Jugendlicher Flüchtling findet Heim bei Kreis-Nienburger Ehepaar

„Wir lernen mit Pantomime“

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Peter Schmidt, Aman und Helga Schmidt bereiten gemeinsam das Abendessen vor – ins Bild möchten sie alle drei nicht, ihre Zusammengehörigkeit aber symbolisieren.

Landkreis - Von Beate Ney-Janßen. Kurz vor Weihnachten ist Aman beim Ehepaar Schmidt eingezogen. Davor standen für ihn mehr als zwei Jahre auf der Flucht. Was es bedeuten kann, einen minderjährigen Flüchtling in seine Familie aufzunehmen, erzählt das Ehepaar.

Aman wischt noch schnell mit einem Lappen über den Küchentisch. Eben ist der 15-Jährige aus der Schule gekommen, hat gegessen und nun soll der Besuch, dem er die Tür geöffnet hat, sich an einen krümelfreien Tisch setzen können. Helga Schmidt kocht währenddessen einen Kaffee. Ihr Mann Peter kommt Minuten später zur Tür herein, so dass nun alle in der gemütlichen Küche sitzen, um zu reden und sich den Kaffee schmecken zu lassen. Eine kleine ländliche Familienszene, irgendwo in einem Dorf im Landkreis Nienburg. Nur, dass diese Familie erst seit sechs Wochen in dieser Konstellation existiert.

Kurz vor Weihnachten ist Aman beim Ehepaar Schmidt eingezogen. Davor standen für ihn mehr als zwei Jahre auf der Flucht. Aus einem Land in Afrika stammt er. Von dort ist er auf langen, verschlungenen Wegen nach Deutschland gekommen – und hat im Ehepaar Schmidt eine Gastfamilie gefunden. „Mutter“, sagt er – so möchte er Helga Schmidt nennen. Sie stellt es ihm frei, welche Anrede er wählt. Ob er sie als Mutter betrachten will oder lieber mit ihrem Vornamen ansprechen. In den sechs Wochen ist Aman aber schon sehr vertraut in der neuen Umgebung.

Gut gefalle es ihm in Deutschland, sagt er. Bis darauf, dass es so kalt sei. Die Schule mache Spaß, Mathe und Sport am meisten. Deutsch mag er auch – obwohl er doch bislang fast nichts in dieser Sprache versteht. Dabei ist Aman sehr sprachbegabt. Zweisprachig – in zwei Landessprachen – ist er in Afrika aufgewachsen. Während der Flucht hat er grundlegende Kenntnisse im Arabischen bekommen. Und außerdem kann er sich in Gebärdensprache verständigen. Ein Onkel von Aman ist taub. Mit ihm hat er damals, als er noch zu Hause war, mit den Händen kommuniziert.

Das kommt Aman und auch dem Ehepaar Schmidt jetzt zugute. Als das Ehepaar sich entschloss, Gastfamilie für einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling zu werden, hatten beide gemeint, dass die Sprache nicht das Problem sein könne. So ziemlich jeder der Flüchtlinge könne doch ein wenig englisch reden und diese Sprache könnten sie beide fließend sprechen. Dass sie dann einen Jungen ins Haus bekamen, der viele Sprachen kann, aber keine, die sie selbst beherrschen, machte die Herausforderung ein wenig größer. „Aber so lernen wir eben über Pantomime voneinander“, sagt Helga Schmidt. Die Sprache erschließt sich über Gebärden und Gesten, selbst wenn es manchmal zu Missverständnissen kommt. Wie etwa am Tag zuvor, als das Ehepaar etwas von einem Hund erzählen wollte, Aman aber „Huhn“ verstand, was schließlich ganz ähnlich klingt. Um zu erklären, was er meinte, wählte er den Umweg über „Mama-Ei“ – die Mutter des Eis eben. Als er dann immer noch nicht verstanden wurde, ging er kurzerhand an den Kühlschrank, holte die Eierpappe hervor und zeigte auf das Huhn, das darauf abgebildet ist. Die Lacher hatte er auf seiner Seite und diese kleine Episode verspricht, zum Running-Gag in der Familie Schmidt zu werden.

Weshalb aber hat sich das Ehepaar entschlossen, einen jugendlichen Flüchtling bei sich aufzunehmen? „Wir haben ein großes Haus, unsere Kinder sind erwachsen und wir konnten es uns nicht vorstellen, nur zu zweit hier zu leben“, sagt Peter Schmidt. Schon früh hätten sie darüber nachgedacht, ein Pflegekind aufzunehmen, erzählt er weiter. Damals, als ihr erstes Kind auf der Welt war, das nächste sich aber über einen langen Zeitraum nicht einstellen wollte. Letztlich sind es doch noch mehr als zwei eigene Kinder geworden und die Frage nach einem Pflegekind wurde hinten angestellt. Nun, angesichts der Meldungen von vielen minderjährigen Flüchtlingen, für die Familien gesucht werden, meinten beide, dass es die beste Gelegenheit sei, alte Pläne in die Tat umzusetzen.

