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Lebenshilfe-WG erzählt nach Eierwurf von ihrem Leben

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Von: Beate Ney-Janßen

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Nicole Heppe mit Katze Kiki.
Die Nähe zu Katze Kiki hilft nicht nur Nicole Heppe, wenn Nähe in Corona-Zeiten fehlt. Sie wird von allen Bewohnern des Hauses am Meerbach geliebt – und hilft über mangelnde Nähe hinweg. © Beate Ney-Janßen

Rehburg – Eier auf eine Hauswand werfen. Wer macht denn sowas? Christel Feldscher und Heinfried Falldorf, Nicole Heppe, Stefan Dittrich und Elke Hägermann, Stefanie Kuhlmann, Wolfgang Schumacher, Gerd Dunker und Ralf Bock sind immer noch entsetzt und traurig. Mehrmals haben sie Eierreste von ihrer Hauswand geputzt. Zuletzt zum Jahresbeginn. Auch den geschmückten Baum vor der Tür mussten sie entsorgen, weil er ebenfalls einen Teil abbekommen hatte. „Wir tun doch niemandem etwas!“, sagen sie, die alle im Wohnheim der Lebenshilfe in Rehburgs Ortskern am großen Esstisch sitzen. Und beginnen, von sich und ihrem Leben zu erzählen. In Corona- und anderen Zeiten.

Viele von ihnen leben schon seit 2008 in dem Haus am Meerbach, direkt gegenüber dem Rathaus. Damals wurde das Haus gebaut, weil sie aus den Bremer Heilstätten in Bad Rehburg ausziehen mussten. Ein schöner neuer Standort. So zentral.

Seitdem haben sie es nicht mehr so weit, wenn sie einkaufen wollen oder schwimmen gehen. Wenn sie zur Bank müssen oder auch dann, wenn sie sich den Schützenfestumzug ansehen wollen. Ganz nah dran sind sie. Das hilft bei der Selbständigkeit.

Und sie sind auch näher an ihren Arbeitsstellen. Einige sind in der Werkstatt der Lebenshilfe in Rehburg beschäftigt, andere arbeiten in den frischli-Milchwerken. Alles prima. So leben sie gerne.

Stefan Dittrich, der in größeren Städten aufgewachsen ist, sagt: „Ich fühle mich wie ein Dorfkind – mit so viel Natur drumherum.“ Das mag er – und alle am Tisch nicken zustimmend.

In ihrem Wohnheim fühlen sie sich wie eine große Familie. „Mit allem, was dazu gehört“, fügt Stefanie Kuhlmann hinzu. Sie planen ihren gemeinsamen Tagesablauf, lachen zusammen, streiten sich auch mal, fahren gemeinsam in den Urlaub. Nun ja – seit Corona hat ihr Lieblingsurlaubsziel Büsum sie nicht mehr gesehen. In diesem Jahr vermutlich auch nicht.

Wegen Minka und Kiki, die sie sich als WG-Katzen aus dem Tierheim geholt haben, als die Pandemie begann. „Therapie-Katzen gegen die Einsamkeit“, sagt Angela Schaper.

Sie ist gemeinsam mit Martina Jungmann ebenfalls seit dem ersten Tag in dem Wohnheim. Die beiden Mitarbeiterinnen sind die festen Bezugspersonen für alle Bewohner. Und eben auch Teil der großen Familie, selbst wenn sie kein eigenes Zimmer in dem Haus haben.

Katze Minka streicht während des Gesprächs neugierig umher. Kiki hat es sich auf der obersten Etage des Kratzbaums gemütlich gemacht und beobachtet das Geschehen. Gegen die Einsamkeit in dem großen Haus mit den vielen Bewohner – dagegen sollten sie helfen, weil es schon schlimm war, dass sie sich plötzlich alle nicht mehr in den Arm nehmen, noch nicht einmal mehr die Hand geben sollten. Die Katzen aber durften sie streicheln.

„Angela und Martina haben uns auch Kummer-Kissen genäht“, erzählt Stefanie Kuhlmann und eilt in ihr Zimmer, um ihres zu holen. Ein flauschiges rotes Kissen für jeden. Gegen den Corona-Kummer, als sie alle aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen wurden.

Damals war es nicht nur die Nähe, auf die sie verzichten sollten. Nein, sie durften noch nicht mal mehr an ihre Arbeitsplätze! Um nicht den ganzen Tag untätig dasitzen zu müssen, holten Angela Schaper und Martina Jungmann die Arbeit ins Haus und funktionierten kurzerhand ihren Kellerraum zur Werkstatt um. Etwas anders, aber alle waren zufrieden. Das habe sich ausgezahlt, sagt Angela Schaper: Bislang sei niemand von ihnen an Corona erkrankt.

Manches hat sich seitdem normalisiert. Manches erhoffen sie sich noch sehnsüchtig. Wie den nächsten Frühjahrsmarkt fast vor der Haustür. Im vergangenen Jahr haben sie stattdessen die Flohmärkte auf dem Stadtplatz nebenan sehr genossen. Und alle schwärmen von dem beleuchteten Trecker-Umzug, der im Spätherbst auch an ihrer Tür vorbeizog. Stundenlang haben sie in der Kälte gestanden, um nur nichts zu verpassen.

„Alles ganz normal“, sagt Stefanie Kuhlmann zu dem Leben, das sie alle sich in Rehburg eingerichtet haben, und fügt hinzu: „Wir möchten doch nur, dass uns alle so akzeptieren, wie wir sind.“

Heimbewohner.
Fühlen sich wohl in dem haus am Meerbach der Lebenshilfe: (v.l.) Martina Jungmann, Stefan Dittrich, Elke Hägermann, Wolfgang Schumacher, Nicole Heppe, Stefanie Kuhlmann, Heinfried Falldorf, Christel Feldscher, Angela Schaper und Einrichtungsleiter Daniel Schneider. Weshalb ihr Haus mit Eiern beworfen wird, verstehen sie nicht. © Ney-Janssen, Beate

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