Besuch der Ausstellung „Deine Anne – Ein Mädchen schreibt Geschichte“ in der Nienburger St. Martinskirche

Anne Frank: Ein Leben voller Hoffnung und Ziele

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Annes rotkariertes Tagebuch – eine Reproduktion des Originals, welches im Anne Frank Haus in Amsterdam ausgestellt ist.

Nienburg - von Kristina Stecklein.  Sie war erst 15 Jahre alt, als sie an Typhus verstarb. Ein Mädchen, das sich gerade erst in der Pubertät befand, ein Tagebuch schrieb - und damit ein Werk der Weltliteratur geschaffen hat. Anne Frank begeistert die Menschen nach wie vor - bis zum 3. Mai befindet sich die Wanderausstellung "Deine Anne - Ein Mädchen schreibt Geschichte" in der Nienburger St. Martinskirche.

Eine Stimme hallt durch die St. Martinskirche in Nienburg. Sie zitiert einzelne Passagen aus einem berühmten Schriftstück – ein Tagebuch, das zunächst gar nicht veröffentlicht werden sollte und letztlich doch so viele Menschen berührt hat. Im Heft zur Ausstellung steht ein Zitat: „Solange es das noch gibt, den blauen Himmel, glaube ich an das Gute im Menschen.“

Heute regnet es, der Himmel ist wolkenverhangen und grau. Als die Schülerinnen der Leonardo da Vinci Gesamtschule aus Wolfsburg ankommen, sind die Türen der Kirche geöffnet. Das Ziel der Acht- und Neuntklässlerinnen: Die Wanderausstellung „Deine Anne – Ein Mädchen schreibt Geschichte“. Bis zum 3. Mai befindet sich die Ausstellung in der St. Martinskirche, die jedem frei zugänglich ist.

Ab Mai 1942 müssen alle Juden in den besetzten Niederlanden vom sechsten Lebensjahr an einen Stern mit der Aufschrift „Jood“ (Jude) an ihrer Kleidung tragen.

Mit dem Ansatz der Peer Education begleiten so genannte „Peer-Guides“ die Ausstellung über das jüdische Mädchen Anne Frank bei Bedarf. In Nienburg sind es insgesamt 13 Jugendliche – neun der Ausstellungsbegleiter sind sogar selbst noch Schüler. „Da sind wir eher die Ausnahme“, erklären die Peer-Guides Andrej Denisow und Lennart Lichthorn. Beide kommen vom Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen (VNB) aus Barnstorf. Andrej Denisow begleitet die Ausstellung im Rahmen seines Freiwilligen ökologischen Jahres, Lennart Lichthorn ist Auszubildender beim VNB.

Der Verein holte die Wanderausstellung in Kooperation mit der Evangelischen Jugend des Kirchenkreises Nienburg in die Stadt an der Weser. Die interessierten Jugendlichen erhielten im Rahmen der Ausstellung ein zweitägiges Seminar vom Anne Frank Zentrum in Berlin.

 „Kann das jemand vorlesen?“ Eine Frage, die in den nächsten zwei Stunden häufiger fallen wird, denn: Die Ausstellung soll Schülern und Schülerinnen mit interaktiven Aufgaben und jungen Peer-Guides auf Augenhöhe begegnen – begleitende Lehrer sollten möglichst in die Rolle des stillen Beobachters fallen. Eine erste Meldung lässt demnach nicht lange auf sich warten.

Die Wanderausstellung selbst ist in einzelne „Module“ beziehungsweise Abschnitte thematisch eingeteilt. „Warum glaubt ihr, ist gerade Anne Franks Tagebuch so berühmt geworden?“, fragt Peer-Guide Lennart. Ein kurzer Blick auf die einzelnen Stellwände verrät die Antwort: Durch viele Bilder, Fotos, Videos, Replikate und Originale scheint Annes Leben greifbar, das Schicksal allerdings umso unverständlicher. Otto Frank, Annes Vater, beschäftigte sich damals – als einer der weniger – mit Fotografie, hielt das kurze Leben seiner Familie auf vielen Bildern fest. Mit 15 Jahren starb Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus.

Seine Tagebucheeinträge unterzeichnete das Mädchen mit „deine Anne“ – und überarbeitete diese sogar für eine etwaige Publikation. Nach dem Krieg will sie ein Buch mit dem Titel „Das Hinterhaus“ veröffentlichen, ihr Tagebuch soll dafür als Grundlage dienen. Immer wieder schreibt Anne von ihrem größten Wunsch, Schriftstellerin zu werden: „Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf. Aber, und das ist die große Frage, werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden?“

Neben dem historischen Teil der Ausstellung gibt es einen aktuellen Abschnitt, der sich mit der Frage beschäftigt, ob und wie sich Annes Schicksal auf das „Heute“ projizieren lässt. Mobbing, Fremdenhass, Krieg – nichts davon ist bis heute ausgestorben und scheint mit Blick auf die Flüchtlingssituation aktueller denn je. Warum werden Menschen diskriminiert? Peer Guide André fragt: „Warum werden Menschen überhaupt diskriminiert?“ – die Antworten kommen schnell. Zu schnell. „Weil sie anders sind.“ „Um sich selber stärker zu fühlen.“ Fällt die Antwort leicht, weil sich jeder – irgendwie – schon mal in einer solchen Situation gefühlt hat? Weil die Vorstellung im Prinzip Realität ist?

Nach zwei Stunden sind die Fragen gestellt, so manche Antworten gefunden. Auf die Frage, welcher Teil der Ausstellung besser gefallen habe, können sich die Schülerinnen allerdings nicht einig werden. Aktuell aber auch historisch habe die Ausstellung überzeugt. Ihren individuellen Eindruck haben die Acht- und Neuntklässlerinnen im Gästebuch hinterlassen.

Als wir die Kirche verlassen, regnet es immer noch. Die Wolken sind grau – doch daneben: Ein langsam durchblickender, hellblauer Himmel.

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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