Die Bollmannallee in Hoya

Zuhause von Abenteurern und Essigfabrikanten

Das Haus Bollmann an der Lange Straße 68.
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Das Haus Bollmann an der Lange Straße 68.

Hoya – Nachdem zu Beginn der 1960er-Jahre die Von-Staffhorst-Straße (siehe Teil 6) angelegt worden war, entstand zwischen ihr und der Von-Kronenfeldt-Straße mit der Bollmannallee auf einer Strecke von 330 Metern eine Verbindung, der sich Teil 7 der Serie über Hoyaer Straßenzüge widmet. Ein im April 1967 aufgenommenes Foto mit kurzem Begleittext des kürzlich verstorbenen Fotografen Helmut Niedfeldt in der Kreiszeitung belegt, dass die heute mit Einfamilienhäusern bestandene Straße erst wenige Wochen zuvor vollständig ausgebaut worden war.

Interessanter als die Straße selbst ist jedoch die namensgebende Familie Bollmann, deren Geschichte hier aber nur in groben Zügen umrissen werden kann. Die Wahl des Namens war mit Blick auf deren einstiges, nur wenige Schritte entferntes Stammhaus Lange Straße Nr. 68 naheliegend. Mit dem Arzt, Diplomaten und Unternehmer Justus Erich Bollmann (1769-1821), auf den weiter unten noch kurz eingegangen wird, brachte sie eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Stadt hervor.

Doch der Reihe nach. Die herangezogenen Quellen legen nahe, dass es sich bei der Familie um ein offenbar vom Hof Holtrup Nr. 4 stammendes, alteingesessenes Geschlecht handelt. Dort taucht der Familienname erstmals 1657 auf, im nahen Eiße findet sich sogar schon 1583 ein Jost Bollmann auf einem Halbmeierhof.

Bereits vor 1700 ließ sich mit Johann der erste Träger dieses Namens in der einstigen Grafenstadt nieder. Der älteste seiner seinen fünf Söhne, Jürgen (1670-1727), verfügte anscheinend über genügend kaufmännische Kenntnisse, um sich 1709 selbstständig zu machen und damit den Grundstock für ein erfolgreich operierendes Handelshaus zu legen. Dessen Neffe Johann Anthon B. (1710-1770) soll zeitweise Bürgermeister in Hoya gewesen sein.

Der Kaufmann Georg Martin (1740-1799), Großneffe des Firmengründers, führte das Unternehmen fort. 1766 heiratete er in zweiter Ehe Amalie Hoppe (1750-1790/93) aus Vilsen, eine Schwester des Mediziners und Botanikers Dr. David Heinrich Hoppe (1760-1846), der internationale Berühmtheit erlangte. Das Paar hatte sieben Söhne, die, von Privatlehrern unterrichtet, in einer offenen und ungezwungenen Atmosphäre aufwuchsen, umgeben von einer 3400 Bände umfassenden Bibliothek. Bis auf eine Ausnahme waren die Brüder in späteren Jahren international als Unternehmer und Kaufleute aktiv. Zwei von ihnen kamen allerdings schon im Alter von 21 und 23 Jahren auf tragische Weise ums Leben.

In Hoya wurde das Unternehmen von Jakob Friedrich (1776-1848), dem drittältesten Sohn des Paares, übernommen. 1802 gründete er zunächst hier, später dann auch in Hamburg und Magdeburg, Essigfabriken. Darüber hinaus erwarb er sich zur Zeit der französischen Besetzung als Bürgermeister (Maire) solch hohe Verdienste, dass ihn König Georg III. von Hannover zum Kommerzienrat ernannte. Um 1840 entstandene wirtschaftliche Probleme konnten mit einem Lottogewinn von 80000 Talern behoben werden. Aus seiner Ehe mit der aus Kampsheide stammenden Julie Rixmann (1779-1851) gingen sieben zwischen 1802 und 1822 geborene Kinder hervor, von denen die Söhne Ernst Martin (1812-1871) und Martin Friedrich (1817-1907) das inzwischen über ein weitgespanntes, alle fünf Kontinente umfassendes Handelsnetz sowie Produktionsstätten in Bremen, Hannover, Hamburg, Magdeburg und Wesermünde verfügende Unternehmen zu höchster Blüte führten.

Mit George Ernst (1857-1937), Sohn von Martin Friedrich, erlosch der hier betrachtete Familienzweig im Mannesstamm. Dreimal verheiratet, hatte er nur mit seiner ersten Frau Catherine Kück (1865-1936) Kinder, und zwar die Töchter Erika (1885-1953) und Emmy (1887-1933), deren Nachkommen Führungspositionen in den inzwischen eigenständigen Firmen an den Standorten Hoya, Bremen und Bremerhaven innehatten. Zwar kam es 1958 zu einer kurzzeitigen Wiedervereinigung, in den 1960er-Jahren verschwand die E. & M. Bollmann AG dann aber von der Bildfläche. Das Stammhaus in Hoya, wo sich heute keine Familienmitglieder mehr finden, wurde später an die Wildeshauser Kaufmannsfamilie Becker verkauft.

Das abenteuerliche Leben von Justus Erich, dem 1769 in Hoya geborenen ältesten Sohn von Georg Martin und Amalie, ist teilweise glorifizierend, aber auch widersprüchlich beschrieben worden. Friedrich Kapp veröffentlichte 1880 eine Biografie, und der Hoyaer Jurist Albert Heinrich Oppermanns setzte ihm als eine der Hauptfiguren seines Romans „Hundert Jahre“ zudem ein literarisches Denkmal. Seine Vita hier daher nur noch in Kurzform: Nach Schulausbildung und Studium zog es den promovierten Mediziner 1792 nach Paris, wo er die Bekanntschaft der Literatin Germaine de Staël machte und deren Geliebten, den royalistischen Kriegsminister Narbonne, zur Flucht nach England verhalf. Sein im Herbst 1793 unternommener Versuch, den französischen General Marquis de La Fayette aus einem Gefängnis in tschechischen Olmütz zu befreien, misslang hingegen, wofür er von der preußischen Behörde 1794 zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilt wurde. Nach seiner Entlassung begab sich Bollmann nach Amerika, wo er rasch Zugang zu einflußreichen Kreisen fand und 1797 in Philadelphia ein Kommissionsgeschäft gründete, das aber bereits 1803 wieder liquidiert werden musste. Als Agent des Bankhauses Baring wohnte er 1814/15 dem Wiener Kongress bei. Bald darauf gründete er bei London eine chemische Fabrik, starb aber bereits 1821 auf einer Westindienreise im Kingston auf Jamaika an tropischem Fieber.

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