Über einen Soldaten aus Magelsen

Aus dem Tagebuch eines Majors: Rendig Friedrich Clüver berichtet von seinem Einsatz in Flandern

Die Villa Clüver – alte Schule – ein Blickfang im Ortsbild von Magelsen.
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Die Villa Clüver – alte Schule – ein Blickfang im Ortsbild von Magelsen.

Magelsen – Das Tagebuch des Majors Rendig Friedrich Clüver aus Magelsen hat mehr als zwei Jahrhunderte überdauert. Der Verein „alte Schule“ hat jetzt eine Kopie der Abschrift der Kreiszeitung zur Verfügung gestellt.

Dichter Nebel liegt über dem flachen Land. Still und menschenleer scheint er zu sein, dieser Landstrich in Flandern. Doch Leutnant Clüver und seine Männer wissen, dass der Schein trügt. Die milchigen weiß-grauen Schwaden verhüllen Freund und Feind gleichermaßen. Ein gegenseitiges Belauern herrscht an diesem frühen Morgen des zu Ende gehenden Monats August im Jahr 1794. Von einem Waldrand aus versucht der junge Leutnant der hannoverschen Kavallerie, Konturen und vielleicht sogar Bewegungen auszumachen.

Die Männer seines Erkundungstrupps verharren hinter ihm im Schutz der Bäume. Clüver weiß, dass das Gelände vor ihnen im Grunde nur wenig Tarnung und Deckung bietet. Es ist ihm fremd und doch merkwürdig vertraut. Letzteres, weil es ihn an seine Heimat in der niedersächsischen Weserniederung erinnert. Dort, in seinem Geburtsort Magelsen, herrscht tiefer Friede. Dort verbergen sich keine waffenstarrenden Truppen unter dem Nebel. Keine Infanteristen und keine Kavalleristen, die nur auf den entscheidenden Moment warten, um übereinander herfallen zu können. Rendig Friedrich Clüver zwingt sich, nicht daran zu denken. In seinem nun schon mehr als zehn Jahre währenden Soldatenleben hat er gelernt, Sentimentalität zu unterdrücken, sobald sie aufzukeimen beginnt.

Dabei hätte er seit gut einem Jahr einen noch viel stärkeren Grund zur Melancholie als nur das Heimweh. Das vertraut er seinem Tagebuch an. Es ist die Liebe zu seiner jungen Ehefrau, die auf Gut Hingste auf ihn wartet, unweit von Magelsen. Er war Fähnrich und Quartiermeister, als er Anna Marie Meier, die Erbin des Gutes, Anfang April 1793 heiratete. Nur drei Tage dauerte das Eheglück, dann musste Rendig Friedrich Clüver bereits seinem Einsatzbefehl folgen.

In Osnabrück stößt er zu den Kameraden seines hannoverschen Regiments, um mit ihnen und den verbündeten Österreichern, Engländern, Holländern und Hessen gegen Frankreich zu ziehen. Ihr Ziel ist es, nach der französischen Revolution die neuen Herrscher in Paris zu besiegen und das Königreich Frankreich wiederherzustellen. Inzwischen ist der 25-Jährige zum Leutnant befördert worden.

Eine dumpfe Ahnung befällt ihn plötzlich, während er in den Nebel starrt. Etwas bewegt sich, reißt ihn aus seinen Gedanken. Er schafft es noch, sich aus dem Sattel zu werfen. Ein blassroter Blitz zuckt aus den Schwaden, erblüht zur Feuerblume im hellen Grau. Im nächsten Sekundenbruchteil folgt das dumpfe Donnern einer Kanone, und zugleich heult die Kugel heran. Clüver landet auf dem weichen Waldboden. Sein großer Hannoveraner-Rappe wiehert schrill vor Angst. Die Kugel schlägt ein – in einen Baumstamm, vermutet der Leutnant einen Moment lang. Doch im selben Augenblick wird ihm bewusst, dass sein Pferd verstummt ist.

Wieder bleibt ihm nicht mehr als die Dauer eines Herzschlags, um die Lage zu erfassen. Am Boden liegend hebt er rasch den Kopf und späht zur Seite. Eisiges Entsetzen durchfährt ihn. Sein stolzer Hannoveraner liegt leblos am Boden, erschlagen von der Kanonenkugel. Doch Leutnant Clüver kommt nicht zur Besinnung. Denn nun geht es Schlag auf Schlag. Der Kanonendonner schwillt an. In rascher Folge prasseln die Kugeln in das kleine Waldstück. Das angsterfüllte Wiehern der Pferde geht im Krachen der Geschütze und der Einschläge unter.

