Nur Steuerfreiheit für den König gilt nicht mehr / Am Wochenende Fest in Eystrup

Bauern- und Bürgerverein pflegt alte Traditionen

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Die Platten der Königskette sind aus Silber und teilweise über 100 Jahre alt. Jeder König kann sich seine Plakette individuell gestalten lassen. Häufig zeigen sie den Hof, Handwerkszeichen oder Wappen.

Von Julia Kreykenbohm. Es war vermutlich im 17. Jahrhundert. Die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs steckten auch den Menschen in Eystrup noch in den Knochen. Wahrscheinlich hatten sie aus diesen 30 Jahren Elend und Gewalt die bittere Erkenntnis gewonnen, dass in der Not kein König und kein Soldat vor sie treten und sie beschützen würde. Sie mussten also lernen, sich selbst zu verteidigen. Das könnte die Stunde gewesen sein, in der der Bauernverein Eystrup gegründet wurde, der später zum Bauern- und Bürgerverein erweitert wurde, um auch andere Gesellschaftsschichten mit ins Boot zu holen. Dieses Wochenende feiert er Schützenfest.

Belegbar ist die geschilderte Vereinsgeschichte nicht mehr, ebenso wie das genaue Gründungsdatum. „Die wenigen Urkunden, die darüber Auskunft gegeben haben, gingen 1945 verloren“, bedauert Gerd Bergmann-Kramer, Kassenwart vom Bauern- und Bürgerverein. Aber ein Kleinod konnte durch die Zeit gerettet werden: die Fahne, die 1858 der letzte König von Hannover, Georg V., dem Verein stiftete. Heute hängt sie hinter Glas im Schützenhaus.

Die Mitglieder sind stolz auf ihren Verein, der nun schon über 355 Jahre alt ist. „Es ist kein eingetragener Verein, sondern ein Traditionsverein“, erklärt Mitglied Helmut Schneermann. „Darum ist bei uns einiges anders.“

So gebe es im Grunde kein richtiges Vereinsleben. Alle drei Jahre wird eine Hauptversammlung abgehalten, ebenso wie ein Königsschießen. Uniformen gibt es keine. Die Bauern- und Bürgerschützen tragen lediglich einen Hut mit einem Eichenbruch.

Die Eiche ist ein wichtiges Symbol, das immer wieder in der Tradition des Vereins auftaucht. So bekommt der neue König einen Eichenkranz umgehängt, der scheidende eine Eiche in seinen Garten gepflanzt, und auch auf der Fahne sind Eichenblätter zu sehen. „Ich vermute, dass sie zum einen für Standhaftigkeit und zum anderen für die Verbundenheit zu Niedersachsen stehen“, sagt Bergmann-Kramer. Schließlich komme die Eiche auch im Niedersachsenlied vor („Fest wie unsre Eichen halten alle Zeit wir stand“).

Das Lied wird bei der Zusammenkunft gesungen. Die Tradition sei vergleichsweise neu. „Es war die Idee von einem unserer Vorsitzenden. Wir halten ja nicht starr an alten Reglungen fest, sondern sind offen für neue Vorschläge“, sagt der zweite Vorsitzende, Dieter Ludwig.

Beim Königsschießen werden allerdings die alten Traditionen hochgehalten – sofern die Gesetze und Umstände der Neuzeit dies zulassen. So muss der scheidende König, der von den Mitgliedern morgen abgeholt wird, diese mit „einer Zigarre und einem Schluck“ bewirten. Am Schießstand müsste nun eigentlich ein Gesandter des Königshauses die Veranstaltung mit dem ersten Schuss eröffnen. Diese besondere Ehre wird stattdessen Landrat Detlev Kohlmeier zuteil. Dann beginnt das Schießen, bei dem jeder Teilnehmer – auch Frauen dürfen mitschießen – drei Schuss hat, von denen der beste zählt. Aber: „Die Besitzer des Ritterguts und des Siebenmeierhofs in Mahlen haben sechs Versuche“, sagt Gerd Bergmann-Kramer. Das sei alte Tradition aus einer Zeit, in der die Demokratie noch fern lag.

Eine weitere habe man leider nicht beibehalten können: Der beste Schütze war ein Jahr lang befreit von seiner Steuerpflicht. „Das ist wirklich schade“, scherzt der amtierende König Helmut Schneermann. Er wird morgen seine Kette abgeben und darf danach drei Veranstaltungen lang nicht mehr König werden.

Insgesamt 122 Mitglieder von Anfang 20 bis über 80 Jahren sind im Verein. „Wir freuen uns immer über neue Leute“, wirbt Dieter Ludwig. „Uns geht es darum, ein Stück Tradition und Geschichte am Leben zu erhalten.“ Wer beitreten möchte, kann sich bei Helmut Schneermann, Telefon 04254/2444, oder Gerd Bergmann-Kramer, Telefon 04254/2371, melden. Voraussetzung ist, dass man volljährige ist und über „eigenen Rauch“ verfügt – also Hauseigentümer ist oder einen Pachthof innerhalb der Samtgemeinde hat.

Das Festprogramm:

Sonnabend, 6. Juni

8 Uhr: Antreten am Schießstand, Abholung des Königs

10 Uhr: Begrüßung der Ehrengäste am Schießstand, Eröffnung des Schießens durch Landrat Detlev Kohlmeier

13 Uhr: Proklamation des Königs und Kinderkönigs

Sonntag, 7. Juni

11 Uhr: Antreten am Schießstand, Marsch zum Scheibenannageln bei den Königen. Anschließend Königsfrühstück.

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