Beim Jugendamt des Landkreises hatten sie signalisiert, dass sie bereit seien, einen Jugendlichen bei sich aufzunehmen. Wer dann zu ihnen kommen würde, darauf hatten sie keinen Einfluss, konnten nicht um einen Jungen oder ein Mädchen bitten, sich nicht auf ein Land festlegen, aus dem der Jugendliche kommen sollte, und hatten auch keinen Einfluss auf die Religionszugehörigkeit. Obwohl beide überzeugte Christen sind, wäre es für sie aber auch völlig in Ordnung gewesen, wenn ein Muslim in ihre Familie gekommen wäre.

Kreis sucht Gastfamilien

Familien, Paare und Alleinstehende, die bereit sind, einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling bei sich aufzunehmen, sucht der Landkreis Nienburg. Von 51 solcher Jugendlichen werden für 40 noch Gastfamilien gesucht. Wer Interesse hat, kann am Montag, 8. Februar, um 18.30 Uhr zu einer Infoveranstaltung in den Nienburger Kreistagssaal kommen oder sich unter der Tel. 05021/ 96 73 43 informieren. „Die Gastfamilie beziehungsweise die Bezugsperson selbst sollte über ausreichend gute Deutschkenntnisse verfügen und in ihrem sozialen Umfeld gut vernetzt sein. Auch Offenheit für andere Kulturen und Interesse an der persönlichen Lebenssituation des jungen Menschen sind eine wichtige Voraussetzungen“, sagt Silke Eckert, Fachdienstleitung „Pflegekinderdienst und Adoptionen“. Der Pflegekinderdienst berät und begleitet Gasteltern von Anfang an in Form von individuellen Beratungsgesprächen. „Netzwerktreffen, Fortbildungsangebote und ein interkulturelles Kompetenztraining sind geplant“, erklärt Silke Eckert. Außerdem gibt es die Unterstützung des vom Gericht bestellten Vormundes bei Angelegenheiten und Fragen rund um die rechtliche Vertretung inclusive des Asylverfahrens. Zur Sicherung des Lebensunterhaltes des Jugendlichen bezieht die Gastfamilie ein monatliches Pflegegeld.

Das Jugendamt kümmere sich ausgezeichnet um sie und um Aman, sagt Helga Schmidt. Ein offenes Ohr für alle Fragen gebe es dort immer. Für Aman sei außerdem ein Vormund bestellt - wie bei jedem minderjährigen Flüchtling. Die Frau, die die Vormundschaft habe, helfe in vielerlei Weise, komme auch zu Besuchen ins Haus, vermittle aber niemals das Gefühl „misstrauischer Kontrolle“. Vom Jugendamt gebe es außerdem für Amans Lebensunterhalt ein Pflegegeld, so dass die Aufnahme eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings keine finanzielle Belastung für Familien sei. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt des Gesprächs muss Aman vom Küchentisch aufstehen. Er bekommt nun Besuch von einem älteren Herrn aus der Nachbarschaft, der sich angeboten hat, ihm regelmäßig Nachhilfe-Unterricht für Mathe und Co. zu geben. Während seiner gesamten Fluchtzeit hat Aman keine Schule besuchen können. Da gibt es also enormen Nachholbedarf. So, wie der ältere Herr, sagt Helga Schmidt, hätten viele Menschen aus ihrem Dorf reagiert: damit, dass sie ihre Hochachtung für das aussprechen, was das Ehepaar Schmidt so schlicht und einfach getan hat. Auch damit, dass sie fragen, ob sie in irgendeiner Beziehung helfen können und das dann auch bereitwillig und gerne tun. Die Erfahrungen vom Ehepaar Schmidt aus den ersten Wochen sind durchweg positiv. Und erstaunt ist Helga Schmidt immer noch, wenn sie die Küche kehren will, Aman ihr aber einfach den Besen aus der Hand nimmt und das selbst erledigt. „Das hätte keiner von meinen Söhnen freiwillig gemacht“, schmunzelt sie. Insgesamt sei Aman enorm selbständig für sein Alter. Das habe er in zwei Jahren auf der Flucht lernen müssen. Und das bedeute dann nicht nur, dass Aman freiwillig einen Besen in die Hand nehme, sondern auch, dass keine „Rundum-Betreuung“ notwendig sei. In vielerlei Hinsicht kann er sich um sich selbst kümmern. Für alles andere hat er Mutter und Vater in seiner Gastfamilie, die ihm helfen, die Sprache zu lernen, sich in seiner neuen Heimat zurechtzufinden und sich angekommen und angekommen zu fühlen.

Die Perspektiven für Aman auf einen positiven Bescheid seines Asylantrages sind gut. Was für diese Familie in dem Dorf im Landkreis Nienburg bedeutet, dass Aman bis zu seiner Volljährigkeit dort bleibt.

 

Anmerkung: Sowohl Amans Name als auch die des Ehepaars Schmidt sind von der Redaktion geändert – so, wie auch weitere Details in diesem Artikel anonymisiert wurden. Dies geschieht auf Bitten des Jugendamtes und Amans. Das Jugendamt möchte die Persönlichkeitsrechte der jugendlichen Flüchtlinge schützen. Und Aman ist daran gelegen, als Mensch nicht darauf reduziert zu werden, ein Flüchtling zu sein.

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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