Doch unvermittelt endet die mörderische Attacke der Franzosen. Linker Hand ertönen schmetternde Hornsignale. Englische Kavallerie setzt zum Angriff an, und die Franzosen ergreifen die Flucht. Vier weitere Pferde aus Leutnant Clüvers Trupp sind von Kanonenkugeln getötet worden. Die Männer aber haben den Überfall – wie Clüver selbst – unbeschadet überstanden. In seinem Tagebuch hat er diese und viele andere Episoden aus seinem Soldatenleben niedergeschrieben – als atemberaubendes Zeugnis der Kriegsführung seiner Zeit.

Das Tagebuch des Leutnants Rendig Friedrich Clüver hat mehr als zwei Jahrhunderte überdauert, die letzten hundert Jahre im Haus einer Familie in Dörverden. Klaus Roschmann aus Westen, Gemeinde Dörverden, hat den Text des Tagebuchs in akribischer Kleinarbeit „übersetzt“. Die deutsche, zumal die militärische Sprache des 18. Jahrhunderts unterschied sich in weiten Teilen von unserer heutigen Sprache. Hinzu kamen Fremdwörter aus dem Lateinischen sowie militärische Fachausdrücke französischen Ursprungs.

Darauf weist Klaus Roschmann im Nachwort zu seiner Abschrift des Clüver-Tagebuchs hin, deren Kopie der Magelser Verein „Alte Schule“ der Kreiszeitung zur Verfügung stellte. Ebenjenes alte Schulgebäude entstand als Villa Clüver und wird auch heute noch so genannt. Das prachtvolle einstige Herrenhaus an der Ortsdurchfahrt ist zugleich ein Wahrzeichen Magelsens, das lange Zeit als Schule gedient hat. Darauf begründete sich der Name des Vereins „Alte Schule“, der in dem Gebäude auch seinen Sitz hat.

Rendig Friedrich Clüver, war dank seiner Ehefrau Gutsbesitzer in Hingste geworden. Inzwischen Major der hannoverschen Armee, starb er 1851 im Alter von 83 Jahren und erlebte das Villenprojekt seiner Verwandten im benachbarten Magelsen nicht mehr. Dort kaufte Rittergutsbesitzer Wilhelm Clüver jene freie Fläche an der Hauptstraße, die durch einen Großbrand entstanden war. 1898 setzte er seine Pläne in die Tat um. Der Bau der Villa begann. Sie sollte das neue, imposante Herrenhaus des Ritterguts werden.

„Daraus ist aber nie etwas geworden“, sagt Hartmut Westermann vom Verein „Alte Schule“. Zwar wurde das schmucke Gebäude fertiggestellt, und einige Familienmitglieder wohnten auch darin. Aber der eigentliche Wunsch des Erbauers sollte nie in Erfüllung gehen. Kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs stand die gerade fertiggestellte Villa bereits zum Verkauf und wurde Magelsens Schule.

Fast eineinhalb Jahrhunderte früher, am 5. März 1768, wurde Rendig Friedrich Clüver in Magelsen geboren. Seine Eltern waren Johann Erdwin und Eleonore Elisabeth Clüver auf einem Gutshof, der zusammen mit sechs weiteren Gutshöfen der Kirche in Bücken verpflichtet war. Rendig Friedrich hatte zehn Geschwister. Als 15-Jähriger trat er als Kadett, sprich Offiziersanwärter, der hannoverschen Armee bei. Zehn Jahre später, nun schon Fähnrich, heiratete er Anna Marie Meier, die Gutserbin zu Hingste. Darüber schreibt der damals 25-Jährige in seinem Tagebuch:

„Den ersten Juny 1790 ward ich Fitze-Fähndrich im Regimente. Im August ward die älteste Mamsell Meiern von Hingste meine versprochene Braut. 1792, den ersten Februar, ward ich nach des Herrn Hauptmann von Veltheims Companie versetzt und bezog dem zu Folge mein Quartier in Barrien. 1793 im Januar bezogen wir eine Cordon (Postenkette, Heerreihe) im Osnabrückschen, erhielten hier im Februar würklich Marsch-Ordre (Marschbefehl), worauf wir in die Quartiere zurückgingen und uns hierzu in Stand setzten.

