Altes Altarbild wieder aufgetaucht

Rehburg: Der Schatz vom Sperrmüll

Thorsten Albrecht hebt im Archiv der Landeskirche das Bettlaken über dem verschollen geglaubten Altarbild.
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Das Ende der Suche: Thorsten Albrecht hebt im Archiv der Landeskirche das Bettlaken über dem verschollen geglaubten Altarbild. Es zeigt das Abendmahl.

Rehburg – Dieser Novembertag, kühl, feucht und grau, kann für Michael Kalla kaum besser sein. „Mensch“, sagt Rehburgs Pastor, „Mensch…“ Mehr Worte hat er noch nicht angesichts der guten Nachricht, die er eben erhalten hat: Das seit vielen Jahren verschollene Altarbild seiner Kirchengemeinde ist wieder aufgetaucht.

Thorsten Albrecht, Leiter des Kunstreferats der Landeskirche Hannover, ist ähnlich fassungslos wie Kalla. Was dem Pastor noch bevorsteht, kann er aber schon genießen: Er lüpft einen Zipfel des Bettlakens, das über dem nahezu mannshohen Bild hängt. Darunter kommt die Abendmahlsdarstellung zum Vorschein, die alle endgültig verschollen wähnten. „So etwas ist mir in meinen 14 Jahren hier im Amt noch nie passiert“, sagt er kopfschüttelnd.

Alte Leinwand sollte auf den Sperrmüll

Was ihm noch nie passiert ist, begann 1999. Damals musste die Rehburger Kirche umfangreich saniert werden. Um Geld zu sparen, krempelte der Kirchenvorstand die Ärmel hoch und räumte die Kirche selbst leer. Beim Stöbern zogen die Vorsteher so einiges hervor, was irgendwann abgestellt worden war. Sie nutzten die Gelegenheit, um einen Sperrmüllhaufen aufzuschichten, auf dem auch eine alte Leinwand, 1,50 Meter hoch, 90 Zentimeter breit, rissig und mit staubschwarzer Oberfläche landete. Zwei, drei Tage später begann es zu regnen. Auch auf die Leinwand, von der schwarze Schlieren liefen. Darunter lugte ein Gemälde hervor.

Was lag näher, als diese Leinwand Restaurator Paul-Uwe Dietzsch zu zeigen, der ohnehin mit Restaurierungen in der Kirche beauftragt worden war? Dietzsch war sich sicher, dass unter Staub und Dreck ein Altarbild verborgen lag. Eine Abendmahls-Darstellung, deren Größe genau dem Bild mit dem Gekreuzigten entsprach, vor dem sich in Rehburg die Gläubigen beim Kirchgang versammelten.

Restaurator wird neugierig

Die Neugierde von Dietzsch war geweckt. Er bat darum, das Bild in sein Atelier in Grasberg mitnehmen zu dürfen, um es genauer zu untersuchen. Der Kirchenvorstand hatte nichts dagegen. Wenig später schickte er ein Angebot für die Restaurierung. Auf das die Kirchengemeinde nicht reagierte.

„Und dann“, sagt Kalla, „ist das Bild in der Rehburg wohl schlicht und einfach vergessen worden.“ Ein Auftrag an Dietzsch zum Flicken der Risse, zur Reinigung der Oberfläche und zum Auffrischen der Farben sei jedenfalls nie erteilt worden.

War es reine Neugierde von Dietzsch, die ihn dazu brachte, die Arbeiten dennoch auszuführen? Die Unbedarftheit des Künstlers gegenüber dem formellen wirtschaftlichen Vorgang? Fragen, die nicht mehr gestellt werden können. 2009 starb der Restaurator. Zuvor startete er aber zwei Versuche, das in neuem Glanz strahlende Altarbild den Eigentümern zurückzugeben und Lohn für seine Arbeit zu bekommen.

