Über die Arbeit der neuen Schiedsfrau Maren von Frieling

„Kann Streit schlichten, aber kein Recht sprechen“

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Schiedsfrau Maren von Frieling schlichtet Streitigkeiten, um ein Gerichtsverfahren zu vermeiden.

Hassel - Von Horst Friedrichs. Der Mann lädt seine Waffe durch, eine schwere Pistole im Kaliber neun Millimeter. Der Mann wohnt in einem Mehrfamilienhaus mit vielen Nachbarn, Tür an Tür. Der Mann verlässt seine Wohnung und geht die Treppe hinunter, die Waffe am langen Arm. Er hat seinen Entschluss gefasst. Ihm reicht es. Endgültig. Ein Stockwerk tiefer klingelt er bei seinem Erzfeind und entsichert die Pistole. Dann, als die Tür geöffnet wird, schießt er sofort – blutiges Ende eines Nachbarschaftsstreits.

Solche schlimmen Szenen hat Maren von Frieling (Hassel) in ihrem Amt als Schiedsfrau zwar noch nicht erlebt, aber es stand hinter einer Wohnungstür schon mal eine Axt bereit. „Da wurde mir mulmig zumute“, erinnert sie sich. „Doch ich habe mit Engelszungen geredet und bin heil aus der Wohnung herausgekommen. Direkt bedroht wurde ich zum Glück nicht.“

Nichtsdestoweniger ist das Schlichten von Nachbarschaftsstreitigkeiten eine der häufigsten Aufgaben, die Maren von Frieling als Schiedsfrau zu bewältigen hat. Anfang Oktober übernahm sie das Amt von Roland-Peter Lubenow (Bücken), dessen Stellvertreterin sie zuvor bereits fünf Jahre lang war. In jener Zeit gab es eine Aufgabenteilung zwischen Lubenow und der Hasselerin, sodass der neue ehrenamtliche Job praktisch der alte ist. Überdies wird auch Maren von Frieling bald einen Stellvertreter bekommen, mit dem sie dann gemeinsam für das Gebiet der Samtgemeinde Grafschaft Hoya zuständig ist

Der geschilderte Mord im Mehrfamilienhaus geschah nicht weit entfernt, in einem Dorf im Kreis Cuxhaven – nahezu zeitgleich mit dem Gespräch, das Maren von Frieling jetzt anlässlich ihrer Amtsübernahme mit unserer Zeitung führte. Derartige Fälle sind die große Ausnahme, wie sie nicht zuletzt von ihren regelmäßigen Treffen mit Ehrenamts-Kollegen des Bunds der Schiedsleute (BdS) weiß, dessen Verdener Bezirksvorstand sie angehört. In den Akten des Landgerichts der Reiterstadt lagern allerdings durchaus auch Fälle aus der näheren Umgebung, in denen Nachbarschaftsstreitigkeiten zu Mord und Totschlag führten.

Neben ihrer Mitgliedschaft im BdS-Bezirksvorstand ist Maren von Frieling auch Landesdelegierte und besucht zwei bis drei Mal pro Jahr Fachseminare, um sich weiterzubilden. So ist sie mittlerweile Mediatorin. Die für den Mediationsschein erforderliche Prüfung absolvierte sie vor Richtern beim BdS; die Kosten dafür übernahm die Samtgemeinde Grafschaft Hoya.

Einen beachtenswerten fachlichen Hintergrund hat Maren von Frieling ohnehin. Nach ihrem Jurastudium bis zum ersten Staatsexamen wurde die gebürtige Hamburgerin Diplom-Verwaltungswirtin. Hauptberuflich arbeitet sie bei der AOK in Walsrode, ist dort für das Aushandeln aller Taxi- und Mietwagen-Verträge im Land Niedersachsen zuständig. „Das Verhandeln liegt mir im Blut“, sagt sie. „Mein Beruf und das Schiedsamt ergänzen sich und profitieren gegenseitig voneinander.“

Maren von Frielings ausgeprägter Gerechtigkeitssinn hat anscheinend „abgefärbt“: Ihre Tochter Laura, 20, studiert in Osnabrück – Jura. „Und zwar ohne, dass ich sie beeinflusst hätte“, sagt Lauras Mutter stolz.

„Jeder kann Schiedsperson werden“, betont Maren von Frieling. Neben den Auseinandersetzungen unter Nachbarn hat sie es mit den unterschiedlichsten Fällen zu tun, etwa mit Beleidigungen, Nötigungen oder Mietrechts-Streitigkeiten bis hin zu Räumungsklagen. Gelegentlich – dann auch als Mediatorin – berät sie Eheleute, die mit dem Gedanken spielen, sich zu trennen. Insgesamt sind es etwa 15 reguläre Schiedsverfahren, die Maren von Frieling pro Jahr durchführt. Hinzu kommen im Schnitt 30 Fälle, die sie mit einer Einigung der Parteien abschließen kann, bevor es zu einem offiziellen Verfahren kommen muss.

Anders als im Fall des Manns im Kreis Cuxhaven, der mit dem Selbstmord des Pistolenschützen endete, endeten die Fälle der Hasseler Schiedsfrau stets mit gütlichen Einigungen. Angst hatte sie nur das eine Mal, als der Mann mit der Axt nach ihrem Besuch in seiner Wohnung auch noch auf dem AOK-Parkplatz in Walsrode und vor ihrem Wohnhaus in Hassel auftauchte. Zum Glück verschwand er dann aber und ließ sich nie wieder blicken.

„Als Schiedsfrau kann ich einen Streit schlichten, aber ich kann kein Recht sprechen“, erläutert Maren von Frieling. Ihr Dienstherr ist Amtsgerichtsdirektor Bernd Bargemann in Nienburg. Meist beginnt ein Fall mit einem Anruf bei der Schiedsfrau; dann sucht sie den Anrufer auf und erörtert die Angelegenheit mit ihm. Wird ein offizielles Schiedsverfahren eingeleitet, das heute vor dem Klageweg Pflicht ist, lädt Maren von Frieling beide streitenden Parteien ins Rathaus in Hoya oder in Eystrup ein. Dabei können auch deren Anwälte anwesend sein. Während der Verhandlung wird ein Protokoll aufgesetzt, in dem alle Fakten der erzielten Einigung enthalten sind, wie gesetzte Fristen oder Zahlungstermine. Mit den Unterschriften beider streitenden Parteien wird dann die Übereinkunft besiegelt.

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