Prozess gegen verurteilten Sexualstraftäter wird fortgesetzt

Mordfall Judith T.: Psychologe sagt aus

Verden/Bad Rahburg - Von Wiebke Bruns. Ein Psychologe aus dem niedersächsischen Maßregelvollzugszentrum Bad Rehburg wurde am Montag als sachverständiger Zeuge in dem Mordprozess am Landgericht Verden gehört. Einer seiner Patienten, der Angeklagte Jörg N., soll im September 2015 die 23 Jahre alte Studentin Judith T. im Loccumer Klosterwald ermordet haben.

Obwohl die Gefährlichkeit des 49-Jährigen in einem früheren Strafprozess festgestellt und die Sicherungsverwahrung angeordnet worden war, durfte der Angeklagte als Freigänger die Einrichtung immer wieder verlassen. Sogar über Nacht durfte er wegbleiben.

Im Jahr 2012 ist Jörg N. wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt sowie die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt und in der Sicherungsverwahrung angeordnet worden. Die Unterbringung in der Entziehungsanstalt hatte vor der Sicherungsverwahrung zu erfolgen.

Stimmung schwankte 

In Bad Rehburg befand sich Jörg N. nach Verbüßung eines Teils seiner Haftstrafe seit Januar 2013. „Die Behandlung war durch große Ambivalenz bestimmt“, berichtete ein Psychologe, der zu seiner Aussage extra einen Anwalt als Zeugenbeistand mitgebracht hatte. Gegen Ärzte des Maßregelvollzugszentrums wird jedoch nicht ermittelt, erklärte die Erste Staatsanwältin Dr. Annette Marquardt.

Ab September oder Oktober 2013, so schätzte der Psychologe, habe es begleitete Ausgänge für den 49-Jährigen gegeben. In der Anfangsphase habe der Angeklagte sogar noch eine Partnerin gehabt, die er heiraten wollte. „Wir haben ihm klar gemacht, dass wir das als Störung der Behandlung ansehen“.

Nach der Zustimmung eines externen dreiköpfigen Prognoseteams sei Anfang 2015 mit „gestaffelten Lockerungsgewährungen“ begonnen worden. „Da Herr N. sich immer Regelkonform gezeigt hat, ist es hochgefahren worden. „Im Mai 2015 ist mit den ersten Übernachtungsbeurlaubungen bei seiner Mutter in Lingen fortgefahren worden“, berichtete der Zeuge. Spätere Beurlaubungen habe der Angeklagte genutzt, um nach Leer zu fahren. „Er hatte einen hohen Drang diese Übernachtungsbeurlaubungen wahrzunehmen.“

Jörn N. macht Probleme

Im Frühjahr 2015 wurde wegen mangelnder Mitarbeit des Patienten über einen Abbruch der Maßregel nachgedacht. Selbst in dieser „problematischen Phase“, wie Marquardt es nannte, wurden die Lockerungen nicht zurückgefahren. „Nennenswerte disziplinarische Auffälligkeiten“ habe es nicht gegeben, erklärte der Diplompsychologe.

In der Patientenakte der Klinik war als Diagnose „Alkoholabhängigkeit, dissoziale Persönlichkeitsstörung und Störung des Sexualverhaltens“ vermerkt worden.

Die Auffassung der Sachverständigen aus früheren Verfahren und der Staatsanwaltschaft Verden, dass es sich bei dem Angeklagten um einen „Psychopathen mit sexuellem Sadismus“ handelt, teilte der Zeuge nicht.

Jörg N. soll sich auf Vergewaltigung mit Würgen bis zur Bewusstlosigkeit spezialisiert und eine Frauen verachtende Einstellung haben. Der Psychologe des Maßregelvollzugszentrums teilte zumindest die Auffassung, dass es dem Angeklagten bei den früheren Taten um die Ausübung von Macht gegangen seien dürfte. Der 49-Jährige habe sich aber auch selbst in der Opferrolle gesehen: „Opfer seines Lebens, seiner Umstände und der Frauen allgemein.“

Mit der Festnahme wegen Mordverdachts endete der Maßregelvollzug für Jörg N. im April 2016.

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Rubriklistenbild: © dpa

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