Historische Bockwindmühle in Hoya entdeckt

Verschüttete Wahrzeichen

Die Gründungspfähle einer Bockwindmühle stammen aus dem 17. Jahrhundert. Jan Blanck, archäologischer Dienstleister aus Bruchhausen-Vilsen, und seine Mitarbeiter haben sie auf dem Gelände des ehemaligen Krankenhauses in Hoya ausgegraben.
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Die Gründungspfähle einer Bockwindmühle stammen aus dem 17. Jahrhundert. Jan Blanck, archäologischer Dienstleister aus Bruchhausen-Vilsen, und seine Mitarbeiter haben sie auf dem Gelände des ehemaligen Krankenhauses in Hoya ausgegraben.

Ein Haufen Holzpfähle und der Bügelverschluss eines Bierkrugs: Historische Funde auf dem Gelände des ehemaligen Krankenhauses erlauben Rückschlüsse auf das Leben in Hoya vor 400 Jahren.

Hoya – „ Immer ich!“, klagt Jacob, der stämmige kleine Müllerlehrling. „Kann denn nicht mal ein anderer?“ Der Rest seines Protests geht im Lachen des Müllers und seiner Gesellen unter, und so macht er murrend weiter und lädt die leeren Bierkrüge der Männer in den Handwagen. „Du bist der Kleinste, Jacob, und du hast die jüngsten Beine“, ruft einer, und wieder lachen sie beifällig. „Also spute dich gefälligst“, dröhnt die Bassstimme des Müllers. „Du weißt, wir müssen den Mehlstaub runterspülen. Unsere Hälse trocknen sonst viel zu schnell aus.“ Das Gelächter der heiteren Runde unter den Mühlenflügeln begleitet den Jungen noch einen Steinwurf weit, bis zur Schänke „Zur Windmühle“.

Dort hilft Jacob dem Wirt beim Spülen und Nachfüllen der gläsernen und tönernen Krüge mit dem speziellen Bügelverschluss. Hart arbeitende Männer haben so einen Behälter stets bei sich, um ihr wohlverdientes Feierabendbier in geselliger Runde genießen zu können – wenn sie denn nicht direkt in der Gastwirtschaft einkehren. Kristallklare Eisblöcke, aus dem Wesereis des letzten Winters gesägt, lagern gut isoliert in den Eiskellern der vielen Hoyaer Schänken und Brauereien des 17. Jahrhunderts, damit die Gäste den Gerstensaft schön kühl genießen können.

Noch im versiegenden Tageslicht der Abenddämmerung zieht Jacob seine kühle Last zum Mühlenhügel hinauf, wo er nun mit lautstarkem Beifall empfangen wird. Die Müllerin hat inzwischen Brot und Schinken aufgetischt, und während in der zunehmend fröhlichen Runde auch Jacob dem leiblichen Wohl zuspricht, wird er sich damit abgefunden haben, dass er an diesem Abend mindestens noch einmal zum Biertransport aufbrechen muss.

An die 400 Jahre mag es her sein, dass sich eine solche Szene bei der Bockwindmühle am Hoyaer Ortsrand Richtung Bruchhausen-Vilsen abgespielt haben könnte. Im Eifer des Gefechts ist bestimmt auch der eine oder andere Bierkrug zu Bruch gegangen und mitsamt dem praktischen Bügelverschluss im Müll gelandet. Eine Meile entfernt, im Grafenschloss auf dem Weserwerder, flogen später ausgelutschte Austernschalen durch geöffnete Fenster, um auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen. Archäologen waren damals noch nicht einmal Science Fiction, weil Minnesänger und Bänkelsänger eher von Liebeslust und -leid sangen als von Zukunftsvisionen. So ahnte zu jenen Zeiten sicherlich noch niemand, dass es heute die Archäologen sind, die anhand von Überbleibseln der Jahrhunderte Rückschlüsse auf das Alltagsleben von damals ermöglichen.

Auf dem ehemaligen Krankenhausgelände am westlichen Ende der Langen Straße in Hoya standen früher Windmühlen und wurden zu Wahrzeichen des Fleckens und der späteren Stadt. Diesen Teil der Hoyaer Geschichte erforschen jetzt Archäologen als Baubegleiter des Arbeiter-Samariterbunds (ASB), der dort eine neue Rettungswache und eine Tagespflege errichtet.

Bei ihren Ausgrabungen entdeckten Jan Blanck, archäologischer Dienstleister aus Bruchhausen-Vilsen, und seine Mitarbeiter das typische kreuzförmige Fundament einer Bockwindmühle aus dem 17. Jahrhundert. Dieser ganz aus Holz gebaute Mühlentyp stand in unmittelbarer östlicher Nachbarschaft der späteren Holländerwindmühlen. An deren letztes Exemplar, das bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts existierte und dann abbrannte, können sich ältere Hoyaer noch erinnern.

