Autist Heinrich E. aus Stolzenau kann Kontakte nur schwer aufbauen

Mathe-Genie fühlt sich in „seiner“ Welt gefangen

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Heinrich E. aus Stolzenau ist 13 Jahre und Autist. Er möchte gern Kontakt haben und ist total traurig, dass er das nicht hinbekommt.

Stolzenau - Von Sven Deckert - In einem Flyer der Autismus-Hilfen der Lebenshilfe hat ein damals neunjähriger Junge mit einem Bild und wenigen Worten die Welt beschrieben, in der er lebt.

Man muss schon hart gesotten sein, um sich von dieser Schilderung nicht berühren zu lassen. Der Junge heißt Heinrich und ist Autist. So sehr er sich das wünscht – es ist ungeheuer schwer für ihn, Kontakt zum „Außen“ aufzunehmen.

Dieses Bild hat Heinrich E. von sich gemalt.

Heinrich E. wird von der Lebenshilfe betreut und begleitet, seit er vier Jahre alt war, berichtet Hille Laue, Einrichtungsleiterin Frühe Hilfen. Bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sind bestimmte Fähigkeiten häufig weit überdurchschnittlich ausgeprägt. Manche Autisten sind regelrechte Mathe-Genies oder können lange Zahlenfolgen und Buchstabenreihen auch dann fehlerfrei wiedergeben, wenn sie sie nur einen Augenblick lang betrachtet haben. Das ist bei Heinrich ähnlich. Ulrike Reinsch und Andrea Hindahl, die den Jungen in der Schule begleiten, nennen ein Beispiel: „10,3 mal 7,5 mal 8,9 rechnet Heinrich im Kopf schneller als wir mit dem Taschenrechner.“ Auf der anderen Seite aber stehen mehr oder weniger stark ausgeprägte Defizite: „Heinrich ist sprachlich und motorisch so eingeschränkt, dass er fortdauernde Unterstützung braucht.“ Besonders schwierig ist das Leben für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung aber, weil sie ihre Umwelt einfach nicht verstehen. Das Leben muss möglichst in festen, bekannten Bahnen ablaufen. Das macht den Umgang mit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung auch für das Umfeld nicht einfach.

Ulrike Reinsch bietet Heinrichs Familie über die Lebenshilfe autismusspezifische Beratung und Unterstützung, während Bernhard Lohmann direkt mit Heinrich arbeitet und ihn bei der Freizeitgestaltung begleitet. Heinrich kennt Bernhard Lohmann und vertraut ihm, er kann mit dem Jungen durchaus ins Kino gehen oder in die Pommes-Bude. „Heinrich liebt Pommes frites“, schildert Bernhard Lohmann seine Erfahrungen. „Es kann passieren, dass er vor lauter Freude durch die Pommes-Bude tanzt. Dann ist er einfach glücklich, er strahlt das pure Glück aus!“

Bernhard Lohmann hilft Heinrich dabei, seine enge Welt Stück für Stück zu erweitern und neue Erfahrungen zu sammeln. Ein mühsames Unterfangen für beide Seiten, denn einmal Gelerntes muss immer wieder angewendet werden, sonst gerät es aufs Neue in Vergessenheit.

„Heinrich kuschelt unheimlich gern“

Dass Autisten keinen Kontakt zu anderen Menschen wollen und vor Berührungen zurückschrecken, ist für Bernhard Lohmann ein Klischee: „Heinrich kuschelt unheimlich gern. Er möchte gern Kontakt haben und ist total traurig, dass er das nicht hinbekommt.“

Dass das so ist, haben die Fachleute der Lebenshilfe überhaupt erst dank Laptop-gestützter Kommunikation erfahren, die Ulrike Reinsch und Andrea Hindahl gemeinsam mit dem 13-Jährigen anwenden. „Er kann Mimik und Gestik seiner Mitmenschen nicht verstehen“, sagt Andrea Hindahl. „Die zwischenmenschlichen Regeln, der ganze soziale Bereich, das ist für ihn einfach unberechenbar und nicht nachvollziehbar.“

Nach Kindergarten sowie Grund- und Hauptschule besucht Heinrich E. nun die Helen-Keller-Schule in Stolzenau. Ulrike Reinsch und Andrea Hindahl begleiten ihn im Rahmen der „Hilfe zur angemessenen Schulbildung“. Von der klassischen schulischen Wissensvermittlung her ist er dort häufig unterfordert, dann kommt die Unterstützung der begleitenden Kolleginnen zum Tragen. Heinrich findet Lernen toll: Er will Englisch lernen oder Mathe-Aufgaben lösen. Doch auf der Hauptschule waren für Heinrich die Probleme mit dem sozialen Umfeld zu groß.

Die Diskrepanz zwischen der eigenen Welt und der der „anderen“ macht den 13-Jährigen einsam. Das von ihm gemalte Bild im Flyer der Lebenshilfe zeigt einen weinenden Jungen, der von dicken, undurchdringlichen Kreisen umgeben ist. „Ich bin oft traurig, weil ich nicht gut sprechen kann. Die Kreise zeigen meine Not, die im Leben immer da ist. Die ganze Zeit Fanfaren von Worten treffen meine Ohren.“ Seine Versuche der Kontaktaufnahme und der Interaktion mit der Umwelt stoßen bei denen, die ihn nicht kennen, aber meist auf Ablehnung.

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