„Historischer Güterumschlag“

Schwer was los im Eystrup der 50er-Jahre

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Stilechte Outfits und Accessoires wie dieser aus Korb geflochtene Kinderwagen gehörten zum Drehbuch.

Eystrup - Von Ulf Kaack. Reenactment nennen sich Veranstaltungen, die geschichtliche Ereignisse aufgreifen, und sie erfreuen sich vor allem beim Nachinszenieren von historischen Schlachtfeldszenarien steigender Aufmerksamkeit. Ähnlich, dabei aber keinesfalls kriegerisch ging es am Wochenende bei der Veranstaltung „Historischer Güterumschlag“ am Eystruper Bahnhofs zu.

Wie lief das damals ab in den 50er-Jahren, als das Wirtschaftswunder Fahrt aufnahm und Verbrauchs-, Konsum- und Luxusgüter wieder verfügbar und erschwinglich waren? Davon zeichneten die Veranstalter – der Deutsche Eisenbahn-Verein (DEV) in Kooperation mit der IG Senffabrik Leman und dem Heimatverein Eystrup – ein authentisches Bild. Mehrere Dutzend historische Lkw und Traktoren in perfekt restauriertem Blechkleid waren am Start. Hinzu kamen Eisenbahnfahrzeuge, Kleintransporter und eine Menge Staffage: von der Sackkarre über Kohlensäcke und Transportkisten, bis hin zu Fahrrädern, Mopeds und Autos dieser Epoche.

Der besondere Clou: Alle beteiligten Akteure waren im Look der 50er-Jahre gekleidet, die „Kapitäne der Landstraße“ ebenso wie die Bahnbediensteten und die Malocher an der Laderampe.

Wie damals üblich, war ein uniformierter Polizist auf Streife. Zu Fuß, versteht sich. Damen flanierten in Petticoats und hoch aufgeschossenen Kleidern.

Ein idealer Rahmen also, um den Transport von Stück- und Schüttgut sowie von Schwerlasten so zu demonstrieren, wie er vor 60 Jahren üblich war. Glühkopf-Bulldogs von Lanz zogen schwer beladene Anhänger vor die Laderampe des Güterschuppens, wo die wertvolle Fracht zum Umschlag auf die Eisenbahn eingelagert wurde. Die V-36-Diesellok des DEV übernahm parallel dazu Rangieraufgaben mit historischen Güterwagen.

Auch das Fahrrad kam zum Einsatz, wenn die am Lenker baumelnden Milchflaschen bei der imaginären Molkerei abgeliefert werden mussten.

Die Stars auf dem Areal waren unbestritten die betagten Schlachtrösser der Autobahn, durch die Bank versehen mit den damaligen Kfz-Kennzeichen der Besatzungsmächte und mit den markigen Werbeslogans ihrer Epoche kunstvoll beschriftet. Dabei stach besonders ein weinroter Büssing LS 11 mit Anhänger ins Auge, gebaut 1956 und mit einem Kofferaufbau der Firma Kässbohrer versehen. 170 PS mobilisiert der Dieselmotor unter der mächtigen Haube. Das reicht immerhin für eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 80 Stundenkilometern – je nach Beladungszustand.

Weitere Vertreter des damaligen Transportgewerbes trugen die kunstvollen Signets so renommierter Hersteller wie MAN, Mercedes-Benz, Opel, Vomag, Henschel, Kramer, Ritscher oder Kaelble auf ihren zumeist verchromten Kühlergrills. Mehrere Vertreter aus der Nutzfahrzeugsparte des Bremer Borgward-Konzerns gab es zu sehen. Auch eine kleine einachsige Zugmaschine von Holder flitzte quirlig zwischen den Giganten herum.

Wie es in Kriegszeiten und unmittelbar danach zuging, konnten die zahlreichen Besucher anhand eines mit Holzgas betriebenen MIAG erleben. In Zeiten der Brennstoffknappheit wurden massenweise Nutzfahrzeuge auf den Betrieb mit Holzgasgeneratoren umgerüstet. Vornehmlich Hartholz wurde darin verfeuert und in ein zündfähiges Gas umgewandelt. Eine mühselige und zeitaufwendige Prozedur. Geduldig und mit viel Sachverstand demonstrierten die Fahrzeugeigner das Befüllen des Generators und erklärten die Funktionsweisen, mit denen der 25-PS-Motor aus dem Hause Ford zur Arbeitsaufnahme motiviert wird.

Ein weiterer Höhepunkt des Spektakels war das Verladen eines Eisenbahnwagons auf einen Tieflader. Anschließend zogen die Lkw-Enthusiasten das gewichtige Gespann zunächst unter dem Klicken der Kameras zahlreicher Schwerlastfreunde durch den Kreisel vor dem schmuck herausgeputzten Eystruper Güterschuppen und anschließend im Schritttempo durch den Ort. Geschleppt wurde der Spezialanhänger dabei von einem Hanomag ST 100.

Im Kesselhaus der lemanschen Senffabrik hatte man zwischenzeitlich die Wechselstrom-Tandem-Verbund-Dampfmaschine in Betrieb genommen. Mit dem 1911 gebauten Aggregat wurde an dieser Stelle ab 1928 Elektrizität für die industrielle Produktion erzeugt. In einer angrenzenden Halle zeigten Modellbauer der Fachrichtung Dampftechnik ihre funktionsfähigen kleinen Kunstwerke.

Für einen kontinuierlichen Besucherstrom sorgte ein Pendelverkehr mit den Triebwagen T2 und T3 des DEV. Den nutzten nicht nur die Besucher aus der Region, sondern auch das zahlreich angereiste Fachpublikum, das aus ganz Deutschland und sogar einigen europäischen Nachbarländern gekommen war.

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