AUS DEM LANDGERICHT 23-Jähriger kommt nach Messerangriff in psychiatrisches Krankenhaus

„Er hat die Tat schuldlos begangen“

Hoya/Verden - Von Wiebke Bruns. Neun Monate nach einem versuchten Totschlag in Hoya hat das Landgericht Verden gestern die Unterbringung eines 23 Jahre alten Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet. „Er hat die Tat schuldlos begangen. Er ist psychisch krank“, hieß es gestern Nachmittag in der Urteilsbegründung der ersten Großen Strafkammer.

Am Abend des 9. Mai 2019 hatten der 23-Jährige und vier weitere Täter, die sich bereits in einem Strafprozess verantworten mussten, einen 35 Jahre alten Radfahrer im Bereich des Sportplatzes in Hoya angegriffen. Der 23-Jährige hat zur Überzeugung des Gerichts dem Opfer mindestens 13 Stichverletzungen zugefügt.

Den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Nebenklage folgend, wertete das Gericht die Tat als versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung. „Der Beschuldigte hat zumindest billigend den Tod des Nebenklägers in Kauf genommen“, hieß es in der Urteilsbegründung. „Nur der medizinischen Kunst“ sei es zu verdanken, dass der 35-Jährige die Tat überlebt hat.

2016 war bereits bei dem Beschuldigten eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden. An der Erkrankung äußerten der Vorsitzende Richter Volker Stronczyk und der psychiatrische Sachverständige Dr. Christian Riedemann keine Zweifel. Der Beschuldigte habe die Tat damit „schuldlos begangen“, stellte der Vorsitzende fest. „Egal, ob er in der Situation Stimmen gehört und er billigend in Kauf genommen hat, dass das Opfer verstirbt. Der Beschuldigte hat nicht die Einsicht gehabt, Unrecht zu tun“, betonte Volker Stronczyk. „Er hat die Situation völlig verkannt.“

Deshalb könne er auch nicht bestraft werden, sondern sei in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen. Es gehe um den Schutz der Gesellschaft. Außerdem solle versucht werden, ihm zu helfen, verdeutlichte der Vorsitzende. Denn unbehandelt bestehe „eine Wahrscheinlichkeit höheren Grades für die Gefahr weiterer Straftaten“.

Nach vier früheren Verurteilungen wegen Körperverletzung habe der 23-Jährige im Mai 2019 „eine ganz erhebliche Straftat mit einer ganz erheblichen Gewaltanwendung begangen“. Stronczyk zitierte einen Mittäter, der bei der Polizei die Stiche mit „Bam, bam, bam“ und „einem Stechen wie mit einer Forke in den Sand“ beschrieben hatte.

Weil bei dem 23-jährigen Angeklagten auch ein schädlicher Missbrauch von Alkohol und Kokain sowie eine Cannabisabhängigkeit bestünden, hatte das Gericht zudem eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt in Betracht gezogen. Doch diese Möglichkeit spielte in diesem Fall eine untergeordnete Rolle, betonte der Vorsitzende Richter. „Ursächlich für die Tat war nicht die Abhängigkeit, sondern die psychiatrische Erkrankung. Der Unterbringungsbefehl bleibt aufrechterhalten. Und auch wenn das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, so kommt der 23-Jährige nicht auf freien Fuß“, schilderte Stronczyk abschließend.

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