Kälbchen Gailswintha entwickelt sich zu einem Wiederkäuer

Wenn die Milch vom Speiseplan verschwindet

In Gailswinthas linker Ohrmarke steht „Gretel“. Das ist der Name ihrer Mutter. Sie und auch ihre Vorfahren haben dem Kälbchen gute Anlagen mitgegeben. Vielleicht werden ihr die bei der kommenden Schau einen Vorteil bringen. -  Foto: Kreykenbohm

WARPE - Entspannt liegen die zehn Kälbchen im Stroh ihrer geräumigen Box. Manche schmiegen sich aneinander, manche sind lieber für sich. Einige haben das Köpfchen neben ihre Brust gebettet und dösen. Das bedeutet: Alles in Ordnung. „Wenn sie den Kopf hingegen nach vorn strecken, muss man sie im Auge behalten, denn das bedeutet, dass sie womöglich erkältet sind und schlecht Luft bekommen“, weiß Conny Derboven.

Der Besitzer des Hofes Bünkemühle in Warpe steht am Gitter und lässt seinen Blick über seine Schützlinge im „Kinderdorf“ wandern. Dort sind Kälbchen in sechs Kleingruppen untergebracht. In jeder stehen Tiere zusammen, die in der selben Woche geboren wurden.

Gailswinthas Gruppe gehört schon zu den „älteren“. Und genauso benehmen sie sich auch. Wenn in der Nachbarbox die „Kleinen“ herumhopsen, schauen sie fast schon gelangweilt herüber, als wollten sie sagen: „Wie kindisch – oder besser gesagt, wie kälbisch – die doch sind! Gut, dass wir nie so waren.“ Knapp zwei Monate ist Gailswintha nun und scheint sich wohl zu fühlen. Vor zehn Tagen hat sie einen wichtigen Eingriff hinter sich gebracht: das Enthornen.

Dazu werden die Kälbchen betäubt. Wenn sie eingeschlafen sind, wird ein Brennstab auf die kleinen Stummel gesetzt, aus denen mal Hörner hervorsprießen sollen, und umgedreht. Die Wunde wird desinfiziert und es bildet sich Schorf. Dadurch, dass diese Stelle nicht mehr durchblutet wird, wachsen keine Hörner mehr. „Dieses Verfahren ist umstritten, da manche es unnatürlich finden, der Kuh die Hörner zu nehmen“, erklärt Derboven. Er hat sich dennoch dafür entschieden, weil die Risiken höher sind, als der Nutzen. „Kühe wissen, dass sie auf ihrem Kopf Waffen tragen und stoßen sie bewusst in die Herzgegend der anderen Tiere.“ Die Kuh leide unter dem Enthornen weder körperlich noch seelisch. „Die Hörner sind ein bisschen wie die Weisheitszähne bei den Menschen.“

Es klimpert. Ein Kälbchen hat eine Kette entdeckt, die von der Trennwand herunterbaumelt, die die große Box in zwei Bereiche unterteilt. Neugierig leckt es an dem Metall. Schmeckt das? Apropos Essen, auch da hat sich für Gailswintha und ihre Stallgefährtinnen einiges getan. Sie bekommen ihr Futter nicht mehr aus Eimern, sondern fressen gemeinsam aus einem Trog. Wie die „Großen“. Das ist wichtig, weil „die Kälber lernen müssen, sich durchzusetzen“, erklärt Derboven.

Dadurch, dass niemand mehr seine eigene Portion habe, gäbe es natürlich Futterneid unter den Tieren und sie müssen dafür sorgen, dass sie zu ihrem Recht kommen. Aus diesem Grund müssen die Kälbchen eine möglichst homogene Gruppe bilden. Das heißt, alle sind in etwa gleich groß und stark, damit keines untergeht. „Kälbchen entwickeln sich wie Kinder nicht immer gleich“, so Derboven. „Während der eine in der dritten Klasse schon groß und kräftig ist, wird sein Mitschüler noch für einen Erstklässler gehalten.“

Derboven greift in den Trog, der mit Raufutter gefüllt ist. Davon soll jedes Kälbchen jeden Tag drei Kilogramm fressen. Von der heißgeliebten Milch müssen Gailswintha und ihre Stallgefährtinnen hingegen langsam Abschied nehmen. Noch eine Woche dürfen sie ihr „Lieblingsessen“ parallel zum Futter genießen, dann ist Schluss. Denn dann sind sie offiziell Wiederkäuer.

