Hoyaerin Irmgard Schramm zum runden Geburtstag mit Buch überrascht

40 Seiten voller Erinnerungen aus 90 bewegten Lebensjahren

Zur Aussichtsterrasse umgebaut ist ein ehemaliger Taubenschlag hinter dem Haus Schramm am Bakelberg in Hoya: Brunhilde Ahrens, Paul-Christoph Preuß und Irmgard Schramm (von links) können von dort aus den Blick auf die Weser genießen. - Foto: Horst Friedrichs

Hoya - Von Horst Friedrichs. Aufregend war der Anfang beim Arbeitsamt Hoya: „Wir entdeckten eine Fußbodenluke, als wir unser Büro bezogen“, erinnert sich Irmgard Schramm. „Angesichts der geschichtsträchtigen Umgebung, in der wir uns befanden, glaubten wir sofort, auf einen Geheimgang der Hoyaer Grafen gestoßen zu sein.“

Es war kein Geheimgang, wie sich herausstellte. Was Irmgard Schramm und ihre Kolleginnen um 1950 stattdessen entdeckten, das hat die langjährige Leiterin der Arbeitsamts Hoya niedergeschrieben. Vergangene Woche feierte sie ihren 90. Geburtstag und präsentierte kurz danach in ihrem Haus am Bakelbei bei einem Pressegespräch das druckfrische Buch mit dem Titel „Unvergessene Zeiten – von Elbing nach Hoya“.

Um das Geheimnis gleich aufzulösen: Statt eines Einblicks in die Grafen-Vergangenheit offenbarte sich den Mitarbeiterinnen des im Gebäude des heutigen Heimatmuseums (Im Park 1) untergebrachten Arbeitsamts lediglich das Komfortbewusstsein einer Hoyaer Adelsfamilie im 19. Jahrhundert. „Der Raum unter der Luke war mit Delfter Kacheln gefliest. Es war der Weinkeller des früheren Von-Staffhorstschen Gutshauses – mit einem Aufzug für die Weinflaschen“, erzählt Irmgard Schramm.

Als sie 1986 in den Ruhestand ging, ahnte sie nicht, dass sie 30 Jahre später in ihren liebevoll gestalteten Lebenserinnerungen blättern würde. 40 Seiten Text, teilweise bebildert, beschreiben die Zeit von ihrer Geburt im westpreußischen Elbing über die Kriegsjahre und ihre Flucht bis hin zur Ankunft in Hoya, wo sie ihre beruflichen und privaten Ziele verwirklichen sollte.

1947 begann Irmgard Schramm, die damals noch Grön hieß, ihre Tätigkeit in der Hoyaer Nebenstelle des Arbeitsamts Bassum. In Hoya lernte sie ihren Mann Adolf kennen, der 2007 verstarb.

„Mit ihm verstand ich mich gut, wir zogen an einem Strang. Er und seine Familie ermöglichten mir, beruflich weiterzukommen“, berichtet Irmgard Schramm. Das war Ende der 40er- und in den 50er-Jahren alles andere als selbstverständlich. „Es war eine frauenfeindliche Zeit, beruflich gesehen“, sagt Irmgard Schramm ohne Groll. „Wenn ich im Landesarbeitsamt Hannover an Lehrgängen und Prüfungen teilnahm, war ich die einzige Frau unter 20 bis 30 Männern.“ Selbst 1986, als sie in den Ruhestand ging, hatte sich daran noch nicht viel gerändert.

In ihrem Heimatort Elbing hatte Irmgard Schramm nach dem Abschluss der einjährigen höheren Handelsschule 1943 eine Ausbildung beim Arbeitsamt begonnen. Durch die Flucht vor der sowjetischen Armee fand diese Ausbildung ein jähes Ende. Während der Flucht waren die Arbeitsämter in Stolp (Pommern) und Schwerin (Mecklenburg) weitere berufliche Stationen für Irmgard Schramm, ehe sie schließlich Hoya erreichte.

„Unser erstes Büro war im Landvolkgebäude an der Knesestraße“, berichtet sie. „Dann zogen wir ins Von-Staffhorst-Haus um.“ Ebendort, am Entdeckungsort des Weinkellers, wurde es einmal scheinbar gefährlich: „Heute geht das Arbeitsamt hoch“, drohte ein Anrufer, und tatsächlich wurde eine Tasche im Flur des Amts gefunden. Erleichterung kehrte ein, als die sofort alarmierte Kripo feststellte, dass die Tasche statt einer Bombe lediglich Papierschnipsel enthielt.

Beim Umzug in den Neubau des Arbeitsamts an der Bücker Straße (über dem heutigen Rewe-Markt) war Irmgard Schramm Ruheständlerin. Neben ihrer Mitgliedschaft im Museumsverein war sie seinerzeit aktives Mitglied im Deutschen Roten Kreuz. Nichtsdestoweniger stellte sich in ihren ersten Tagen des Ruhestands ein Gefühl der Tatenlosigkeit ein. Ihre Tochter Brunhilde war es, die eine zündende Idee hatte: „Du schreibst jetzt alles auf, all deine Erinnerungen von Elbing bis Hoya“, forderte sie und überreichte ihrer Mutter das notwendige Handwerkszeug: einen Schreibblock aus rosa Papier mit rosafarbenem Einband und einen rosa Schreibstift. „Ich hatte damals einen Rosa-Tick!“, erklärt Brunhilde Ahrens.

Jahrelang schrieb Irmgard Schramm fleißig ihre Erinnerungen auf. Irgendwann gerieten die Aufzeichnungen aber in Vergessenheit und drohten zu verblassen. Da trat erneut ihre Tochter Brunhilde auf den Plan. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Paul-Christoph Preuß (einem pensionierten Chirurgen) und mit Irmgard Schramms Enkeltochter Sandra Fleckenstein rettete sie die rosa Aufzeichnungen und ließ sie in einen Computer eingeben – gerade noch rechtzeitig, bevor sie endgültig ausbleichen konnten. Nun erstellten sie aus der digitalen Textdatei das gedruckte Buch.

Brunhilde Ahrens und Paul-Christoph Preuß sind vergangenes Jahr von Aachen nach Hoya gezogen und wohnen nun mit im Haus am Weserufer. „Für mich ist es wunderbar“, schwärmt Irmgard Schramm. „Ich werde bestens versorgt und habe sogar einen Arzt im Haus.“

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