Schulen in der Krise

Lernen im Lockdown: Diese Vor- und Nachteile hat der Distanzunterricht

Fast alle Schüler des Johann-Beckmann-Gymnasiums lernen derzeit ausschließlich zu Hause. Nur die angehenden Abiturienten haben Unterricht.
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Fast alle Schüler des Johann-Beckmann-Gymnasiums lernen derzeit ausschließlich zu Hause. Nur die angehenden Abiturienten haben Unterricht.

Hoya – Die Klassenräume am Johann-Beckmann-Gymnasium (JBG) in Hoya sind fast alle leer in diesen Tagen. Kein Lärm auf den Fluren, keine Kinder auf dem Schulhof. Unterricht gibt es nur auf Distanz. Mit einigen Ausnahmen: Die Abiturienten kommen zur Schule. Allerdings müssen auch sie Abstand halten. Die größeren Kurse hat das JBG daher in die Mensa und in einen Doppelraum verlegt.

Für die Fünft- und Sechstklässler bietet die Schule eine Notbetreuung von 8 bis 13 Uhr an. Ein bis drei Kinder pro Tag nutzten dieses Angebot, sagt Schulleiter Lutz Bittner. Und der Rest? Sitzt zu Hause vor dem Rechner.

Das JBG versteht sich selbst als Vorreiter im Bereich Digitalisierung. Es gibt dort mehr digitale Endgeräte als Schüler und Lehrer. 1 400 Computer, Tablets und Mobiltelefone sind am internen Netzwerk angemeldet. Die Grundlagen für das System sind bereits vor 15 Jahren gelegt worden, sagt Bittner. Jeder Schüler ab Klasse sieben habe ein eigenes Notebook. „Wir waren und wir sind an der digitalen Front.“ Dennoch stellt die Corona-Krise die Schule vor enorme Herausforderungen.

Für den Distanzunterricht haben sich am JBG verschiedene Formen etabliert. Über das Schulnetz informiert der Lehrer seine Klasse, welche Aufgaben an diesem Tag anstehen, und verschickt das benötigte Unterrichtsmaterial. Die Schüler bearbeiten die Aufgaben selbstständig. Sobald sie damit fertig sind, können sie per Knopfdruck den Lehrer informieren, der dann die Möglichkeit hat, die Arbeit der Schüler zu sehen und zu korrigieren.

Außerdem gibt es die Möglichkeit, Videokonferenzen einzurichten. So können sich Schüler und Lehrer sehen, hören und austauschen. Sogar den bekannten Frontalunterricht kann die Schule mithilfe der Technik simulieren. Eine Kamera filmt den Lehrer im Klassenraum vor Tafel und Smartboard (ein großer Bildschirm, der ähnlich wie ein Smartphone auf Berührung reagiert, Anm. d. Red.) und überträgt das Bild in Echtzeit.

Soweit die Theorie. In der Praxis hat das System auch seine Schwächen. Es kostet viel Konzentration, dem Unterricht auf dem Bildschirm zu folgen. „Sechs Stunden Videokonferenz, das hält keiner aus“, sagt Bittner. Er schätzt, dass dieses Lernmodell pro Klasse nicht mehr als ein-, zweimal am Tag zum Einsatz kommt.

Bleibt also das selbstständigen Arbeiten der Schüler an bereitgestellten Aufgaben. Das gelingt nach Einschätzung von Bittner unterschiedlich gut. Einige kämen gut zurecht. „Andere – und das sind nicht wenige – haben nicht die Disziplin.“

Das sieht die Schülervertretung (SV) anders. „Es ist für uns nicht zu schwierig, die nötige Disziplin aufzubringen, die anstehenden Aufgaben zu bearbeiten“, teilt die SV-Spitze mit. Die Möglichkeit, sich die Aufgaben selbst einzuteilen, sei ein sehr guter Schritt, um zu lernen, wie man sich selber organisiere.

