Ursula Priggen-de Riese spricht über ihr erstes Jahr als Gleichstellungsbeauftragte, die aktuelle Situation und ihre Ziele

„Hat sich viel getan – aber noch nicht genug“

Ursula Priggen-de Riese ist seit einem Jahr Gleichstellungsbeauftragte in der Samtgemeinde Hoya.
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Ursula Priggen-de Riese ist seit einem Jahr Gleichstellungsbeauftragte in der Samtgemeinde Hoya.

Eystrup - Von Alena Staffhorst. Ursula Priggen-de Riese ist seit September 2013 die erste Gleichstellungsbeauftragte der neuen Samtgemeinde Grafschaft Hoya. Mit der Fusion der ehemaligen Samtgemeinden Eystrup und Hoya 2011 liefen die Stellen von Renate Paul (Hoya) und Gerhild Köhr (Eystrup) aus.

Seitdem war die Stelle vakant. Ein Jahr nach ihrem Amtsantritt blickt Priggen-de Riese auf ihre ersten Monate zurück, erklärt ihr Aufgabengebiet, analysiert die Situation in der Samtgemeinde und wagt einen Blick in die Zukunft.

Warum haben Sie sich 2013 als Gleichstellungsbeauftragte beworben?

Ursula Priggen-de Riese: Ich habe damals die Stellenausschreibung gesehen. Sie galt für das Familienservicebüro mit der Absicht, später auch Gleichstellungsbeauftragte zu werden. Beides war für mich sehr reizvoll. Es ist eine Herausforderung, die zu meinem beruflichen Werdegang (Infokasten) passt.

Was sind Ihre Aufgaben als Gleichstellungsbeauftragte?

Priggen-de Riese: Zum einen habe ich Aufgaben innerhalb der Verwaltung. Da bin ich an Personal- und Organisationsentscheidungen beteiligt. Ich werde informiert, wenn neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt werden sollen, nehme an Bewerbungsgesprächen teil und bin in Beförderungen involviert. Diese Prozesse betrachte ich mit Blick auf die Gleichstellung oder die Chancengleichheit von Frauen und Männern. Ziel ist es, Unterrepräsentanzen eines Geschlechts in bestimmten Positionen oder Vergütungsgruppen abzubauen.

Und neben der Verwaltung?

Priggen-de Riese: Da geht es dann darum, was für Maßnahmen in der Samtgemeinde geplant sind, was für Entscheidungen anstehen – auch in den einzelnen Ausschüssen oder im Rat – und wo da vielleicht Gleichstellungsfragen betroffen sind.

Haben Sie ein Beispiel?

Priggen-de Riese: Bauvorhaben etwa: Wenn es um die Erschließung eines neuen Wohngebiets geht, gucke ich, wer dort hinzieht und ob es ausreichend Mobilität gibt. Möglicherweise gibt es dort viele Frauen, die tagsüber ihre Kinder betreuen und wenig mobil sind. Auch die Frage nach Spielplätzen und Beleuchtung spielt da mit rein. Frauen fühlen sich im Dunkeln vielleicht eher bedroht als Männer.

Sie haben also ein sehr breites Aufgabenfeld.

Priggen-de Riese: Ja, es ist schon eine Herausforderung, zu erkennen, wo eine Benachteiligung eines Geschlechts eintreten könnte. Um das zu überblicken, kann ich an allen Rats- und Ausschusssitzungen teilnehmen, mich dort äußern und Stellungnahmen abgeben. So erkenne ich, wo möglicherweise noch Handlungsbedarf besteht.

Früher ging es hauptsächlich um die Benachteiligung von Frauen. Hat sich das im Laufe der Jahre geändert? Muss jetzt öfter auch mal darauf geachtet werden, dass die Männer nicht zu kurz kommen?

Priggen-de Riese: Früher hieß die Stelle ja auch noch Frauenbeauftragte. Es mag sich eine Menge getan haben, zum Beispiel im Hinblick auf die Kinderbetreuung, aber es gibt trotzdem noch sehr viel zu tun. Meist sind es schon noch die Frauen, die das Nachsehen haben. Das erkennt man schon bei den Arbeitsverhältnissen. Es sind hauptsächlich Frauen, die in Mini-Jobs oder Teilzeitbeschäftigungen sind.

Wie sieht es in Bezug auf die Arbeitsverteilung in Familien aus?

