Landkreis und Amtsgerichte in Nienburg setzen auf „Werdenfelser Weg“

Menschenwürde bis ins Alter

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Sie setzen auf die Chancen des Werdenfelser Weges: Amtsrichterin Agnes Pfeil, Amtsgericht Stolzenau, Dr. Martin Haas, Dr. Sebastian Kirsch, Erster Kreisrat Thomas Klein und Amtsrichterin Susanne Hindahl, Amtsgericht Nienburg. ·

Nienburg - Von Katrin PliszkaAlte und pflegebedürftige Menschen sollen in den Heimen und Pflegeeinrichtungen im Landkreis Nienburg künftig möglichst nicht mehr fixiert werden. Dafür haben sich jetzt die Kreisverwaltung und die Abteilungen für Betreuungssachen an den Amtsgerichten Nienburg und Stolzenau ausgesprochen. Dazu wollen sie sich am „Werdenfelser Weg“ orientieren, wie sie vor rund 100 Pflegeverantwortlichen und Berufsbeteuern erklärt haben.

Zu Gast war Betreuungsrichter Dr. Sebastian Kirsch. Er erläuterte die Hintergründe und Lösungsansätze des „Werdenfelser Weges“, den er im Amtsbezirk Garmisch-Patenkirchen mitentwickelt hat und dort seit 2007 erfolgreich anwendet.

„Der Werdenfelser Weg ist ein verfahrensrechtlicher Ansatz im Rahmen des geltenden Betreuungs- und Verfahrensrechts“, sagt Kirsch. Grundgedanke sei, Fixierungen und „freiheitsentziehende Maßnahmen“ wie Bauchgurte, Bettgitter, Vorsatztische in Einrichtungen abzubauen. Jedes Jahr werden laut Kreisverwaltung rund 340 000 freiheitsentziehende Maßnahmen in deutschen Pflegeheimen neu genehmigt. So wollen sich Heimleitungen gegen Haftpflichtklagen absichern, die nach schweren Stürzen oder lebensgefährlichen Verletzungen folgen können, so Kirsch.

Aber: Die Gefühle der Betroffenen werden dabei oft außer Acht gelassen. Hinzu kommt, dass diese Immobilisierung gesundheitliche Folgen hat. Auf der Internetseite des bayrischen Justizministeriums heißt es, dass „monatelange, dauerhafte Fixierungen im Bett oder Stuhl in vielen Fällen körperliche und seelische Leiden auslösen“. Zudem führten sie unter anderem zu „Muskelabbau, Inkontinenz, Ängsten, Liegegeschwüren oder Lungenentzündung“. „Wären Fixierungen Medikamente, dann wären Sie schon lange vom Markt“, heißt es dort weiter.

Der Landkreis will nun im Zuge des „Werdenfelser Weges“ in dem gerichtlichen Genehmigungsverfahren von Fixierungen einen spezialisierten Verfahrenspfleger einsetzen. Dieser bringt aufgrund seiner Ausbildung eine Kombination von pflegefachlichem und juristischem Fachwissen zu diesem Thema mit. Er prüft im Auftrag des Betreuungsgerichtes jeden Fall und entwickelt gemeinsam mit allen Beteiligten Alternativen zur Fixierung. Der Verfahrenspfleger soll je nach Fall auch andere Maßnahmen anregen.

Das Ziel ist eine gemeinsame Abschätzung, wie bei jedem Patienten das Verletzungsrisiko bei einem Sturz einerseits und die negativen Folgen der Fixierung andererseits einzuschätzen sind.

Der Landkreis Nienburg als Träger der Betreuungsstelle sowie die Abteilungen für Betreuungssachen an den Amtsgerichten Nienburg und Stolzenau wollen sich für die Vermeidung von Fixierungen stark machen und eine andere Pflegekultur im Landkreis anstreben, heißt es. „Wir sind von der Richtigkeit des ‚Werdenfelser Weges‘ zur Bewahrung der Menschenwürde bis ins hohe Alter hinein überzeugt“, betont die Kreisverwaltung.

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