Claudia Theis, Vorsitzende des Schulelternrats, betrachtet die Problematik differenziert. Je größer die Kinder, desto eher gelinge das selbstständige Lernen. Bei jüngeren Kindern und Jugendlichen in der Pubertät müssten Eltern beim Unterricht zu Hause Hilfestellungen geben. Generell hat sie aus Gesprächen mit anderen Eltern den Eindruck gewonnen, dass die Kinder im aktuellen Lockdown besser mit dem Distanzunterricht zurechtkommen als noch im Frühjahr.

Das gilt nach Einschätzung der Schulleitung auch für die Lehrer. Erste Erfahrungen damit, kranke Schüler zu Hause mit Unterrichtsmaterial zu versorgen, habe das Kollegium bereits seit einigen Jahren gesammelt, sagt Bittner. Das habe auch ganz gut geklappt. Nicht zu unterschätzen sei allerdings die Mehrarbeit für die Lehrer, wenn sie heute eine Unterrichtseinheit vorbereiteten. „Im Distanzunterricht brauche ich viel mehr Material.“

Doch egal wie gut ein Lehrer seine Stunde vorbereitet: Wenn das Material den Schüler nicht erreicht, kann er nicht damit arbeiten. Gerade für die jüngeren Jahrgänge sei es nicht immer so leicht, die Aufgaben zu empfangen und mit technischen Geräten umzugehen, berichtet die SV. Nicht jeder Schüler hat an seinem Wohnort eine schnelle, stabile Internetleitung. Außerdem stellt die SV fest, dass nicht überall davon auszugehen sei, dass die unteren Jahrgänge ausreichend mit digitalen Endgeräten versorgt seien. Für dieses Problem biete die Schule einen Ausleihservice an.

Bittner bestätigt, dass der mangelhafte Breitbandausbau die Schüler mitunter vor Probleme stellt. Sie könnten dann nicht an Videokonferenzen teilnehmen oder keine Verbindung zum Schulnetz aufbauen. Wie viele Schüler davon betroffen sind, sagt Bittner nicht. Es handele sich um Einzelfälle.

Wie effektiv diese neue Form des Lernens ist, lässt sich bislang schwer abschätzen. „Natürlich haben wir Lernrückstände“, sagt Bittner. Wie viel die Schüler verpassen, hänge stark vom Fach ab. Im Mathematikunterricht sei das schon übler, sagt der Schulleiter. Nicht zuletzt, weil Lehrer vor dem Computer nicht so schnell erkennen, wenn ein Schüler inhaltlich nicht mehr folgen kann wie im Klassenraum. „Da zeigt sich der Wert von Schule“, sagt Bittner. Auch die SV-Spitze, gesteht, „dass wir aus diesen (Videokonferenzen, Anm. d. Red.) nicht so viel mitnehmen können, wie aus einem gut geführten Präsenzunterricht“.

Schwierig ist beim Distanzunterricht auch die Bewertung der Schüler. Klassenarbeiten seien derzeit untersagt, erklärt Bittner. Der Schulleiter fordert das Kollegium auf, bei der Notenvergabe viel Fingerspitzengefühl zu zeigen. In so einer Zeit sei der Pädagoge besonders gefordert. Und die Elternratsvorsitzende Theis macht sich Gedanken zu den mündlichen Leistungen. Für stille Kinder sei es unter diesen Umständen besonders schwierig, sich im Unterricht einzubringen.

Grundsätzlich positiv bewerten die Schüler die Arbeit mit PC und Tablet. „Wir würden uns freuen, weiterhin mehr mit digitalen Geräten im Unterricht zu arbeiten, da es nicht nur Spaß macht und uns den Umgang mit den Geräten auf eine produktive Weise lehrt, sondern es uns den Schulalltag erheblich erleichtert“, schreibt die SV-Spitze.

Von Felix Gutschmidt

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