Im Porträt

Klangschalen-Pionier Peter Hess: Tun und Ton

Peter Hess steht vor drei Klangschalen und tippt eine von ihnen mit einem filzüberzogenen Schlägel an. Ein tiefer Klang erfüllt den Raum.
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Peter Hess steht vor drei Klangschalen und tippt eine von ihnen mit einem filzüberzogenen Schlägel an. Ein tiefer Klang erfüllt den Raum.

Er gilt als Pionier der Klangschalen in Deutschland. Heute lockt Peter Hess mit seinen Seminaren ein internationales Publikum ins beschauliche Schweringen. Anlässlich seiner 80- Geburtstags blickt er auf die Anfänge zurück.

Schweringen – Peter denkt nicht lange nach. Er schnappt sich einen Stuhl, klettert darauf und steht einen Augenblick später auf dem Tisch und fingert an einem Deckenstrahler herum. Mitstreiterin Elke mag kaum hinsehen. „Was machst du da?“, fragt sie und nimmt seine Hand, um wenigstens den Abstieg halbwegs zu sichern. Peter ist vor wenigen Tagen 80 Jahre alt geworden.

Mit vollem Namen heißt er Peter Hess, aber so nennt ihn eigentlich niemand. Was wohl auch daran liegt, dass er sich auch Fremden nur als Peter vorstellt. Der eher kleine Mann mit dem zerzausten Haar, dem zotteligen Bart und den buschigen Brauen entspricht nicht gerade dem Bild eines Erfolgstyps. Und doch ist er genau das.

Sein Name steht auf der ganzen Welt für die Therapie mit Klangschalen, die er nach eigenen Angaben maßgeblich entwickelt hat. Es gibt die Peter-Hess-Klangmassage, die Peter-Hess-Klangschalen (bis zu 160 Menschen fertigen sie in Nepal per Hand), 16 Peter-Hess-Institute in Deutschland sowie mehr als 20 Peter-Hess-Akademien weltweit, unter anderem in Australien, Brasilien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Und es gibt das Peter-Hess-Zentrum in Schweringen. In dem 140 Jahre alten, von Grund auf sanierten Bauernhaus bieten Peter Hess und sein Team allerlei Seminare zur Klangtherapie an. Die Teilnehmer kommen zum Teil von weit her – durchaus zur Freude der Anbieter von Quartieren in der kleinen Gemeinde an der Weser.

Das Prinzip der Klang-Massage-Therapie und aller anderen darauf basierenden Methoden ist einfach: Mit einem Schlägel werden spezielle Metallschalen in Schwingungen versetzt. Das Besondere ist die Wirkung: Die Klangmassage soll entspannen, Stress reduzieren, Schmerzen lindern. Die von Peter Hess entwickelten Methoden werden mittlerweile weltweit in unterschiedlichen Disziplinen angewandt: in der Kinderwunschbehandlung, bei der Physiotherapie oder in der Sterbebegleitung.

Angefangen hat alles 1984. Peter Hess, Diplom-Ingenieur für Physikalische Technik und damals Berufsschullehrer für Elektrotechnik und Politik, lässt sich für ein Jahr beurlauben und reist mit seinem Freund, dem Architekten und Bauhistoriker Professor Niels Gutschow, nach Nepal. Dort habe er gelernt, welchen Stellenwert Klang in einer Gesellschaft einnehmen kann. Musiker sei dort ein Beruf gewesen wie hierzulande Klempner oder Tischler, sagt Hess. Ihr Schaffen ist ein wesentlicher Beitrag zum Allgemeinwesen, nicht bloß Kunst, sondern Handwerkskunst. Auch in der Religion – im Hinduismus und auch im Buddhismus – spielen Musik und Klang eine große Rolle.

In Nepal begegnet Peter Hess auch den Klangschalen und nimmt etwa 30 von ihnen mit nach Hause. Es habe sich eigentlich um Essgeschirr gehandelt, sagt Hess. Als die Hippies Ende der 60er-Jahre nach Nepal reisten, hätten sie festgestellt, dass diese Schüsseln auch gut klingen. Peter Hess fängt an, mit den Schalen zu experimentieren, und ist verblüfft, welche Wirkung die Schwingungen auf ihn haben.

Zurück in Deutschland, integriert er die Klangschale in seinen Unterricht. Er stellt fest, dass der Ton auch vermeintlich schwierigen Schülern hilft, sich zu konzentrieren. Vergleichbare Erfahrungen macht er in VHS-Selbstfindungs-Seminaren. Als er die Klangschalen bei körperlichen Beschwerden, etwa in Gelenken oder im Unterleib einsetzt und einen positiven Effekt erkennt, reift in ihm die Überzeugung, etwas Besonderem auf der Spur zu sein.

Peter Hess sagt, dass sich in dieser Zeit zunehmend Krankengymnasten und andere Therapeuten für seine Methoden interessieren. Er sieht die Klangmassage auch nicht als Allheilmittel, sondern vielmehr als Ergänzung zu anderen Disziplinen.

Parallel zur Methodik feilt Peter Hess auch am Material. Welche Form braucht eine Klangschale, aus welchen Metallen muss sie gefertigt sein? Antworten findet er in der praktischen Anwendung. „Alles entwickelt sich im Tun“, sagt er. „Ich bin froh, dass das so entstanden ist, und nicht mit meinem Ingenieurskopf.“ Erst ab Mitte der 90er-Jahre beginnt Hess damit, wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit seiner Methoden zu suchen. Mittlerweile kann er auf etwa ein Dutzend Studien zu diesem Gebiet verweisen.

Mit mehr als 700 Seminaren pro Jahr allein in Deutschland – so war es wenigstens vor der Corona-Pandemie – sowie dem Vertrieb der Klangschalen, diverser Bücher und anderer Gegenstände sind die Aktivitäten des Peter-Hess-Instituts längst zu viel geworden für einen Mann. Die ganze Familie ist mit an Bord: Ehefrau Emily hat sich dem Bereich der Klangpädagogik verschrieben. Tochter Jana, Schwiegersohn Oliver und Schwiegertochter Sangita sind ebenfalls in unterschiedlichen Bereichen des Instituts tätig. Hinzu kommen Seminarleiter, die bei Peter Hess gelernt haben, und viele weitere Helfer.

All das klingt nach ganz schön viel Arbeit – und ganz schön viel Geld. In beiden Fällen widerspricht Peter Hess. „Das Zentrale ist nicht, hier Geld zu verdienen“, sagt er. „Das Geld wird hier immer in die Entwicklung gesteckt.“ Und der Aufwand? „Viele Stunden in Freude, das ist keine Arbeit“, sagt Hess.

All das erzählt der 80-Jährige bei einer Tasse Kaffee im Garten des Zentrums in Schweringen, das seinen Namen trägt. Eine Maus huscht durch das Blumenbeet. Ein Seminarteilnehmer läuft barfuß über das Kopfsteinpflaster. „Hallo Peter“, sagt er.

Für das Foto schlurft der 80-Jährige in den Verkaufsraum. So passend der Hintergrund für das Motiv ist, so schlecht ist das Licht. Also steigt Peter auf den Tisch und dreht den Strahler zur Seite. Wie sagte er noch gleich? „Alles entwickelt sich im Tun.“ Bald darauf steht er vor drei Klangschalen, schließt die Augen und tippt eine von ihnen mit einem filzüberzogenen Schlägel an. Ein tiefer Klang erfüllt den Raum. In den Ton hinein erzählt er von einem Artikel über ihn in der Zeitung „Die Welt“. Dort sei er „König der Klangschalen“ genannt worden. Peter lacht, widerspricht aber nicht.

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