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Liebenauer Spitze für den Buckingham Palace

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Von: Katrin Köster

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Marie Luise Prinzhorn (l.) und Adina Sternemann mit modernen Beispielen der Klöppelkunst.
Marie Luise Prinzhorn (l.) und Adina Sternemann mit modernen Beispielen der Klöppelkunst. © Sternemann

Brokeloh – Sie zierte einst die Gewänder und Mantelsäume reicher Damen und Herren bei Hofe: Spitze war und ist bis heute filigrane Handarbeit. Die Liebenauer Klöppelspitze hat es gar bis an den englischen Königshof gebracht, berichten Adina Sternemann (65) aus Uchte und Marie-Luise Prinzhorn (72) aus Brokeloh. Die Frauen sind nicht nur versierte Klöpplerinnen, sie organisieren auch die Brokeloher Klöppeltage, die am 7. und 8. Mai zum 29. Mal über die Bühne gehen sollen.

Was hat es mit der Liebenauer Klöppelspitze auf sich? „Das war schon ein bekanntes und wertvolles Handelsgut, eine Marke“, sagt Adina Sternemann. „Das war seit jeher eine Tüllspitze, also besonders fein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie unter anderem ans britische Königshaus geliefert“, berichtet die Expertin. In fast allen Königshäusern habe es damals sogar eigene Etats für Spitze gegeben. „Spitze war ein Statussymbol. Und so gab es neben dem Kriegsetat auch einen eigenen Etat für Spitze.“

Die sogenannten Musterbriefe informieren die Handarbeiterinnen, welches Muster die fertige Spitze haben sollte. Das Katalog-Bild zeigt drei Cluny-Muster aus Schuhkarton. Diese Vorlagen wurden einst an Liebenauer Klöppler-Familien verteilt.
Die sogenannten Musterbriefe informieren die Handarbeiterinnen, welches Muster die fertige Spitze haben sollte. Das Katalog-Bild zeigt drei Cluny-Muster aus Schuhkarton. Diese Vorlagen wurden einst an Liebenauer Klöppler-Familien verteilt. © Katalog Museum Nienburg

Hergestellt wurde das filigrane Gewebe unter anderem in Liebenau, von Frauen und Kindern. Gelernt hatten sie die Technik bei sogenannten „Knüppelmüttern“. Aus blanker Existenznot der Familien begannen offenbar bereits Sechsjährige damit, das Klöppeln zu lernen und so zusätzliche Einnahmen zu generieren. Das geht aus einem Artikel von Sven Riepe hervor, der in einem Katalog zur Sonderausstellung des Nienburger Museums im Jahr 1993 erschienen ist.

„Es gibt in der Gegend außerdem die Geschichte, dass die Liebenauer Männer sogar vermehrt dem Alkohol gefröhnt hätten – aus Kummer darüber, dass ihre Frauen nicht mehr kochten oder die Gartenarbeit erledigten. Die waren alle am Klöppeln und wollten sich die Hände nicht aufrauen“, erzählt Adina Sternemann. Jedes Haus habe damals einen eigenen Klöppelbrief bekommen, in dem das Muster der Spitze aufgezeichnet gewesen sei. Diese Briefe hüteten die Familien sorgsam.

Diese Haube stammt etwa aus dem Jahr 1800. Zu dieser Zeit war die Liebenauer Spitze weit verbreitet.
Diese Haube stammt etwa aus dem Jahr 1800. Zu dieser Zeit war die Liebenauer Spitze weit verbreitet. © Katalog Museum Nienburg

Wie aus dem Katalog zur Sonderausstellung hervorgeht, übergaben die Frauen ihre fertige Ware im Jahr 1766 dem Liebenauer Kaufmann Albrecht Wilhelm, der sie verkaufen und den Familien höhere Gewinne sichern sollte. „Die Liebenauer Tüllspitzen gingen nach ganz Europa“, betont Sternemann.

Sie selbst klöppelt seit 46 Jahren und gibt seit Jahren Kurse für die Nienburger Volkshochschule (VHS). Sie habe die Fertigkeit noch bei alten Klöpplerinnen aus der Region gelernt. „Ich habe ihre Kurse besucht, aber gemerkt, dass die anderen Anfänger alle zu mir kamen, um sich Dinge erklären zu lassen.“ Gemeinsam mit Marie-Luise Prinzhorn, die ebenfalls seit rund 40 Jahren die Klöppel dreht, habe sie sich in Leistungskursen beim Deutschen Klöppelverband weitergebildet und später selbst VHS-Kurse geleitet.

Seit Jahrhunderten ist die Technik des Klöppelns gleich geblieben: „Man benutzt vier Klöppel“, so Sternemann. „Die kreuzt und dreht man, dann wird die Nadel gesteckt. Das wird kombiniert, aneinandergereiht und ergibt schließlich die Spitze“, fasst sie den Ablauf zusammen.

Die alte Technik modern interpretieren: Darauf liegt der Fokus bei den Brokeloher Klöppeltagen. „Dass wir moderne Dinge machen, ist auch ein Grund dafür, dass die Kurse überlebt haben“, ist Sternemann überzeugt. Anfangs sei nur mit weißem Garn geklöppelt worden. Sternemann und ihre Schülerinnen nutzen auch farbige Garne aller Art, selbst aus Metallfäden haben sie schon Geklöppeltes gefertigt. Auch Kragen, Schals, Ketten und Fächer haben die Expertinnen bereits hergestellt. „Im Grunde geht alles, was mindestens 30 Zentimeter lang ist – auch Stroh oder Wäscheleinen haben wir schon verarbeitet“, sagt Sternemann.

Bei den Klöppeltagen werden Arbeiten der Kursleiterinnen, aber auch der 40 Teilnehmerinnen aus ganz Deutschland und den Niederlanden zu sehen sein. An zwei Tagen wollen die Frauen die Themen „Sternchenband/Decke“ und „Spitze für ein Windlicht“ erarbeiten. Ort des Geschehens ist die Alte Brokeloher Schule. „Wir verstehen die Klöppeltage auch als Forum zum Austausch und wollen gleichzeitig bei den Teilnehmerinnen die Lust zum Experimentieren und Nachmachen wecken“, sagen die Frauen.

Unterstützt wird die Veranstaltung der Volkshochschule Nienburg von der Samtgemeinde Mittelweser. Sternemann zufolge sind bereits alle Seminar-Plätze belegt, aber die Werkschau ist für Besucher zugänglich.

Die Ausstellung

Die Ausstellung ist am 7. und 8. Mai von 15 bis 17 Uhr für Gäste zugänglich. Die Organisatorinnen bitten darum, dabei eine FFP2-Maske zu tragen.

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