Nienburgs „Stadtimker“

Die Bienen aus der Ziegelkampstraße

Ein Bienenschwarm hat sich auf einem Baum niedergelassen.
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Dieser Bienenschwarm ist auf Wanderschaft. Kai Freitag zufolge geschieht es häufiger, dass sich Bienenvölker ein neues Zuhause suchen. Die Gründe sind oft unklar. Immer einfangen lassen sie sich jedoch nicht, weiß der Fachmann.

Nienburg – Eigentlich ist ihre Arbeitszeit vorbei. Im Herbst beginnt auch für die Honigbiene langsam eine Ruhephase. Aber offenbar sehen das die vier Bienenvölker von Kai Freitag und seiner Frau Gudrun Thies anders, denn sie schwirren lebhaft im Garten und „umzu“ herum. Das Nienburger Ehepaar hat sich ganz den Honigbienen verschrieben. Als „Stadtimker“ bieten sie nebenbei ihren eigenen Honig zum Verkauf an und schreiben in einem Blog über ihr Herzensthema.

Seit 2017 sind die beiden dabei. Angefangen haben sie quasi als „Pflegeeltern“. Ein Verwandter habe vorübergehend einen Platz für Ableger seines Volkes gesucht, berichten sie. Da Freitag und Thies weit genug weg wohnen, boten sie an, die Bienen zu beherbergen. „Wir haben Gefallen daran gefunden, und so ging es los“, erzählt Freitag. Aus den „Gastbienen“ sind inzwischen vier Völker geworden, die in Bienenstöcken im Garten des Paares leben.

Tauschgeschäft: Honig gegen Stärkesirup

Jetzt im Herbst stehen für die Tiere eine Kur gegen die unter Imkern gefürchtete Varroa-Milbe sowie das Anfüttern an, erläutert der IT-Fachmann. Letzteres ist im Grunde ein Tauschgeschäft: Die Bienen bekommen einen speziellen Stärkesirup, damit sie im Winter gut versorgt sind, dafür nehmen die Imker gefüllte Honigwaben aus dem Stock, um den begehrten Honig herauszuschleudern. Das Ergebnis heißt Spättracht. Dass seine Schützlinge Ende September noch unterwegs sind, wundert Freitag etwas. „Die Bienen finden immer noch etwas, aber wir haben noch nicht rausgefunden, was sie mitbringen“, erzählt Kai Freitag.

Kai Freitag beschäftigt sich seit 2017 mit Honigbienen.

Aber kann das Imkern in einer Stadt überhaupt funktionieren? Kann es, sagen beide. „Die Bienen finden hier sogar mehr zu essen als auf dem Land“, betont Freitag mit Blick auf die zunehmenden Monokulturen und den Einsatz von Pestiziden in der herkömmlichen Landwirtschaft. Da haben es die Bienen aus der Ziegelkampstraße leichter, findet er: „Die meisten Leute in der Nachbarschaft haben Blumen und andere Futterpflanzen im Garten. Ganz in unserer Nähe sind der BUND-Naturgarten, eine ehemalige Obstplantage mit Birnen, Kirschen und Äpfeln. Bei der Klinik gibt es viele Linden und am Steinhuder Meerbach wachsen Salweiden“, zählt der Nienburger auf. Grundsätzlich fliegen Honigbienen etwa in einem Radius von drei bis vier Kilometern um ihren Stock herum, um Nektar und Pollen zu sammeln.

Daraus entsteht dann das, was Kai Freitag bald wieder in Gläser füllen wird: Der Stadthonig. Freitag beschreibt ihn als „generell dunkler, kräftiger und aromatischer als der oft helle Landhonig“. Zudem sei der Honig eines Jahres immer anders als die vorherigen. „Das hängt mit der Blüte und Qualität der einzelnen Trachten zusammen. Nicht jede Blüte spendet immer Nektar, manchmal blüht ein Baum nur eine Woche, dann wieder drei“, erläutert er.

Der „Stadthonig“ ist dunkel, kräftig und würzig

Sortenhonig zu produzieren ist laut Freitag für Stadtimker indes fast unmöglich. Auch bei Massentracht in der Nähe – also viele potenzielle Futterquellen wie Linden oder Kastanien – tragen die Bienen oft eine Mischung zusammen, die die Bedingungen für Sortenhonige nicht erfüllt. Auch in diesem Jahr wird die Ernte wieder eine einzigartige Mischung werden, weiß der Imker. Welche, werden er und seine Frau vermutlich erst beim Schleudern merken. „Man kann es am Pollen sehen und am Duft des Honigs erkennen, was die Bienen gesammelt haben“ erläutert Freitag. 2020 sei beispielsweise viel Linde und Raps im Honig gewesen. „Die riechen besonders“, weiß der Fachmann. Große Imkereien lassen ihre Waren auch in speziellen Laboren auf Sortenreinheit prüfen. „Aber das lohnt sich bei uns nicht, wir sind zu klein“, meint Freitag.

Unter den Nachbarn hat sich der „Stadthonig“ jedenfalls herumgesprochen. Immer wieder holen sich die Bewohner der Straße, aber auch aus dem nahen Neubaugebiet, das eine oder andere Glas des „Stadthonigs“ ab, den das Paar in einem Selbstbedienungsstand quasi übern Gartenzaun verkauft. Auch Radler oder Besucher des BUND-Gartens hätten bei ihnen schon Honig geholt, so der Hobby-Imker. Nicht nur ihr Honig, auch der fachmännische Rat der Stadtimker ist in der Gegend durchaus gefragt: Immer wieder bekommt das Ehepaar Anrufe von Anwohnern, die einen Bienenschwarm im Garten haben – oder Tiere, die sie für Bienen halten, erzählt der Hobbyimker und lacht. Da sei ein Anwohner beim Umgraben des Beetes plötzlich auf „Bienen“ gestoßen, erinnert sich Freitag an einen der Anrufe. „Das waren aber Erdbienen. Die Honigbiene siedelt niemals in der Erde“, konnte der Nienburger das Missverständnis rasch aufklären.

Auch Wespen werden öfter mit Honigbienen verwechselt, sagt Freitag. „Meine persönliche These dazu ist, dass die meisten von uns mit der Biene Maja groß geworden sind – und die ist immer schwarz-gelb gezeichnet worden“, sagt er. In Wirklichkeit sind aber Wespen in dem markanten Schwarz-Gelb unterwegs. Honigbienen sind eher braun gefärbt.

Der Stadtimker-Blog

https://diestadtimker.blogspot.com

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