Zu wenig Geld, Wasserflächen und Personal

Nienburger DLRG beklagt fehlende Kapazitäten für Schwimmkurse

1966: Kinder lernen Schwimmen bei einem Kurs im Nienburger Freibad an der Mindener Landstraße.
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Die alten Zeiten: Die Nienburger Ortsgruppe in der DLRG hat bereits 1966 Anfängern das Schwimmen beigebracht. Die Aufnahme zeigt einen Kurs im Nienburger Freibad an der Mindener Landstraße.

Die ersten heißen Tage locken viele Menschen ans Wasser – je nach Pandemielage ins Freibad oder an den Badesee. So weit, so normal. Hannes Reichert und seine Kollegen von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) beobachten die Lage allerdings mit Sorge. Der Grund: Immer weniger Kinder und Erwachsene lernen schwimmen. Die Corona-Pandemie hat auch im Landkreis Nienburg die bereits brisante Lage weiter verschärft, sagen die Rettungsschwimmer.

Wann kann jemand richtig schwimmen? Hannes Reichert ist Sprecher des Nienburger Ortsverbandes der DLRG und betont: „Das Seepferdchen-Abzeichen allein reicht nicht.“ Wer das Seepferdchen besteht, der kann gemäß der Regeln der DLRG vom Beckenrand springen, sich dann 25 Meter in einer Schwimmart fortbewegen und einen Gegenstand mit den Händen aus schultertiefem Wasser holen. Die Fachleute sind sich einig: Wenn jemand sagt, dass er oder sie schwimmen kann, sollte mindestens das Bronze-Abzeichen vorliegen.

Erst Bronze-Abzeichen heißt „kann richtig schwimmen“

Für das Bronze-Abzeichen müssen die Schwimmer hingegen nachweisen, dass sie einen Kopfsprung vom Beckenrand und 15 Minuten am Stück schwimmen können. In dieser Zeit müssen sie laut DLRG mindestens 200 Meter zurücklegen, davon 150 Meter in Bauch- oder Rückenlage in einer erkennbaren Schwimmart sowie 50 Meter in der anderen Körperlage. Dazu kommen einmal etwa zwei Meter tief tauchen und einen Gegenstand bergen sowie ein Paketsprung.

Reichert befürchtet, ebenso wie sein Amts-Kollege Achim Wiese vom DLRG-Bundesverband, dass die Wasserretter in diesem Sommer besonders viel zu tun haben werden. „Wir befürchten für die Sommersaison 2021 deutlich mehr Probleme und Zwischenfälle am und im Wasser als bereits in der Saison 2020“, sagt Wiese.

Schwimmkurse: Riesige Nachfrage

„Viele unterschätzen, wie viel Fitness verloren gegangen ist, wenn sie lange zu Hause sind und sich über einen langen Zeitraum nicht regelmäßig und ausreichend bewegen“, erläutert er. Zudem befürchten die Lebensretter eine Verschlechterung der Schwimmfertigkeiten – eine Folge der Schwimmbad-Schließungen und der fehlenden Ausbildungsmöglichkeiten für Nichtschwimmer. Im Landkreis Nienburg sind bei einem Blick auf die Homepage der DLRG-Ortsgruppe mehrere Wassergewöhnungskurse sowie Schwimmkurse im Angebot. Aber: Alle sind ausgebucht (Stand: 2. Juni). „Die Nachfrage ist enorm. Wir führen keine Wartelisten mehr, weil das utopisch wäre“, berichtet der Ortsgruppen-Sprecher. Zudem müssen die im Oktober wegen der Corona-Pandemie abgebrochenen Kurse abgeschlossen werden.

Wie passt das zu der Befürchtung, dass immer weniger Kinder schwimmen lernen? „Wir bieten in der Ortsgruppe Nienburg jährlich 50 Plätze für Anfänger an“, sagt Reichert. Diese Plätze sind erfahrungsgemäß schnell belegt. „Da ist die Nachfrage größer als das, was wir mit unseren Ehrenamtlichen stemmen können“, berichtet der 30-Jährige. „Es gibt heute weniger Möglichkeiten, schwimmen zu lernen als früher“, sagt der Sprecher. So gebe es nicht genug Plätze in den Kursen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite würden immer mehr Bäder geschlossen – gerade während der Pandemie.

Mehr Nichtschwimmer mangels Lern-Gelegenheit

Besonders deutlich wird das in Reicherts Augen am Beispiel Schule: Vor einigen Jahren gehörte Schwimmunterricht in der Regel zum Lehrplan. Heute sei er nahezu von allen Stundenplänen verschwunden; in Zeiten von hohen Infektionszahlen erst recht, stellt der Sprecher fest. Er schätzt, dass zwei Jahrgänge betroffen sind.

Ein weiteres Problem: „Viele Kinder machen zwar die Wassergewöhnung und das Seepferdchen, hören dann aber auf“, weiß Reichert. Dabei sei regelmäßiges Training über längere Zeit entscheidend, um sich sicher im Wasser zu bewegen. Da zeigt sich die Schwachstelle des jetzigen Systems: „Uns fehlen einfach die Wasserflächen, die Zeiten für Kurse und die Ehrenamtlichen, die diese leiten könnten“, fasst Reichert die Lage im Nienburger Raum zusammen.

Auch Geld ist ein Teil des Problems: Qualifiziertes Personal, das Kurse leiten darf, ist teuer. „Auf 14 Kinder muss ein Übungsleiter kommen“, so der Sprecher. Zugleich wollten die Vereine die Kursgebühren niedrig halten, damit sich möglichst viele Familien die Kurse leisten können. Das sei das eine große Herausforderung für die Vereine, so Reichert.

Herausfordern war auch die bisherige Pandemie-Zeit. „Man muss aber sagen, dass uns ganz viele Leute die Treue halten“, freut sich der Sprecher. Zudem habe sich im Bereich der Ausbildung einiges getan: So ist vieles digital weitergeführt worden, was zuvor „live“ geschehen ist. Als Beispiele nennt Hannes Reichert Online-Trainings im Bereich Athletik und Ausdauer. Schwierig gestaltet sich Reichert zufolge im Nienburger Ortsverband das Training für Ausbilder und Rettungsschwimmer. „Ein Teil der Leute ist noch nicht geimpft, ein anderer Teil ja“, ergänzt Reichert. „Wir haben alle Federn gelassen, aber das größte Problem ist und bleibt die Nichtschwimmer-Situation“, fasst der Sprecher zusammen. Daher wolle der Nienburger Ortsverband in diesem Sommer auch mehr Anfänger-Kurse in Freibädern anbieten.

Weitere Informationen

https://nienburg.dlrg.de

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