Schon kurz nach der Geburt tut sich im Leben eines Kalbes eine Menge

Vom Stall in den Iglu

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Mutter Gretel hat die Geburt gut überstanden. Die kleine Gailswintha ist bereits ihr drittes Kälbchen

Warpe - Von Julia Kreykenbohm. Die großen dunklen Augen blicken neugierig in die Kamera. Was macht die fremde Frau denn da? Mühsam stemmt sich das Kälbchen auf seine Beine und stakst durch das dichte Stroh, mit dem die geräumige Box ausgelegt ist, erstmal zu Mama Gretel.

Die Serie

Vom Stall in den Iglu

„In der Kita ist sie der Boss“

Sicher ist sicher. Das flauschige schwarz-weiße Fell der kleinen Vierbeinerin ist an manchen Stellen noch leicht zerzaust und verklebt, denn sie ist erst einen Tag alt. Ihre Geburt sei vollkommen problemlos verlaufen, berichtet Conny Derboven, Landwirt und Besitzer des Hofes Bünkemühle in Warpe. „Als ich nach dem Mittagessen eine Runde durch den Stall machte, war sie plötzlich da.“ Das Kälbchen, das noch keinen Namen trägt, wiegt 47 Kilogramm und ist genauso geboren, wie es sein soll: ganz natürlich und ohne Hilfe. Wenn das Kalb richtig liegt, reißt sogar die Nabelschnur von ganz allein, sobald der Kopf draußen ist.

„Wir müssen den Nabel dann nur noch mit einem Spray desinfizieren“, sagt Derboven. Und natürlich: genau beobachten: Wie verhält sich die Kuh? Kümmert sie sich um das Kalb? „Normalerweise steht sie sofort auf und leckt das Kälbchen gründlich ab, so lange, bis es steht. Das kann richtig grob aussehen, hat aber einen Zweck“, berichtet Derboven. „Durch die kräftigen Berührungen der Zunge in der Herzgegend, wird der Kreislauf angeregt und durch die Massage der Lunge wird der Schleim abgehustet.“

Außerdem sorgt Derboven dafür, dass die Kleine genügend trinkt. „In den ersten beiden Stunden brauchen die Kälber mindestens zwei Liter Muttermilch, um ihr Immunsystem zu stärken. Die Milch enthält Antikörper gegen alle Keime im Umfeld der Mutter.“

Das kleine Kälbchen hat seine erste Scheu offenbar überwunden. Nun wird es neugierig und kommt näher. Was ist in der Tasche im Stroh? Hat die fremde Frau, die daneben kniet, vielleicht etwas Leckeres in ihrer Jacke versteckt? Oder in ihren Haaren? Und was hat es mit dem komischen Gerät in ihren Händen auf sich, das so seltsame Klick-Geräusche macht? „So frisch nach der Geburt sind sie noch ein wenig wackelig auf den Beinen“, erläutert Conny Derboven. Das scheint die Kleine gar nicht gern zu hören. Wie um den Landwirt Lügen zu strafen, fängt sie an, durch das Stroh zu hopsen. Frei nach dem Motto: „Guck mal, was ich schon kann!“

Ja, sie kann wirklich schon eine Menge, dafür, dass sie erst 24 Stunden auf der Welt ist. Doch genau soviel steht ihr auch noch bevor. Nicht nur, dass sie am ersten Tag als neue Erdenbürgerin einen Pressetermin über sich ergehen lassen muss, sie bekommt auch schon Ohrmarken. „Das ist Pflicht“, sagt Derboven. „Der Landwirt muss Strafe zahlen, wenn er das nicht tut.“ In den beiden Ohrmarken steht jeweils das selbe: „DE“ für Deutschland, der Code für das Land Niedersachsen und die laufende Nummer.

Zusätzlich bekommt die Kleine einen Kälber-Pass und strenge Auflagen, was ihren Aufenthaltsort angeht. „Sie darf sich nur auf dem Betrieb hier bewegen. Bringe ich sie beispielsweise nach Hoya, muss ich in den Kälber-Pass eintragen, wo sie herkommt, wo sie hingeht und in Hoya müssten die Empfänger ebenfalls einen Eintrag machen, der wiederum an das Rechenzentrum in Verden gesandt wird, damit genau geklärt ist, welches Tier wann wo ist. Sonst gibt es eine Mahnung.“

Und noch ein Ereignis steht der Kleinen am ersten Tag ihres Lebens bevor: Die Trennung von Mama Gretel. „Das wirkt hart“, gibt Conny Derboven zu, aber eine Alternative gebe es dazu nicht. Die Kälber nehmen die Trennung erstaunlich gelassen. „Sie suchen sehr schnell eine neue Bezugsperson. Gibst du ihnen die Flasche, bist du sofort ihre neue Mama. Die Kühe hingegen brüllen noch gut eine Stunde nach ihrem Baby – doch dann beruhigen auch sie sich.“ Mama Gretel kennt das schon. Es ist bereits ihr drittes Kälbchen.

Für die Kleinen geht es dann in einen der sogenannten Iglus, ein Plastikhaus mit kleinem Verschlag. Dort bleibt es fünf bis sieben Tage und wird dreimal täglich mit Muttermilch gefüttert. Die Iglus seien eine tolle Entwicklung, was die Haltung von Kälbern betrifft, findet Derboven. „1960 wurden die Kleinen noch mit dem Kälberstrick hinter den Kühen angebunden. Dann kamen die Kälberboxen, bei denen jedoch die Ansteckungsgefahr enorm hoch war und man viel mit Antibiotika arbeiten musste. Danach kam die Kälbermast – die wohl schlimmste Form – und danach die Iglus, die wir 1985 das erste Mal einsetzten.“ Sie haben den Vorteil, dass die Kälber an der frischen Luft sind und sich nicht so leicht anstecken können. Das wichtigste ist, das alles immer blitzsauber ist.

Das kleine Kälbchen schaut fragend zu Conny Derboven. Wie lange stört die fremde Frau wohl noch, die jetzt wissen will, wie der kleine Vierbeiner heißt. „Normalerweise kriegen Kälber erst mit zwei Jahren einen Namen, weil sie dann in eine Herde kommen. Oder eben, wenn sie auf eine Schau gehen.“ Doch damit die Frau in ihrem Artikel nicht immer „das Kälbchen“ schreiben muss, ist er einverstanden, die Kleine sofort zu taufen. Einzige Vorgabe: Der Name muss mit dem gleichen Buchstaben beginnen, wie der der Mutter, also „G“. Gretchen, Gesine, Gerda ... alles schon da gewesen. „Er muss auch zum Charakter der Kuh passen“, sagt Derboven. Das ist natürlich schwer, wenn sie erst einen Tag alt ist. Aber man wünscht ihr ja, dass sie ein königliches Leben hat. Und darum kriegt sie den Namen einer westgotischen Prinzessin: Gailswintha.

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