Administrator nimmt Stellung zu Rassismus in Nienburger Facebook-Gruppe

„Es ist manchmal ein Kampf gegen Windmühlen“

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Heiner Ahrens managt die Facebook-Gruppe „Du kommst aus ‚Nienburg‘ wenn...“ mit rund 8 700 Mitgliedern.

Rohrsen - Von Julia Kreykenbohm. Die Vorwürfe, rassistische und fremdenfeindliche Beiträge von Nutzern würden zu spät oder gar nicht gelöscht, nimmt Heiner Ahrens sehr ernst. Der 30-Jährige gründete vor drei Jahren die Facebook-Gruppe „Du kommst aus ‚Nienburg‘ wenn...“, die heute gut 8700 Mitglieder hat. Der Metallbaumeister und Schweißfachmann aus Rohrsen macht im Interview aber auch deutlich, vor welche Problemen die Verantwortlichen einer solchen Gruppe stehen.

Waren Ihnen die Vorwürfe vom „Runden Tisch gegen Rassismus und rechte Gewalt Nienburg“ bekannt , noch bevor Sie diese in der Zeitung gelesen haben?

Ahrens: Ja, uns ist aufgefallen, dass gewisse Leute ein gewisses Gedankengut verbreiten. Das ist absolut beschämend und hat dort nichts zu suchen, denn es ist eine Schande für ganz Nienburg. Doch zu zweit ist es schwer, auf Dauer dagegen anzukommen. Es ist manchmal ein Kampf gegen Windmühlen. Löscht man den einen Post, gibt es an anderer Stelle schon zwei neue.

Nennen Sie doch bitte ein konkretes Beispiel.

Ahrens: Einmal hatte ich morgens, nach dem Aufstehen, sechs oder sieben Nachrichten auf meinem Handy, dass in der Nacht eine Diskussion entbrannt sei, bei der auch rechte Beiträge veröffentlicht wurden und dass ich die sofort löschen solle. Da ich berufstätig bin, hatte ich erst mal keine Zeit, mir den ganzen Chat durchzulesen. So kann es passieren, dass solche Dinge den ganzen Tag über stehen bleiben, bis man Feierabend hat.

Nun ist es ja oft ein Drahtseilakt, zu entscheiden, wann ein Post lediglich eine Meinung wiedergibt und wann er gefährliches Gedankengut verbreitet und gelöscht werden sollte. Gibt es da Regeln, an denen man sich orientieren kann?

Ahrens: Nein. Man braucht wohl einfach ein gutes Menschengefühl und auch ein Talent, beide Seiten zu verstehen. Wichtig ist, seine eigene Meinung komplett hintenanzustellen. Man muss entscheiden, was für die Allgemeinheit das Beste ist. Doch man wird es natürlich niemals allen recht machen können. Was der eine als normale Meinungsäußerung empfindet, ist für den anderen eine Beleidigung. Um dort absolut gerecht sein zu können, muss man vermutlich ein Jurastudium gemacht haben und wir machen das ja neben unserer Arbeit, neben Hobbys und Familie.

Manche Debatten schaukeln sich ja auch regelrecht auf.

Ahrens: Ich persönlich achte immer auf den Verlauf einer Debatte. Wenn jemand etwas postet, das vielleicht etwas unglücklich ist, aber niemand reagiert darauf und der Post verhallt ungehört im leeren Raum, lasse ich es stehen, denn es ist nun mal eine Meinung. Entwickelt sich daraus jedoch dann eine hetzerische Diskussion, greifen wir ein und es wird gelöscht.

Wabe beklagt Rassismus im Netz

Wie reagieren Sie auf Beschwerden von Nutzern?

Ahrens: Wenn direkte Anfragen an uns gerichtet werden – also wenn mir jemand schreibt, dass ich bitte dieses oder jenes löschen soll, weil er sich gekränkt fühlt – mache ich das eigentlich sofort. Manchmal tauschen sich die Administratoren auch untereinander aus, wenn sie sich bei einem Post nicht sicher sind.

Man hört immer öfter, dass die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland steigt und sich das auch im Netz widerspiegelt. Beobachten Sie eine steigende rechte Tendenz in der Facebook-Gruppe „Du kommst aus ‚Nienburg‘ wenn...“?

Ahrens: Nein. In letzter Zeit gab es sogar gar keine rechten Posts. Ich würde schätzen, dass es in der Gruppe vielleicht so zehn Leute gibt, die hetzen und pöbeln und alles in den Dreck ziehen. Aber solche Querulanten gab es schon immer.

Es gibt Gerüchte, dass gewisse Provokationen direkt aus dem Freundeskreis der Administratoren kommen...

Ahrens: Wer auch immer so etwas in die Welt setzt, sollte vorher mal überlegen, was er da eigentlich sagt. Für mich ist das eine bodenlose Frechheit. Bei Facebook hat man meist eine recht lange Freundesliste. Es ist möglich, dass einer davon mal etwas schreibt, was man selber nie gut heißen würde. Aber es besteht auch immer noch ein großer Unterschied zwischen Facebook-Freunden und richtigen Freunden. Aber selbst wenn ich einen richtigen Freund dabei erwischen würde, wie er so etwas schreibt, würde ich ihn aus der Gruppe werfen, denn wer gegen die Regeln verstößt, muss gehen.

Nun haben Sie selbst gesagt, dass Sie es nicht schaffen können, sofort immer alle fremdenfeindlichen Posts zu entfernen. Was können Sie stattdessen tun?

Ahrens: Ich habe ganz klar in die Gruppe geschrieben, dass politische Themen nicht erwünscht sind, da dabei die Emotionen erfahrungsgemäß immer hoch kochen. Diese Gruppe soll den Nienburgern zum lockeren Austausch dienen und die meisten nutzen sie auch dafür. Viele haben dadurch alte Freunde wiedergefunden oder andere schöne Begebenheiten erlebt.

Versuchen Sie auch, die Nutzer zu sensibilisieren?

Ahrens: Ich habe die Nutzer aufgerufen, Zivilcourage im Netz zu zeigen. Das heißt, sobald jemand so einen Post liest, soll er ihn entweder sofort melden, oder darauf reagieren oder meinetwegen den Nutzer anzeigen. Wer wegschaut, ist noch schlimmer als der, der das schreibt, das ist meine Meinung. Doch da das offenbar noch nicht ausreicht, habe ich jetzt einen Aufruf gestartet, dass wir mehr Administratoren brauchen. Ich würde gern zehn Leute dafür haben.

Wie waren die Reaktionen darauf?

Ahrens: Die Resonanz war riesig. Sehr viele verschiedene Menschen haben sich gemeldet, die helfen wollen, dass diese Gruppe nicht zur Plattform für Unruhestifter wird. Das zeigt doch, wie vielen Nienburgern etwas an ihr liegt. Aber ich sage auch ganz klar: Wenn fremdenfeindliche Hetze überhandnehmen sollte, würde ich die Gruppe löschen.

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