Ein Kavallerist der hannoverschen Armee im 18. Jahrhundert.

Den ersten Aprill brach das Regiment ins Amt Diepholz auf. Hier kahm unser neuer Cheff, Herr General Major von Oeynhausen, zu uns, welcher mir zugleich den Consens zur Heyrath mitbrachte. Worauf ich sogleich zurück ritt, um die Erlaubnis zu benutzen. Den sechsten Aprill 1793 Hochzeit mit A.M. Meiern, ältesten Tochter des verstorbenen Meiers zu Hingste. Ein sehr wichtiger Tag. Ewig bin ich also jetzt an ein liebes Weibchen gebunden, welches Band nur der Todt allein auflösen kann.“

Seitenlang führt der frischgebackene Ehemann in seinem Tagebuch „einige wichtige Regeln zur unabweichlichen Nachachtung“ an. Ein Auszug: „Gute Hauswirthschaft ist eines der nöthigsten Stücke zur ehelichen Glückseligkeit. Aber wenn schechte Haushaltung den Ehemann und Vater in Armuth gestürzt hat und er nun den Blick umherwirft auf die Personens seiner Familie, die von ihm Unterhalt, Nahrung, Wartung, Erziehung, Vergnügen fordern, wenn er dann nicht weiß, woher er auf Morgen Brod nehmen. Wenn Gläubiger und Advokaten ihn in die Enge treiben, wenn er oft nicht weiß, wovon er die großen Mädchen kleiden soll, die ihre jetzigen Lumpen bald aufgerissen haben – kann dann noch wohl, bey solchen Umständen, häusliches Glück, Glück der Ehe stattfinden?

Es giebt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu ertragen. Sehr wenig Weiber haben Kraft genug, das Unglück standhaft zu leiden, guten Rath in der Noth zu erteilen und ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die nun einmahl getragen werden muss. Ist es daher irgend möglich, kleinere Unannehmlichkeiten vor deiner Frau zu verbergen, so verschließe lieber den Kummer in deinem Herzen. Denn wenn die Last dadurch nicht erleichtert, sondern vielmehr erschwert wird, wer wollte da nicht lieber schweigen und seinen Rücken dem Sturme allein preißgeben?

Trift dich aber ein großes Unglück, dann rufe deine ganze Standhaftigkeit auf und versüße der Gefährtin deines Lebens die Bitterkeit des Kelches, den sie mit dir austrinken muss. Den achten Aprill Ehestiftung beym Amte zu Hoya. Gegenseitige Beerbung des ganzen Vermögens. Den neunten Aprill Abschied von meiner Frau, auch von meinen Eltern und Großeltern, um dem sich bereits auf dem Marsche befindlichen Regimente nachzueilen.

Eine sehr kurz geführte Ehe von drei Tagen. Die Freude über die – nahe oder entfernte, gleichviel – Wiederkunft machte mir diesen Abschied erträglicher. Meine Frau schien mit mir einerley Empfindung zu haben, denn sie war beim Abschiede sehr gefaßt. Aber meiner lieben Schwägerin Doris, sowie meinem Vater, schien es nahe zu gehen. Letzterer konnte wenigstens vor Weinen kein Wort hervor bringen. Des Abends über Sike (Syke) nach Neuenbruchhausen.“

Es folgen ausführliche tägliche Beschreibungen einzelner Kampfhandlungen im Rahmen des Feldzugs gegen die französischen Revolutionstruppen. Das Ziel, die alte Ordnung in Frankreich wiederherzustellen, wurde nicht erreicht. Rendig Friedrich Clüvers Tagebuchaufzeichnungen enden am 20. November 1794, als sich sein Regiment auf dem Rückzug befand und bereits den Rhein überquert hatte.

Ob Rendig Friedrich Clüver Nachkommen hatte, ist nicht bekannt. Fest steht hingegen, dass er sein ganzes Leben lang Soldat und Offizier gewesen sein muss – und, dass er Major war, als er 1851 im Alter von 83 Jahren in seiner Heimat starb.

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