Das Umstellen von Milch auf Raufutter hat so seine Tücken, denn Kälbchen sind wählerisch, was ihr „Essen“ angeht und tricksen wie Kinder auch mal ganz gerne, wenn sie was nicht mögen. So wie das Stroh. Derboven zeigt einen Halm, der aus dem Futter herausragt. „Keine Kuh mag gern Stroh. Das ist für sie wie das trockene Brot für uns: Nicht lecker, aber wichtig.“ Ist der Halm zu lang, wird er schnell mit der Zunge aussortiert und bleibt liegen. Darum muss die ungeliebte Beilage möglichst klein gehäkselt werden, damit sie unter das Futter gemischt werden kann. Denn ohne das Stroh können sich die Pansenzotten im Magen nicht entwickeln und aus dem Kälbchen wird kein Wiederkäuer.

In Gailswinthas Gruppe hat die Umstellung problemlos funktioniert. Einige der Kälbchen käuen bereits sichtbar wieder. Derboven macht dieser Anblick stolz, denn das zeige, das man es „geschafft“ habe.

Die Kälbchen haben inzwischen mitbekommen, dass etwas bei ihrer Box vor sich geht und schauen herüber. Gailswintha stemmt sich auf die Beine, um nachzusehen. Als sie die Frau mit der Kamera entdeckt, kommt sie rasch näher und stubst mit dem Schnäuzchen gegen die Linse: „Dich kenne ich doch! Ich weiß genau, warum du hier bist.“ Sie ist mittlerweile echter Medienprofi und lässt sich geduldig von allen Seiten ablichten.

Das könnte ein gutes Zeichen sein, denn demnächst steht ihr ein besonderes Ereignis bevor: Vom 22. bis 24. April ist eine Schau in Verden und Gailswintha wird am Vorführ-Wettbewerb teilnehmen. Dabei werden Kälbchen durch Kinder der Jury präsentiert. Diese Kinder müssen zu ihrem jeweiligen Schützling passen, also etwa gleich groß sein. Für Gailswintha stehen im Moment zwei Jungen im Alter von fünf und sieben Jahren zur Wahl.

Wer sie am Ende bei ihrem ersten großen Auftritt begleiten darf, wird noch entschieden. Dann werden Kind und Kälbchen gründlich vorbereitet. Gailswintha muss beispielsweise lernen, ein Halfter zu tragen und sich führen zu lassen. Aber Derboven ist zuversichtlich, denn die Kleine hat das Showgeschäft im Blut. „Vor Kurzem hat eine Kuh aus ihrer Familie bei der Schau der Besten den Preis für die beste, selbstgezogene Kuh geholt.“

Mehr zum Thema:

Grippewelle 2017: Ende zeichnet sich langsam ab

Grippewelle 2017: Ende zeichnet sich langsam ab

"Sewol"-Bergung in Südkorea macht Fortschritte

"Sewol"-Bergung in Südkorea macht Fortschritte

TôsôX vermischt Kampfsport und Aerobic

TôsôX vermischt Kampfsport und Aerobic

Das ist der neue Suzuki Swift

Das ist der neue Suzuki Swift

Meistgelesene Artikel

70-Jähriger in Nienburg vermisst

70-Jähriger in Nienburg vermisst

Weil andere ihre Haare dringender brauchen als sie

Weil andere ihre Haare dringender brauchen als sie

Zugverkehr zwischen Bremen und Hannover gestört 

Zugverkehr zwischen Bremen und Hannover gestört 

Chefarzt gibt an, sich nicht zu erinnern

Chefarzt gibt an, sich nicht zu erinnern

Kommentare