Ehrenamtliche versorgen in der Regel 100 Kunden pro Tag in der Ausgabestelle Nienburg

Essen von der Tafel: Kein Grund zur Scham

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Thea Sosnitza gilt als Urgestein bei der „Nienburger Tafel“. Sie verteilt Lebensmittel an Kunden wie Paul Swart.

Nienburg - Von Vivian Krause. Vor einer Tür an der Leinstraße in Nienburg steht eine Traube von Menschen. Sie unterhalten sich auf kurdisch, deutsch, russisch. Die Menge wartet darauf, dass die Tafel ihre Tore öffnet. Jeder bekommt eine Nummer, von eins bis 55. Es ist 14 Uhr und das Klingeln einer Glocke ertönt, wie das Einläuten der Runde eines Boxkampfes. Die Tür geht auf, der erste tritt hinein und steht vor einer lächelnden Dame: „Möchten Sie ein Brot oder ein Baguette?“

Statt Chaos und Gedränge um Lebensmittel, herrscht Ordnung und Zurückhaltung. Die „Tafel Nienburg“ hat Regeln in ihrer Ausgabezeit, die ein geordnetes Miteinander schaffen. Vielleicht liegt es auch daran, dass heute nur 55 Menschen vor der Tafel auf Lebensmittel warten. „Es ist noch vergleichsweise wenig los. Sonst haben wir hier mehr als 100 Kunden“, erklärt die Tafel-Leiterin Beate Kiehl. Bei rund 31 800 Einwohnern in Nienburg eine recht geringe Anzahl, bei zehn Ehrenamtlichen, die sie in etwa zwei Stunden versorgen, schon beachtlich. In der ersten Hälfte des Jahres bedienten die Helfer 4 700 Kunden in allen vier Ausgabestellen. Denn neben Nienburg ist die Tafel auch in Neustadt, Stolzenau und Hoya aktiv (montags, mittwochs, donnerstags).

Die Auslage ist prall gefüllt mit allerlei Lebensmitteln – Salatköpfe, Kohl, Konserven oder Chips – und diese scheinen auch nie weniger zu werden. Denn die fleißigen Helfer im Hintergrund haben die Körbe immer im Blick, räumen Kisten von der einen Ecke in die andere und füllen sofort nach, wenn etwas fehlt.

Erneut klingelt es – das Zeichen für den nächsten in der Schlange hineinzukommen. Dabei gilt die Regel: Es stehen nur so viele Kunden vor der Theke, wie Ehrenamtliche dahinter. Darunter Gertrud Wiebke und Thea Sosnitza. „Das sind unsere Urgesteine“, schmunzelt Kiehl. Und mit mehr als 16 Jahren Tafel-Zugehörigkeit kann man das durchaus behaupten.

Die Nummern verschaffen einen Überblick, sodass die Nahrungsmittel gerecht verteilt werden können. Einer Familie mit drei Kindern steht mehr zu als einer Einzelperson. Verständlich.

Ein paar Schritte weiter, abseits der Fragen rund um Brote, Paprika und Fenchel, sitzt Helga Reis mit zwei neuen Kunden von der Elfenbeinküste. Sie beantragen gerade ihren Tafel-Ausweis – auf englisch. Ziemlich international hier.

Für dieses Papier wird ein Nachweis benötigt, der bestätigt, dass der Kunde Hartz IV, Wohngeld oder Grundsicherung bezieht.

Blitzschnell hat Helga Reis die Daten in den Laptop eingegeben, da hört man das Surren des Druckers. Dann müssen die Karten nur noch laminiert werden und schon übergibt sie die Ausweise mit einem Lächeln an die „Neuen“. Einige Minuten später stehen auch sie wartend in der Schlange.

Auf dem Hof der Tafel ertönen Motorengeräusche. Das heißt: Neue Lebensmittel sind angekommen.

Zwei Wagen der Tafel sind täglich auf Routen bis nach Bremen oder Hannover unterwegs und sammeln bei Supermärkten, Bäckereien und Großhändlern Waren ein. „Die Fahrer sind immer mindestens zu zweit unterwegs, besser noch zu dritt“, so Kiehl. Die Waren werden anschließend in einem Kühlraum gelagert und von dort weiter verteilt. „Die Kühlkette wird eingehalten und die Lebensmittelhygiene ist auch erfüllt“, betont Kiehl.

