zählt bei unseren Patientinnen und Patienten die Verbesserung der Lebensqualität und Selbstständigkeit, die Stärkung von Kraft und Beweglichkeit und idealerweise natürlich die Rückkehr in die eigene Häuslichkeit.“

Die Chefärztin macht aber gleichzeitig deutlich, dass die Altersmedizin nicht um jeden Preis therapiere. Es müsse unterschieden werden zwischen individuellen Fällen. So kann ein 85 Jahre alter Mensch noch agil sein und sein Leben selbstständig meistern, genauso könne er aber bettlägerig und ein schwerer Pflegefall sein. In Gesprächen – auch hier wieder mit den Angehörigen – müsse erläutert werden, wem eine kräftezehrende Tumortherapie zugemutet wird.

Hat die Ärztin denn auch einen Tipp, wie man sich fit halten kann? Zumindest ein Idealbild, welches sie in der Mitteilung beschreibt: „Mein klassisches Beispiel sind die Rentner, die morgens die Tageszeitung lesen, idealerweise noch das Kreuzworträtsel lösen, dann im eigenen Garten nach dem Rechten schauen und sich nachmittags mit Freunden auf einen Kaffee treffen.“

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