Vietnamesische Familie hofft auf Einbürgerung

„Jetzt ist Glück“: Nguyens richten sich im Alltag ein

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André und Esther posieren mit ihren Eltern Sang und Doung vor Andrés Baumhaus. Die Abschiebung nach Vietnam Ende vergangenen Jahres hat Spuren hinterlassen. Aber die Familie richtet ihren Blick nach vorne.

Hoya - Sowohl ihre Abschiebung nach Vietnam im November als auch die Rückholung Anfang dieses Jahres waren an Dramatik schwer zu überbieten. Der Fall ist einmalig in Niedersachsen und selten in Deutschland. Mittlerweile ist die Familie Nguyen längst wieder im Hoyaer Alltag angekommen, verbessert eisern ihre Deutschkenntnisse und hofft mittelfristig auf ihre Einbürgerung.

André liebt sein Baumhaus. Nachbarn und Freunde haben es auf das kleine Gartenstück an der Weser gebaut. Lachend flitzt der Sechsjährige die Leiter hoch, greift sein Fernglas und blickt einem Binnenschiff hinterher. Unten schippt seine Schwester ein wenig gelangweilt im Sand. Esther ist neun und eher nicht mehr im Baumhaus-Alter. Sie spielt lieber Klavier oder mit ihren Freundinnen. Mutter Sang zupft Unkraut aus den Blumentöpfen. Vater Duong prüft die Standfestigkeit der Pergola. „Jetzt ist Glück“, sagt er in nicht ganz einwandfreiem Deutsch: „Davor war es furchtbar. Wenn wir uns daran erinnern, weinen wir.“

Das Glück der Familie Nguyen ist dieses kleine Gartenstück an der Weser. Und die dazugehörige Wohnung über einem Ladengeschäft. Und auch die Arbeitsstelle in der Baumschule, der Sprachkurs, die Schule, der Kindergarten, die Freunde im Ort, der Fußballverein, der Klavierunterricht. Seit sieben Monaten empfindet sie das so. Nguyens haben sich eingerichtet im Alltag – wieder eingerichtet, in ihrem neuen, alten Leben. Am 31. Januar waren sie aus Vietnam zurückgekehrt, nach Hause und zu ihrer damals allein zurückgebliebenen 20-jährigen Tochter Ngoc Lan. Der Unterstützerkreis sorgte dafür, dass Arbeitsstelle, Wohnung, Plätze in Kindergarten und Schule erhalten blieben.

Ihr Leben teilen die Ngu yens heute ein in „vorher“ und „nachher“. „Vorher hatten wir immer Angst“, sagt Sang. Die drohende Abschiebung schwebte wie eine dunkle Wolke über allem. Nach der Wiedereinreise ist „Glück“. Ein anderes Wort will Vater Duong partout nicht einfallen. So spricht er es immer wieder mal aus und lacht dabei über das ganze Gesicht.

Jetzt setzt die Familie alles daran, dieses Glück festzuhalten. Stolz zeigen Nguyens vier rosafarbene Plastikkarten vor: „Aufenthaltserlaubnis“ steht auf jeder geschrieben. Damit dürfen sie sich frei bewegen. Drei Jahre sind sie gültig. Die Einbürgerung ist danach das große Ziel. Fleißig verbessern sie in einem Sprachkurs ihre Deutschkenntnisse. Die Arbeitszeit in der Baumschule holen sie sonnabends nach.

Doch auch wenn es für die Nguyens ein glückliches Ende gab: Jahrelange Unsicherheit, Abschiebung und drei Monate Hoffen auf Rückkehr hinterlassen Narben. Esther und André wurden in Kindergarten und Schule zurückgestuft. Esther hat die zweite Klasse wiederholt. „Deshalb habe ich jetzt sogar noch mehr Freundinnen“, sagt sie tapfer. „Außerdem konnten wir alle gemeinsam die Hochzeit meiner großen Schwester feiern. Das war das Schönste.“ Wenn sie nach ihren Gefühlen von damals gefragt wird, schweigt die Neunjährige beharrlich.

Wenn die Eltern André fragen, ob er bald einmal die Großeltern in Vietnam besuchen will, schüttelt er entschieden den Kopf. Damals hatte er gedacht, er würde sein Baumhaus nicht wiedersehen. · epd

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