Bürgerentscheid über Abwahl des Verwaltungs-Chefs am 13. September

Volker Friemelt erträgt seine „öffentliche Hinrichtung“

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Sieger sehen anders aus: Volker Friemelt, Marklohes Samtgemeindebürgermeister, wirkt nach dem Kritik-Bombardement am Donnerstag im Samtgemeinderat geknickt und völlig ratlos.

Marklohe/Wietzen - Von Kurt Henschel. Auf 130 Zuhörer war er vorbereitet, der Inhaber des Gasthauses Kunst in Wietzen, doch die Stühle reichten nicht aus: Etwa 20 weitere Gäste mussten mit Stehplätzen zufrieden sein während der öffentlichen Sitzung des Rates der Samtgemeinde Marklohe am Donnerstagabend. Da ging es zwar um wichtige Angelegenheiten, dennoch war unzweifelhaft ein einziger Punkt verantwortlich für den Besucher-Run: Volker Friemelt, amtierender Samtgemeindebürgermeister, und das von den Rats-Angehörigen angestrebte Abwahl-Verfahren (wir berichteten ausführlich).

Fazit: Der Chef der Verwaltung im Markloher Rathaus ist ordentlich geschoren worden, hat aber seine „öffentliche Hinrichtung“ wegen seiner vermeintlichen „Unfähigkeit“, dieses Amt ausführen zu können, mehr oder weniger tapfer ertragen. Und dennoch: So lieb und nett und freundlich er auch ist, seine Position hat er nicht stärken können. Und: Das Tuch zwischen Rat und Friemelt ist nicht nur gerissen, es ist vollkommen zerfleddert. Diesen Eindruck mussten alle gewinnen, die den Weg zu dieser Sitzung angetreten hatten.

Die Zusammenkunft war noch keine fünf Minuten alt, als Horst Reschke (CDU) die erste Attacke gegen Friemelt ritt: Er beklagte die kurzfristige Ladung, die der Tatsache geschuldet war, dass Friemelt einen Punkt der Tagesordnung zunächst im nichtöffentlichen Teil zu behandeln gedachte, ehe sich herausgestellt habe, dass die Angelegenheit einer Dienstaufsichtsbeschwerde eines seiner Mitarbeiter gegen Friemelt öffentlich zu behandeln ist – mit der gebotenen Diskretion. Erste Unruhe unter den Zuhörern („Das kann doch wohl nicht wahr sein“) kam auf.

Auch Horst Schreiber von der SPD hielt sich nicht zurück. Zwar sei es „allen nicht leichtgefallen“, das Abwahl-Verfahren einzuleiten, aber es sei nicht gelungen, nach fast zwei Jahren mit Volker Friemelt an der Spitze der Verwaltung „alles in Struktur zu bringen“. Das Ganze habe, so Schreiber, auch „nichts mit Parteiengeplänkel zu tun – es geht um eine ordnungsgemäße Führung dieses Amtes“. Weil der Glaube fehle und die Erfahrung gezeigt habe, dass Volker Friemelt nicht geeignet sei, eine moderne Verwaltung zu führen, sei der Vorschlag geboren, „Herrn Friemelt abzuwählen“, so Schreiber.

Weitere Beispiele von Unzulänglichkeiten (keine Weitergabe von Informationen, Alleingänge bei der Eindämmung der Katzen-Population und bei der Zuschuss-Frage für die Musikschule, unzulängliche Vorbereitung auf Sachthemen, Ablehnung eines Coaching-Angebots, Versäumnisse bei Fördermitteln für den Kindergarten in Lemke sowie Nachlässigkeiten bezüglich der Beantragung von Mitteln im Städtebauförderungsprogramm) prasselten auf den inzwischen sichtlich angeschlagenen Bürgermeister ein. Friemelt versuchte zwar immer wieder, sich zu rechtfertigen, gestand aber nicht nur einmal ein, dass die Kritik aus dem Rat gerechtfertigt sei („Ja, ich gebe zu, das hätte ich anders machen können“).

Grünen-Sprecher Dirk Wahl: „Er hat immer alle Unterstützung erhalten.“ Das bestätigte Friemelt auch – dennoch scheint klar: Der Samtgemeinderat hat die Geduld verloren.

Überschätzung der eigenen Arbeit?