Der erste Versuch erfolgte 2004 im landeskirchlichen Kunstreferat, dem er mitteilte, dass er der Gemeinde einen Preisnachlass gewähren wolle, wenn sie das Bild selbst bei ihm abhole. Der zuständige Mitarbeiter setzte sich mit der Kirchengemeinde in Verbindung. Die wieder nicht reagierte.

Erstmals 1748 in Dokumenten erfasst

Noch einmal versuchte Dietzsch 2005 sein Glück. Mit einem Anruf bei einem Kirchenvorsteher. Der antwortete lapidar, dass Dietzsch das Bild in seinem Atelier hängen lassen solle. Momentan habe die Gemeinde kein Geld. Ab diesem Zeitpunkt geriet der Dachbodenfund in seinem Heimatort in Vergessenheit. Auch, weil Kirchenvorstand und Pastor wechselten. Bis 2016 der Vorsitzende des Rehburger Bürger- und Heimatvereins, Fritz Mackeben, im Landeskirchenamt Hannover Unterlagen zu der Kirche suchte und über eine dünne Akte mit dem Vorgang zum Altarbild stolperte. Etwas, wovon weder er noch Kalla jemals gehört hatten. Kalla begann zu recherchieren, fand mit Albrechts Hilfe heraus, dass das Bild vermutlich bereits 1748 mit Fertigstellung der Kirche Einzug hielt. Wann und weshalb es ausgetauscht wurde? Dazu gibt es keine Hinweise.

Albrecht schätzt die Entstehung des Werkes auf Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Malweise sei gekonnt, der Maler habe eine gute Ausbildung gehabt. Da das hannoversche Königshaus den Bau der Rehburger Kirche unterstützte, schließt er nicht aus, dass einer der königlichen Maler den Pinsel angesetzt hatte. Kein Fund, der der Entdeckung eines Rembrandts gleicht, aber ein Stück Rehburger Geschichte, das es auf jeden Fall zu erhalten gilt.

In den folgenden Jahren zogen Kalla und Albrecht an einem Strang und eine kleine Odyssee begann. Erbin von Paul-Uwe Dietzsch war dessen Tochter, von ihr hatten sie lediglich eine E-Mail. Antworten bekamen sie kaum jemals und niemals mit konkreten Aussagen. Mit detektivischem Spürsinn kamen die Männer zu einem Kontakt mit Dietzsch’ Schwägerin. Ein Lager mit Bildern existiere noch, teilte sie mit, und machte sich auf die Suche, um schließlich mitteilen zu müssen, dass sie nichts gefunden habe. Sollte das Bild endgültig verschwunden sein?

Unter einem staubigen Bettlaken im landeskirchlichen Archiv

Weshalb Albrecht an einem trüben Novembertag einen seiner Mitarbeiter bat, doch noch einmal im Archiv nachzusehen, weiß er nicht. „Ich hatte so ein Gefühl“, sagt er. Eine Stunde später rief er Kalla an: „Wir haben das Altarbild gefunden!“ Was sie gesucht hatten, stand all die Jahre von einem Bettlaken verhüllt an eine Wand des landeskirchlichen Archivs gelehnt. „Es war kein Zettel angeheftet, keine Notiz dabei“, beteuert Albrecht und geht davon aus, dass Dietzsch das Bild nach seinem letzten Kontakt zur Rehburger Gemeinde resigniert der Landeskirche brachte. Wer es in Empfang nahm, wie es im Archiv landete – ein großes Rätsel.

In wenigen Tagen wird das Altarbild zurück nach Rehburg kommen. Dort will Kalla mit dem Kirchenvorstand überlegen, was mit ihm geschehen soll. Wird es gegen die Kreuzigungs-Szene über dem Altar ausgetauscht? Auch die Frage der Bezahlung für die Restaurierung ist noch offen. Albrecht zieht indes Konsequenzen aus der Sache: Er will das landeskirchliche Archiv durchforsten, um weitere Irrläufer ausschließen zu können.

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