Verzögerung 

Angeklagter im Prozess um Mord in Rehburg-Loccum schweigt

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Der Angeklagte in einem Gerichtssaal im Landgericht in Verden.

Verden - Der Sexualmord an einer 23-Jährigen in Rehburg-Loccum ist weiter ungeklärt. Der in Verden angeklagte verurteilte Vergewaltiger, der am Tattag Freigang hatte, äußert sich nicht. Das Gericht ist auf Indizien angewiesen. Als wichtig gilt ein zerknülltes Kaugummipapier.

Im Mordprozess gegen einen Ex-Patienten des Maßregelvollzugs hat die Verteidigung am Mittwoch im Landgericht Verden beantragt, Zeugen erneut zu befragen. Staatsanwältin Annette Marquardt zeigte sich verärgert über die Verzögerung. 

Ursprünglich waren für Mittwoch die Plädoyers der Staatsanwaltschaft sowie der Nebenklage erwartet worden. "Hier ist wieder etwas beantragt worden, was wir schon gemacht haben", sagte der Vorsitzender Richter Volker Stronczyk nach einem der zahlreichen Beweisanträge. Ob die ersten Schlussworte am Nachmittag gesprochen werden, war zunächst unklar.

Frau getötet und Leiche versteckt 

Die Staatsanwaltschaft wirft dem angeklagten 49-Jährigen vor, bei einem unbegleiteten Ausgang aus dem Maßregelvollzug in Rehburg-Loccum im Kreis Nienburg im September 2015 eine 23-Jährige getötet zu haben. Die Leiche soll er in einem Wald in der Nähe des Klosters Loccum versteckt haben.

Der Mann war 2012 wegen Sexualstraftaten zu fast fünf Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Wegen seiner Alkoholsucht wurde der frühere Landschaftsgärtner und Gerüstbauer 2013 vom Gefängnis in den Maßregelvollzug verlegt, um dort eine Therapie zu machen. 

Nach seinem Freigang am Tag des gewaltsamen Todes der 23-Jährigen kam der Angeklagte mit Kratzern im Gesicht zurück. Verschiedene Leute fragten ihn nach dem Grund der Verletzung, worauf er unterschiedliche Angaben machte.

Pannen während Ermittlungen 

Dass der Mann erst Monate nach dem Sexualmord als Verdächtiger festgenommen wurde, lag an verschiedenen Ermittlungspannen. So gingen die Ermittler dem Hinweis zunächst nicht nach, dass ein Patient des Maßregelvollzugs am Tattag Freigang hatte und mit Gesichtsverletzungen zurückkam. Zudem wurde ein zerknülltes Kaugummipapier als "untersucht" abgelegt, obwohl eine DNA-Untersuchung noch ausstand. Monate später fiel das Versäumnis auf, DNA-Spuren führten die Ermittler zu dem heute 49-Jährigen.

Der Angeklagte hat sich bislang nicht zu den schweren Vorwürfen gegen ihn geäußert. "Wollen Sie uns sagen, was Sie am 12.9.2015 im Freigang gemacht haben?", fragte der Vorsitzende Richter am Mittwoch. Der Angeklagte, der die Verhandlung weitgehend regungslos verfolgte, sagte deutlich: "Nein."

Hintergrund: Was geschah nach dem Mord an der 23-jährigen Judith Thijsen

20. September 2015: In einem Wald in der Nähe des Klosters Loccum im Landkreis Nienburg wird die Leiche einer seit Tagen vermissten jungen Frau aus der Region gefunden. Schnell ist klar, dass sie Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Die Mordkommission sucht nach dem Mann, mit dem die 23-Jährige vor ihrem Verschwinden gesehen wurde.

15. April 2016: Die Staatsanwaltschaft teilt mit, dass sie einen Patienten des Maßregelvollzugs für die Tat verantwortlich macht. Der wegen Vergewaltigung verurteilte Mann war wegen seiner Alkoholsucht Patient in Rehburg-Loccum. Bei einem Ausgang soll er die Frau umgebracht haben. Er wurde anhand einer DNA-Analyse überführt.

5. Mai 2016: Es wird bekannt, dass es Ermittlungspannen gegeben hat. So wurde ein zerknülltes Papier als "untersucht" abgelegt, obwohl eine DNA-Untersuchung noch ausstand. Monate später fiel das Versäumnis auf. Dem Hinweis, dass ein Patient des Maßregelvollzugs am Tattag Freigang hatte und mit Kratzern im Gesicht zurückkam, gingen die Ermittler zunächst nicht näher nach.

28. September 2016: Zum Beginn des Mordprozesses vor dem Landgericht Verden sagt der Angeklagte, dass er sich nicht zu den Vorwürfen äußern will. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft hat der Mann eine Neigung zu Sadismus und ist wegen seiner psychischen Befindlichkeiten als gefährlich einzustufen.

16. Februar 2017: Der Maßregelvollzug in Bad Rehburg gerät wegen unterschlagener Unterlagen unter Druck. Die Staatsanwaltschaft teilt mit, dass bei einer Durchsuchung der Klinik umfangreiche Dokumente sichergestellt wurden.

24. Februar 2017: Die Pannen haben Konsequenzen. Der leitende Arzt und Vollzugsleiter im Maßregelvollzug wurde freigestellt.

15. Juni 2017: Im Mordprozess werden die ersten Plädoyers gehalten.

dpa

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