Klare Worte von Zuhörer Friedrich Sieling

Bei Halbzeit der zu bewältigenden Tagesordnung eröffnete Susanne Schlüter (CDU) als Vorsitzende des Markloher Samtgemeinderats die Einwohnerfragestunde. Etliche Gäste meldeten sich zu Wort – unter anderem der Kreistagsabgeordnete Friedrich Sieling (CDU / Bild). Er erklärte in Richtung Samtgemeindebürgermeister Volker Friemelt, dass er davon ausgehe, „dass man für ein bestimmtes Amt die erforderlichen Voraussetzungen“ besitze. „Ich weiß nicht, wie man sich so einstufen kann. Ich meine, dass du das Format nicht hattest“, so Sieling zu Friemelt. Und weiter: „Du hattest dir vor rund zehn Jahren den Posten des Kämmerers erstritten, diesen aber nach sechs Monaten wieder abgegeben. Wenn ich merke, dass das nicht läuft, dann hätte ein Rücktritt ohne finanzielle Einbußen klappen können. Das wäre positiv für dein Image und das der Samtgemeinde gewesen. So aber geht Volker Friemelt kaputt und die Samtgemeinde auch“, sagte Sieling, der dann noch hinzufügte: „Es gibt eine vollkommene Überschätzung der eigenen Arbeit – und darunter haben wir zu leiden.“ Sielings abschließende Worte: „Wenn man 38 Jahre in der Verwaltung gearbeitet, es aber nicht zu einer Führungskraft geschafft hat, dann darf ich mich nicht als Chef bewerben. Hilfsbereit und nett ja – aber der Wähler kann nicht beurteilen, ob auch Führungsfähigkeit vorliegt.“ Betretenes Schweigen im Raum. Friemelt als Adressat der Sieling-Ausführungen unterbricht es und erklärt seinerseits: „Das Volk hat mich gewählt. Ich habe die höchste Verwaltungs-Ausbildung, bin also qualifiziert.“

Warum tut er sich das alles nur an?

Ein Kommentar von Kurt Henschel

Menschlich gleicht es einer Tragödie, was da derzeit in der Samtgemeinde Marklohe mit Bürgermeister Volker Friemelt geschieht. Der Verwaltungs-Chef, sympathisch, nett und freundlich, genügt aber dienstlich den Anforderungen nicht. Zu dieser Erkenntnis sind die Mandats-Inhaber des 23-köpfigen Samtgemeinderats in den vergangenen 20 Monaten der Friemelt-Amtszeit gelangt – Ausnahmen: die beiden „Enthalter“ Cunow und Schlemermeyer sowie - selbstverständlich - Friemelt selbst. 20 Gegner streben nach nun 20 Monaten seine Abwahl an, er selbst aber will seinen Stuhl nicht freiwillig räumen. Deshalb kommt es jetzt am 13. September zum Bürgerentscheid, von dem sich Friemelt erhofft, dass die Einwohner, die ihn in dieses Amt gehievt hatten, dafür sorgen, dass er es auch behält. Der Verlauf der Sitzung am Donnerstag in Wietzen und die Anzahl der Argumente für Friemelts Unzulänglichkeiten in seiner Amtsführung lassen da kaum Platz für Optimismus. Stellt sich eigentlich nur eine Frage: Warum tut sich Volker Friemelt dies alles an? Er hat sich offenbar doch überschätzt und geglaubt, Chef derjenigen sein zu können, die zuvor seine Kollegen gewesen waren. Dass Volker Friemelt ein schweres Erbe von seinem Vorgänger und jetzigen Landrat Detlev Kohlmeier übernehmen würde, muss ihm bewusst gewesen sein. Mutig von ihm, diese Aufgabe angegangen zu sein, aber ist das eine „öffentliche Hinrichtung“ wert? Wie auch immer der Bürgerentscheid ausgeht – Volker Friemelt nimmt in jedem Fall Schaden. Und die Samtgemeinde ebenso. Noch ist Zeit, dem Schrecken ein Ende zu setzen, bevor der Schrecken kein Ende beziehungsweise kein gutes Ende findet. Erlaubt sein muss noch die Frage, was die drei Bürgerversammlungen in der Sache noch bringen sollen. Eine „Hinrichtung“ ist eigentlich bereits eine zu viel. Will Volker Friemelt wirklich noch drei Wiederholungen des Donnerstagabends ertragen? Eigentlich kann so etwas niemand wirklich aushalten.

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