Zugvögel brüten wieder im Landkreis Nienburg / Immer mehr Jungtiere

Weißstörche weiter im Aufwind

Mit ihren ausgebreiteten Schwingen sehen Weißstörche majestätisch aus. Fotos: Uwe Campe

Grafschaft Hoya - Von Uwe Campe. Vom Haussperling vielleicht einmal abgesehen, hat sich wohl kaum eine Vogelart so sehr dem Menschen angeschlossen wie der Weißstorch. Anders als sein Vetter, der abgeschiedene Wälder bewohnende Schwarzstorch, hat er seit jeher die Nähe menschlicher Siedlungsräume gesucht und ist somit zum Kulturfolger schlechthin geworden.

Die Verbundenheit des Weißstorches zum Menschen wird allein schon daran deutlich, dass in vergangenen Zeiten den noch nicht ganz so früh wie heute aufgeklärten Kindern erzählt wurde, dass Adebar auch für den menschlichen Nachwuchs zuständig sei. Auf den häufig noch stroh- oder reetgedeckten Dächern der Bauernhäuser brachten die Bewohner Wagenräder an, um seine Ansiedlung gezielt zu fördern. Manche dieser Horste hatten beträchtliche Ausmaße und sind von etlichen Storchgenerationen zur Aufzucht ihrer Jungen genutzt worden.

Rückgang und Zuwachs

Bedingt durch die relativ einfache Erfassung, sind die Bestandsentwicklungen des Weißstorches über lange Zeiträume gut dokumentiert. Wie die Aufzeichnungen des früheren Direktors der Naturkunde-Abteilung des Landesmuseums in Hannover, Dr. Hugo Weigold, zeigen, befanden sich auf dem Gebiet der heutigen Samtgemeinde Grafschaft Hoya im Jahr 1907 noch in mindestens elf Orten Brutvorkommen mit einem oder mehreren Paaren. 

Schon bald danach muss allerdings ein erster Rückgang der Population eingesetzt haben, denn 1934 gab Weigold nur noch für die Orte Magelsen, Wienbergen, Altenbücken, Hassel und Mahlen insgesamt sieben Brutpaare an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Bestände auf Landesebene, aber auch lokal kontinuierlich zurück und erreichten 1990 ihren niedrigsten Stand. Im Landkreis Nienburg zogen damals nur noch fünf Paare erfolgreich Junge groß, davon im Nordkreis eines in Wechold und eines in Schweringen. 

Die Gründe für das Verschwinden der Störche mögen vielfältig gewesen sein, allgemein wird aber die Intensivierung der Landwirtschaft und der damit einhergehende Rückgang naturnaher Feuchtgebiete und Dauergrünländereien als eine der Hauptursachen angesehen.

Erstaunlicherweise setzte aber nach 1990 zunächst eine langsame, dann aber immer rasantere Erholung der Bestände ein. Dr. Reinhard Löhmer, ehrenamtlicher Weißstorchbetreuer für die Region Hannover, registrierte 2010 im Kreis Nienburg 15 Horstpaare, von denen zwölf insgesamt 26 Junge aufzogen. Im Jahr 2018 hatte sich dieser Bestand bereits auf stattliche 43 Paare erhöht, 37 davon mit Bruterfolg. Mit 83 ausgeflogenen Jungstörchen wurde sogar das Ergebnis von 1934 (damals 74) übertroffen. 

Witterung sorgte für gutes Nahrungsangebot

Noch besser verlief dann die letztjährige Brutsaison. Für 117 ausgeflogene Junge waren insgesamt 45 Brutpaare zuständig. Hinzu kamen zehn weitere Paare, die erfolglose Brutversuche unternahmen. Für dieses überragende Ergebnis waren laut Dr. Löhmer die während der letztjährigen Aufzuchtperiode günstige, weil trockene und warme Witterung sowie ein ungewöhnlich gutes Nahrungsangebot an Feldmäusen und Heuschrecken ausschlaggebend.

Die in der Samtgemeinde Hoya beheimateten Störche hatten mit zehn Jungvögeln Anteil an diesem Ergebnis. Erfolgreich schritten die Paare in Ubbendorf (ein Jungvogel), Hoya-Wiedesee (1), Hassel (2), Mahlen (3) und Schweringen-Ziegelei (3) zur Brut, während den Paaren in Dahlhausen, Schweringen und Eystrup kein Bruterfolg beschieden war.

Für die Bestandserholung ist laut Dr. Löhmer vordergründig das geänderte Zugverhalten der Weißstörche verantwortlich. Diese sind bekanntlich Zugvögel, die traditionell in Afrika überwintern. Da das Mittelmeer nicht direkt überquert wird, fliegen die Vögel die Winterquartiere über die Meerengen Gibraltar (Westzieher) und Bosporus (Ostzieher) an. 

Die Mehrheit unserer Störche sind Westzieher, die in den vergangenen Jahren aber zunehmend nicht mehr in Westafrika, sondern in Spanien und sogar Südfrankreich überwintert haben. Damit sind ihre Zugwege deutlich kürzer und es gibt weniger Verluste, zumal die für die Vögel nie so ganz gefahrlose Sahara-Querung entfällt.

Als weiteren Grund nennt der Experte eine früher eintretende Geschlechtsreife der Störche, die mehr und mehr schon im zweiten Lebensjahr zu brüten beginnen. Außerdem sei zu beobachten, dass die jungen Nichtbrüter nicht wie bisher üblich die ersten Jahre in Afrika oder im Mittelmeerraum verbringen, sondern schon mit der Brutpopulation ins Geburtsgebiet zurückkehren, wodurch sie die Zahl der bei uns in den Sommermonaten zu beobachtenden Störche zusätzlich ansteigen lassen.

Population 2020

Wie sieht es nun in diesem Jahr aus? Nachdem die Westzieher mit den Februar-Stürmen im Rücken schon Anfang März komplett eingetroffen sind, kamen die Ostzieher erst später, etwa ab Ende März an. Sie mussten sich zwangsläufig Nester erobern oder unbesetzte Nisthilfen ausbauen. 

Diese Revierstreitigkeiten scheinen inzwischen jedoch weitgehend abgeklungen zu sein und offenbar brutwillige Vögel haben die Horste in Dahlhausen, Ubbendorf, Holtrup, Schweringen-Dorf, Schweringen-Ziegelei, Warpe, Hoya-Wiedesee, Hassel, Mahlen und Eystrup bezogen. Bis auf die beiden Horste in Schweringen, die sich auf einem Scheunendach und einem Schornstein befinden, handelt es sich bei den übrigen Brutgelegenheiten um auf freistehenden Masten bereitgestellte Nisthilfen, von denen es in der Samtgemeinde noch weitere gibt, die aber bislang unbesetzt geblieben sind. 

Sollten die Störche jedoch erneut einen „Babyboom“ wie 2019 produzieren und die Population damit weiter ansteigen, ist nicht auszuschließen, dass in den kommenden Jahren auch von diesen Plätzen noch der eine oder andere besiedelt wird.

Ansprechpartner

Die Nachfolge von Reinhard Löhmer, der die Aufgabe als Weißstorchbeauftragter von 1967 bis 2019 ausübte, hat inzwischen Hermann Brockmann aus Nienburg angetreten, der bei Fragen unter Telefon 05021/8876300 und per E-Mail an storchnbg@gmx.de mit Rat und Tat zur Verfügung steht.

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