Jüdin Paula Calder kehrt für ein paar Tage nach Rehburg-Loccum zurück

Zu Besuch in der verlorenen Heimat

Die Grabsteine von Paula Calders Großeltern stehen nach wie vor auf dem jüdischen Friedhof in Rehburg. - Foto: ade

Rehburg-Loccum - Von Beate Ney-Janßen. Ab und zu bekommt der Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum Besuch von Überlebenden des Nazi-Regimes oder von deren Nachfahren. Das Damals wie auch das Heute sind dann die Themen – wie beim Besuch der Jüdin Paula Calder, die 1939 nach Großbritannien floh.

Als Paula Calders Enkel wissen möchte, was denn diese vielen Schützenscheiben an den Häusern der Rehburger zu bedeuten haben, die Mitglieder des Arbeitskreises ihm daraufhin die Tradition des Schützenfestes erklären und auch von dem jährlichen Ausmarsch der Männer in schwarzen Anzügen und mit Zylinder wie auch Holzgewehr erzählen, schaut Paula Calder erstaunt. „Ach, das gibt es immer noch?“, fragt sie. Doch ja, daran könne sie sich aus ihrer Jugend erinnern. Was so alles die Zeit überdauere.

Es liegt viel Zeit zwischen den Jugenderinnerungen der älteren Dame und ihrem Besuch in Rehburg-Loccum. Mindestens 78 Jahre müssen vergangen sein, seit sie das Spektakel des Schützenfestes zum letzten Mal gesehen hat. Dann wäre es kurz vor ihrer Flucht von Bad Rehburg nach Großbritannien gewesen. Damals, 1939, als sie, die Jüdin aus Bad Rehburg, als einzige aus ihrer achtköpfigen Familie die Chance bekam, dem NS-Regime zu entfliehen.

Einmal ist Paula Calder, die als Paula Freundlich in Bad Rehburg geboren wurde, bereits wieder in Bad Rehburg gewesen – im Oktober 2014 zur Verlegung der Stolpersteine für ihre Familie. Nun, sagt ihre Tochter Christin, wollte sie noch einmal kommen, wollte noch einmal an den Steinen stehen, mit denen es endlich einen Ort gibt, an dem ihrer Familie gedacht wird. Gräber gibt es schließlich nicht für ihre Eltern und ihre fünf Geschwister, die 1942 in das Ghetto Warschau deportiert und dort ermordet wurden.

Ein wenig mehr Ruhe, nicht ganz so viele Menschen um sich, wie bei ihrem ersten Besuch wollte sie haben und Zeit, um immer einmal wieder zu den Steinen zu gehen. Diese liegen doch nur wenige Schritte von dem Hotel entfernt, in dem sich Paula Calder mit ihrer Familie in Bad Rehburg für den Besuch einquartiert hat.

Ein wenig Trubel nimmt die 90-Jährige dann aber dennoch auf sich. Für einen Tag trifft sie sich mit einigen derjenigen, die in dem Arbeitskreis Stolpersteine aktiv sind. Besucht mit ihnen gemeinsam den jüdischen Friedhof in Rehburg, um Steine und Rosen zu den Gräbern ihrer Großeltern zu bringen. Geht mit ihnen zu weiteren Stolpersteinen in Rehburg und lässt sich die Geschichten anderer Opfer erzählen. Das Kloster Loccum besuchte sie und gerne hatte Abt Horst Hirschler zugesagt, persönlich eine Führung für die Familie zu gestalten.

Zum Ende des gemeinsamen Tages hat sie dann noch einige der Jugendlichen getroffen, die am 9. Juni unter anderem auch Paula Calders Flucht-Geschichte in einer Lesung in sechs Szenen aufführen. Neugierig waren die Jugendlichen darauf, die Frau kennen zu lernen, mit deren Lebensgeschichte sie sich auseinander gesetzt hatten. So, wie schon die vorhergehenden Stunden, verlief auch diese Begegnung: mit einigen Erinnerungen an die Zeit damals, als Paula Calder fliehen musste. Und mit Gesprächen im Hier und Jetzt – sei es über Schützenfeste, das Laptop der alten Dame oder auch politische Entwicklungen in Großbritannien und Deutschland.

„Sonst wären wir hier zu Hause“ ist der Titel der Lesung in sechs Szenen, die vom Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum am morgigen Donnerstag, 19 Uhr, im Rehburger „Raths-Keller“ angeboten und von neun Jugendlichen auf die Bühne gebracht wird. Eine der Szenen stellt die Fluchtgeschichte von Paula Calder dar.

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