Die Helfer kontrollieren frisches Obst und Gemüse. Sollte es vom Transport beschädigt oder schlichtweg nicht mehr „gut“ sein, werfen sie es in einen separaten Korb. „Die Trauben will ich“, sagt ein Kunde und zeigt auf diesen Korb. Keine Chance. Keine aussortierten Lebensmittel für die Kunden.

Maria Epp ist neu bei der Tafel. Seit sechs Stunden helfe sie bereits. Mit einem Strahlen im Gesicht und auch in den Augen hinter ihrer Hornbrille begrüßt sie die Kunden. Sie ist selbst vor Jahren mit ihrer Familie aus Mazedonien geflüchtet. „Das war eine ähnliche Situation, wie jetzt in Ungarn. Ich möchte einfach etwas zurückgeben.“

Es klingelt wieder, die Tür geht auf. „Möchtest du auch Salat mitnehmen?“ – „Ja, und Paprika.“ Dankbarkeit auf der einen Seite, Höflichkeit auf der anderen.

„Sei freundlich“ steht in schwarzen Lettern auf einem ausgedruckten Papierschild über dem Waschbecken im Mitarbeiterbereich. Unter dem Schriftzug ein lächelndes Smiley. Das haben sich alle Ehrenamtlichen offenbar hinter die Ohren geschrieben. Selbst als ein Kunde zum dritten Mal nach einem weiteren Salatkopf fragt, bleiben sie ruhig und erklären ihm, dass jeder nur zwei haben darf. Sonst würde es nicht für alle reichen.

Geld klimpert. Der Kunde wühlt in seinem Portemonnaie und fischt dann einen Euro heraus. Vor mehr als zehn Jahren beschlossen die Kunden, der Tafel einen kleinen Obolus für ihren Einkauf zu zahlen. Für einen Einzelnen beträgt dieser einen Euro, für bis zu vier Leute zwei Euro und ab fünf 2,50 Euro.

Die Klingel, neue Kunden. „Wir fangen hier an und gehen Schritt für Schritt weiter“, werden sie aufgeklärt. Keiner drängelt, die Mitarbeiter erklären geduldig, was es heute zur Auswahl gibt und am Ende der Theke sind alle selbst mitgebrachten Tüten und Körbe mit dem gefüllt, was der Kunde auch wirklich braucht.

Eine Mutter kommt reingeschneit und bringt Baby-Brei sowie Windeln vorbei. Den hat ihr Kleines nicht vertragen. Und schon stehen die gespendeten Waren mit in der Ausgabe.

Es klingelt und die nächsten Kunden treten ein. Stammkunden. „Die Hälfte kennt man sicher über Jahre“, schätzt Kiehl. Manche bleiben nach einiger Zeit weg, da sie wieder einen Job gefunden haben. Einer davon kam wieder. „Ich fragte ihn, ob er seinen Job verloren hat. Dabei kam er nur vorbei, um uns fünf Euro zu spenden“, schwelgt Kiehl in Erinnerungen.

Die Kunden sind alt und jung, Singles und Familien, aber eins haben sie gemeinsam: Sie sind bedürftig. 18 Nationen kaufen bei der Tafel ein. Dies führt schon mal zu Kommunikationsschwierigkeiten. Doch die Kunden fungieren auch untereinander als Dolmetscher.

„Do svidaniya“ – Maria Epp hat gerade eine Dame auf russisch bedient. „Es macht Spaß und die Zeit verfliegt förmlich“, strahlt Epp bevor sie wieder zur Ausgabe-Theke zurück eilt.

Eile scheint auch von Nöten zu sein, besonders an Tagen mit über 100 Kunden. Denn bevor nicht der letzte Kunde bedient ist, schließt die Tafel ihre Türen nicht.

Ein weiteres Klingeln. Nummer 55 kommt rein, der letzte Kunde für heute. Danach wird es wuselig. Jeder Mitarbeiter kennt seine Aufgabe. Salate werden sortiert, Kisten gestapelt, Türen klappern und die Besen huschen über den Boden. Der Tag für die Ehrenamtlichen neigt sich dem Ende zu.

Trotz ausgelassener Stimmung unter den Helfern hält Tafel-Leiterin Beate Kiehl fest: „Wir haben nicht genügend Fahrer und finanzielle Mittel.“ Helfen könne jeder, Jung und Alt, für ein paar Stunden oder, wie es die persönlichen Möglichkeiten zulassen, aber auch mit Geld- oder Sachspenden.

Weitere Informationen zur Tafel oder den Ausgabestellen gibt es online

www.nienburger-tafel.de

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