Kaum Erinnerungen gibt es indes noch an die jetzt entdeckte alte Bockwindmühle. Deren Fundament aus mächtigen Feldsteinen wurde unterstützt durch eine ganze Reihe von Holzpfählen. „Angespitzt und auf maximal zweieinhalb Meter Länge gesägt, wurden sie in den Boden gerammt, nicht gegraben“, berichtet Jan Blanck. „Das konnten wir aus dem Zustand der Erdschichten folgern.“ Aktuell sind Blancke und seine Kollegen damit beschäftigt, einen Grundriss der alten Bockwindmühle zu erstellen und auch das Alter der Gründungspfähle zu ermitteln. Zu den Fundstücken aus dem Bereich des Bockwindmühlenfundaments gehört auch ein Bügelverschluss, der von einem Bierkrug stammt, wie er im 17. Jahrhundert gebräuchlich war.

Fundamente aus Feldstein und Ziegeln zeigt Jens Sewohl, Geschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bundes, Kreisverband Nienburg. Sie gehöhren zur vermutlich letzten Hoyaer Windmühle auf dem ehemaligen Krankenhausgelände.

„Wir haben nicht damit gerechnet, solche Fundamente zu finden“, sagt Jan Blanck im Gespräch mit der Kreiszeitung. Eher im Bereich des Erwarteten lagen dann schon die Fundamente, die ein paar Meter weiter westlich ausgegraben wurden: Auf präzise aneinandergefügten Findlingen ruhen dort gemauerte Blöcke aus Ziegeln, die jene Windmühlen trugen, die bis vor rund sieben Jahrzehnten noch das Hoyaer Ortsbild prägten.

Außer den Mühlenresten kamen auf der Baustelle weitere Müllmengen der Geschichte zutage. Das einstige städtische Krankenhaus, das später dem Landkreis Grafschaft Hoya und dessen Rechtsnachfolger, dem Landkreis Nienburg, gehörte, hinterließ nach seinem Abbruch wohl einen ordentlichen Anteil an Abfällen im weiträumigen Grundstückskeil zwischen Weserstraße und Lange Straße. So kamen jetzt zumindest Teile der untergebuddelten Krankenhausrückstände ans Tageslicht: Die Archäologen stießen beim Erkunden der Erdschichten auf dem heutigen ASB-Baugrundstück jedenfalls auch auf Reste der Hoyaer Hospital-Historie.

ASB – ein Kürzel, das im Laufe der kommenden Jahre in Hoya fraglos noch bekannter werden wird, steht es doch für den Arbeiter-Samariterbund, der sich derzeit als Bauherr an bedeutsamer Stelle profiliert. Geschäftsführer Jens Sewohl vom Nienburger Kreisverband des ASB erinnert sich sehr gut an das frühere Kreiskrankenhaus in Hoya. „Als junger Rettungsdienstmitarbeiter, damals in Rehburg stationiert, kam ich öfter einmal nach Hoya, wenn wir hier einen Notfall einliefern mussten, weil in den Krankenhäusern Stolzenau und Nienburg kein Bett mehr frei war.“ Heute weiß Jens Sewohl es zu würdigen, das Neubauprojekt des ASB in Hoya zu leiten – als Dienstleistung zum Wohlergehen der Menschen an einem Ort, an dem früher schon für das Wohl der Menschen gearbeitet wurde – im Kreiskrankenhaus Hoya nämlich.

„Durch die archäologischen Ausgrabungen hat es keinen Baustopp im Wortsinn gegeben“, betont Sewohl im Gespräch mit Kreiszeitung. „Wir haben lediglich die Abläufe umgestellt. Ursprünglich sollte erst die Tagespflege und dann die Rettungswache gebaut werden. Jetzt geschieht es umgekehrt.“ Die exakten Mehrkosten, die dadurch entstehen, sind nach Auskunft von ASB-Pressesprecherin Anke Diekmann noch nicht abzusehen, werden aber voraussichtlich eine Summe in sechsstelliger Höhe erreichen. Dort, wo die Mühlenreste gefunden wurden, entsteht demnächst der Parkplatz der ASB-Tagespflege. Die Fundamentteile sollen auf einer geeigneten Deponie entsorgt werden.

Geschichte gesucht

Die Samariter wollen die Geschichte der Windmühle in der geplanten Tagespflege würdigen. Dazu suchen sie Bürger, die Fotos von der alten Mühle haben oder Geschichten von damals erzählen können. Der ASB ist erreicherbar unter Telefon 0800/7 11-112 und per E-Mail unter info@asb-nienburg.de.

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