Udo Toffel segelt seit Kindesbeinen auf dem Steinhuder Meer

Auswanderer-Saison hat begonnen

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Schon als Kind ist Udo Toffel auf dem Steinhuder Meer gesegelt.

Rehburg/Steinhude – Steinhudes Auswanderer sind wieder auf dem Meer. Um rund zwei Monate hat sich ihr Saisonbeginn wegen der Corona-Pandemie verzögert. „Nahezu ideales Wetter“, sagt Kapitän Udo Toffel angesichts von milden 16 Grad Celsius und Sonnenschein, der nur ab und zu von Wolken verdeckt wird. Die frische Brise könnte etwas weniger frisch sein. Ansonsten ist er glücklich, wieder aufs Wasser zu kommen.

Tags zuvor hat Toffel seine „Marlene“ noch auf Vordermann gebracht. Einen neuen Fußboden hatte sie während der unfreiwilligen Liegezeit bereits bekommen. Aus den Mahagoni-Resten hat sich der Rehburger beim Tischler nebenan eine Kiste zimmern lassen. Regenschirme, Planen und anderer Kleinkram, der auf See nützlich sein kann, lagern nun in dem auf Hochglanz polierten Behältnis in der Mitte des Bootes.

Toffel wartet geduldig auf seine erste Fahrt. Drei Auswanderer werden noch ablegen müssen, bevor er an der Reihe ist. Das Warten macht ihm nichts aus. Die Aussicht darauf, aufs Wasser zu kommen, genügt vollkommen.

Die Seefahrt liegt Toffel im Blut

Auf dem Wasser sein, das macht Udo Toffel schon den größten Teil seines mittlerweile 73 Jahre währenden Lebens. Schließlich wurde er in Steinhude geboren und wenn er auch seit etwa 40 Jahren in Rehburg lebt, so fühlt er sich doch auch immer noch als Steinhuder. Und denen liegt das mit der Seefahrt auf dem Binnensee nun mal im Blut.

Toffel hatte einen „Nenn-Onkel“ in Steinhude, der selbst Auswanderer-Kapitän war. „Bei dem war ich Schiffsjunge“, erzählt er. Sobald die Zeit es zuließ, fuhr er mit und machte sich nützlich. Manchmal, wenn dieser Onkel keine Zeit hatte, übernahm er die Bootsfahrten sogar selbst. Das Patent, das er dafür brauchte, hat er kurz nach der Volljährigkeit gemacht.

Seit nahezu 20 Jahren lädt er Gäste dort auf seinen Auswanderer „Marlene“ ein (Bild oben). 

Danach gab es erst einmal eine wasser- und bootslose Zeit während seiner Ausbildung zum Heizungstechniker. Den Wehrdienst hat er selbstverständlich bei der Marine abgeleistet und noch einige Jahre drangehängt. Wieder an Land und in Zivil ging er auf Montage. Jede freie Minute verbrachte er aber gemeinsam mit seiner Familie im eigenen Segelboot auf der Ostsee, später auf dem Steinhuder Meer.

Gegen Ende des Jahrtausends war es, als er in einer geselligen Runde fragte, wer jemanden kenne, der einen Auswanderer verkaufen wolle. Damit begann der Lebensabschnitt, den er heute noch Tag für Tag genießt, denn ein Boot stand zum Verkauf und er schlug zu.

Die „Ulla“, die er kaufte, wurde von seinen Kindern kurzerhand in „Marlene“ umgetauft. Toffels Söhne hatten von Marlene Dietrich gehört, die in dem Jahr, in dem ihr Vater einer der Auswanderer-Kapitäne wurde, ihren hundertsten Geburtstag gefeiert hätte. Seitdem ist es ein inniges Verhältnis, das der Rehburger nicht zu Ulla, sondern zu Marlene hat.