Priggen-de Riese: Frauen übernehmen weiterhin die Hauptverantwortung für Familie und Kinder. 2011 haben nur 27,3 Prozent der Väter Elterngeld bezogen, bei den Müttern waren es 95 Prozent. Auch die Dauer der Auszeit unterscheidet sich. 77 Prozent der Männer haben 2011 zwei Monate Elternzeit genommen, aber nur sieben Prozent zwölf Monate. Im Gegensatz dazu haben sich neun von zehn Müttern ein Jahr Elternzeit genommen. Frauen haben es dann auch entsprechend schwerer, nach so einer Pause in den Beruf zurückzukehren.

Gibt es auch Beispiele, in denen Männer benachteiligt sind?

Priggen-de Riese: Es gibt ja durchaus Väter, die sich mehr an der Gestaltung des Familienalltags beteiligen möchten. Da muss es auch die Möglichkeit geben, als Mann in Teilzeit zu arbeiten. Ich weiß nicht, ob das bei den Arbeitgebern schon so richtig angekommen ist.

Sind die Grenzen zwischen sogenannten Männer- und Frauenberufen mittlerweile etwas aufgeweicht?

Priggen-de Riese: Wenig. Sicherlich ist es sowohl für Kinder als auch für Männer und Frauen sinnvoll, dass vermehrt auch Männer beispielsweise in Kindertagesstätten arbeiten. Im Landkreis Nienburg waren es 2013 jedoch nur 2,2 Prozent. Sicherlich gibt es Männer, die gerne auch mal in andere Berufe gehen möchten. Das weicht sich zwar schon etwas auf, es ist aber immer noch viel Spielraum da. Frauen in typischen Männerberufen sind auch noch rar. Ziel sollte es sein, dass es beiden Geschlechtern gleich möglich ist, in unterschiedlichen Berufen zu arbeiten.

Was halten Sie von einer Frauenquote?

Priggen-de Riese: Ich denke, dass das durchaus Sinn macht. Es kann ein Mittel sein, für eine Gleichstellung der Geschlechter zu sorgen, gerade auch in Führungspositionen.

Wie sieht die Situation in der Samtgemeinde Hoya aus? Beispielsweise in Räten und Ausschüssen?

Priggen-de Riese: Frauen sind auch hier in den Räten unterrepräsentiert. Wir haben zum Beispiel nur eine Bürgermeisterin und neun Bürgermeister – mit dem Samtgemeindebürgermeister sind es zehn.

Wo sehen Sie in der Samtgemeinde in Bezug auf Gleichstellung noch Handlungsbedarf?

Priggen-de Riese: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist mir sehr wichtig. Durch den Ausbau des Krippenangebots sind wir schon einen großen Schritt vorangekommen. Für mich ist es außerdem ganz wichtig, Familien eine gewisse soziale Infrastruktur zu geben und Beratungsangebote vor Ort zu schaffen. Wenn eine Frau weiß, dass sie Entlastung bekommt, kann sie sich mehr auf die Jobsuche konzentrieren. Insgesamt habe ich mir in meinem ersten Jahr erst mal einen Überblick verschafft und die Strukturen der Samtgemeinde kennengelernt.

Haben Sie schon Ideen für Projekte in der Zukunft?

Priggen-de Riese: Es gibt erste Ideen, die Kooperation mit der Beratungsstelle „frau + wirtschaft“ zu verstärken. Auch gab es vor Kurzem einen Kurs „Starke Eltern, starke Kinder“. Der war überwiegend von Müttern besucht. Überwiegend? Ausschließlich! Da würde ich es schön finden, noch mal zu überlegen, wie wir die Väter erreichen können. Mein Ziel ist es, dass nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch im Familienleben beide Geschlechter die gleichen Chancen haben.

Zur Person:

Persönliches: Ursula Priggen-de Riese ist 55 Jahre alt. Sie stammt gebürtig aus Nordrhein-Westfalen und wohnt jetzt in Steimbke. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

Werdegang: Die gelernte Diplompädagogin war bereits in verschiedenen sozialpädagogischen Arbeitsfeldern tätig. Sie hat unter anderem im Bereich der gesetzlichen Betreuung, in der Familienhilfe für den Landkreis Nienburg und zuletzt bei einem Träger der Behindertenhilfe in Stolzenau gearbeitet.

Aktuell: Priggen-de Riese arbeitet seit Januar 2013 im Familienservicebüro der Samtgemeinde. Seit September vergangenen Jahres ist sie auch die Gleichstellungsbeauftragte. Sie sitzt im Eystruper Rathaus und hat eine Teilzeitstelle: 15 Stunden für das Familienservicebüro und fünf Stunden für die Gleichstellung.

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