Heinz Hoenig und Jürgen Drews hatte er schon an Bord

Dort, sagt er und zeigt auf eine der Bänke in dem sich wiegenden Schiffsrumpf, habe Heinz Hoenig schon gesessen. Den Schauspieler hat er mitgenommen, als er eine Geburtstagsgesellschaft fahren sollte. Mit dabei sei auch Jürgen Drews, der selbst ernannte „König von Mallorca“, gewesen. Den, erzählt er lachend, habe er aber in die Schranken weisen müssen. An den Wanten habe er sich festgehalten, sich nicht hingesetzt und herumgezappelt. Wer mitfahren will, muss auf das hören, was Toffel sagt. Egal, ob prominent oder nicht. Es soll doch niemand aus dem Boot fallen.

Das ist auch noch niemals passiert. Selbst damals nicht, als ihn mitten auf dem See und unverhofft eine Windhose erwischte. Die Passagierin, die er an Bord hatte, brachte er wohlbehalten und trocken zurück. „Ich habe sie in eine Plane eingewickelt“, erinnert er sich. Er selbst hatte es anschließend nötig, sich mit trockener Kleidung zu versorgen: „Mir lief das Wasser aus den Stiefeln heraus.“ Selbst auf dem Steinhuder Meer kann es eben schon mal stürmisch werden.

Davor, nass zu werden, hat er selbst einen Fürsten schon einmal bewahrt. Als Eigentümer des Wilhelmstein fährt Fürst Alexander zu Schaumburg-Lippe gelegentlich dorthin und manches Mal ist er dann in Toffels Marlene gestiegen. Bei einer dieser Gelegenheiten waren Wolken am Himmel aufgezogen, als die Rückfahrt beginnen sollte. Die freundlich angebotene Plane habe der Fürst abgelehnt, erzählt Toffel. „Wollen Sie Durchlaucht oder durchnässt sein“, hat der Kapitän daraufhin den adeligen Gast gefragt. Lachend habe er daraufhin die Plane angenommen.

Es ist nicht nur das Steinhuder Meer, das Wasser und das Segeln, weshalb Toffel den Beginn der Saison Jahr für Jahr kaum erwarten kann. Es sind auch die Begegnungen mit den Menschen. Vom 20. März bis zum 31. Oktober ist er zu vielen – sehr vielen – Zeiten am Steg in Steinhude zu sehen, wenn er nicht gerade Touristen und andere Menschen mit oder ohne Segel am Wilhelmstein, in Mardorf oder auf dem Hagenburger Kanal die Schönheit „seines“ Sees präsentiert.

Maskenpflicht und weniger Passagiere 

Nun ja, in diesem Jahr ist alles etwas anders: Das Virus hat auch den Kapitän zwei Monate ans Haus gebunden. Selbstverständlich bringt der genehmigte Start einige Auflagen mit sich: Maskenpflicht. Und Abstand.

Kann Toffel eigentlich ohne Probleme 30 Gäste auf die Bänke setzen, so dürfen es nun maximal halb so viele sein. Er bezieht Rente, ist nicht auf die Einnahmen angewiesen. Einigen seiner rund 30 Kollegen tue das schon weh, sagt er.

Gerade eben hat einer der Kapitäne abgewinkt, als im letzten Moment vor der Abfahrt eine Familie auf seinen halb vollen Kahn steigen wollte. Lieber weniger Gäste pro Tour. Sicher ist sicher.

Es sind ohnehin noch nicht so viele, die an dem schönen Frühlingstag zum Meer gekommen sind. Viele wüssten noch gar nicht, dass sie wieder fahren, meint Toffel. Und außerdem sei es das Wochenende vor Himmelfahrt. Da sei immer weniger los. Den Kapitänen kommt das ziemlich gelegen. So können sie sich in die neue Situation einfinden.

Den Spaß an seiner Sache, am Schippern und Segeln auf dem Steinhuder Meer und daran, viele und unterschiedliche Menschen an Bord zu haben, lässt sich Toffel durch die Beschränkungen nicht vermiesen und bleibt auch in dieser ungewöhnlichen Saison bei seinem Grundsatz: „Ich fahre, wenn ich Lust habe. Und ich habe immer Lust.“ 

ade

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