Sie zieht die Blicke auf sich

Ein Gast im Hoyaer Hafen: „Bracki“ hat eine bewegte Geschichte

Sie zieht die Blicke der auf sich, wenn sie an der Spundwand der Weser in der Sonne liegt. Manch ein Beobachter hat in den vergangenen Tagen ein Erinnerungsfoto geschossen. Eine wie „Bracki“ hat die Grafenstadt schon lange nicht mehr gesehen.
+
Sie zieht die Blicke der auf sich, wenn sie an der Spundwand der Weser in der Sonne liegt. Manch ein Beobachter hat in den vergangenen Tagen ein Erinnerungsfoto geschossen. Eine wie „Bracki“ hat die Grafenstadt schon lange nicht mehr gesehen.

Hoya – Ein besonderer Gast weilt in diesen Tagen in Hoya. Sie ist etwas in die Jahre gekommen, hat mittlerweile 109 Lenze auf dem Buckel, sich dafür aber noch ziemlich gut gehalten. Gut, etwas rundlich ist sie schon mit ihren gut 16 Tonnen. Die Blicke der älteren Herren zieht sie dennoch auf sich, wenn sie am Weserufer in der Sonne liegt.

Manch ein Beobachter hat in den vergangenen Tagen ein Erinnerungsfoto geschossen. Denn eine wie „Bracki“ hat die Grafenstadt schon lange nicht mehr gesehen. Eher zufällig macht das Museumsschiff auf seiner Fahrt nach Hannover bis Samstag Station in Hoya, „der schönen, kleinen Stadt“, wie es Uwe Herbst formuliert. Ihm gehört das Schiff. Genauer gesagt: Es gehörte ihm.

Nach 26 Jahren hat der Bremer sein Schiff vergangenes Jahr verkauft. An einen jungen Mann aus Hannover, sagt Herbst. Herbst hat das Schiff in Hunderten Stunden Arbeit wieder flott gemacht. „Selbst die alte Maschine habe ich rausgeholt und eine neue eingebaut“, sagt Herbst. Ein 130 PS starker sechs Zylinder Dieselmotor bringt „Bracki“ in Fahrt. Weitere Arbeiten fasst der Bremer rasch zusammen. „Einige Dosen Farben gingen drauf, aber die Mühe hat sich gelohnt“, sagt der 71-Jährige.

Zusammen mit seiner Partnerin unternahm er mit „Bracki“ Fahrten zu den Ostfriesischen Inseln, fuhr durch den Ems-Jade- und Küstenkanal und auf die Ostsee bis nach Arnis. Sie seien Botschafter der Schiffergilde Bremerhaven gewesen, sagt Herbst. Als solche hätten sie unterwegs einige Blicke hinter sich hergezogen.

Eigentlich stammt „Bracki“ aus Hamburg und heißt „Hafenamt 2“. Der Bremer Senat hatte einer Werft in Altona den Auftrag für die Barkasse gegeben. Jahrelang tat sie ihren Dienst in Bremen und Bremerhaven. „Das war ein Bereisungsschiff. Damit sind die Herrschaften durch den Hafen gefahren, um haben nachgeschaut, ob alles in Ordnung ist“, sagt Herbst.

Später wechselte das Boot den Besitzer und damit seinen Namen. Als „Rickmer 1“ setzte es seine Kraft für die gleichnamige Werft ein. Mit der Insolvenz des Schiffbauers 1986 wurde die Barkasse zur Verhandlungsmasse der Gläubiger. Eine Bremerhavener Kauffrau ersteigerte das Schiff, wusste damit aber offenbar nicht viel anzufangen und schenkte es der Schiffergilde. Die verkaufte es 1994 an Uwe Herbst. Zu diesem Zeitpunkt war das Boot nicht mehr fahrtüchtig und alles in allem in einem schlechten Zustand. Herbst kümmerte sich um den Kahn und gab ihm den Namen „Bracki“.

Auf die Frage, warum er sich das Boot gekauft hat, antwortet der Bremer: „Ich wollte schon immer ein Boot haben.“ Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt schon eines: Einen Fischkutter, den er zu einem Segler umbauen wollte. Nun gut, auf einem Boot kann man wohl nicht stehen.

Noch schwerer zu ergründen ist der Ursprung seiner Begeisterung für die Schifffahrt. Der gebürtige Dötlinger hat sein Berufsleben eher auf dem Bock verbracht als an Deck. 35 Jahre lang habe er Tanklaster gefahren, sagt Herbst. Wenn da mal was zu reparieren war, schaute er immer genau hin und packte mit an. Das Schweißen brachte er sich selber bei, erzählt er. Was blieb ihm auch anderes übrig? Gelernt hat Uwe Herbst Fleischer.

Den umgebauten Fischkutter verkaufte der Bremer Ende der 90er-Jahre wieder. Aber von seiner Barkasse mochte er sich nicht trennen. Das kompakte Schiff erlaubte es ihm und seiner Partnerin, fast überall hinzukommen. Manchmal fuhren sie einfach raus, setzten den Anker und warteten, bis sich das Meer zurückzog. Dann kletterten sie eine Leiter herab und gingen zwischen Muschelbänken und Gruppen von Seehunden im Watt spazieren.

Der Abschied von „Bracki“ fällt Herbst schwer. Aber die Knochen seien kaputt, sagt er. Er kann die Arbeit nicht mehr leisten, die das Schiff mit sich bringt. Doch beim neuen Besitzer, einem Polizisten, hat Herbst ein gutes Gefühl.

Die Überfahrt nach Hannover gestaltet sich zunächst schwierig. Wegen der Corona-Pandemie liegt die Barkasse monatelang in Hemelingen fest. Alle paar Tage fährt Herbst raus und schaut nach dem Rechten, prüft die Elektrik und lässt den Motor ein bisschen laufen.

Anfang dieser Woche brechen Herbst und „Brackis“ Neuer dann endgültig auf. Bis nach Nienburg sollte der erste Reisetag führen. Ab Dörverden habe die Wasserschutzpolizei sie mit einem SUV an Land eskortiert. Herbst fand das „oberklasse“. Die Beamten erklären ihnen dann auch, dass sie nicht bis nach Nienburg kommen werden. Die Stege der Kreisstadt seien dort noch nicht rausgefahren. Kurzerhand organisieren die Beamten den Liegeplatz ganz vorne an der Spundwand in Hoya.

Samstagfrüh um sieben Uhr soll die Barkasse die Grafenstadt verlassen. Uwe Herbst wird die Fahrt in Richtung Minden nicht mitmachen. Es ist Zeit, Lebewohl zu sagen. Loslassen kann Uwe Herbst aber noch nicht. Sollte sich irgendwas am Zeitplan ändern, sagt er Bescheid, versichert der Bremer. „Bracki“ hat ihm ganz schön den Kopf verdreht.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Vermisste Person: Polizei sucht 87-jährige Elsbeth König aus Nienburg

Vermisste Person: Polizei sucht 87-jährige Elsbeth König aus Nienburg

Vermisste Person: Polizei sucht 87-jährige Elsbeth König aus Nienburg
Corona im Landkreis Nienburg: Ab heute gelten strengere Regeln

Corona im Landkreis Nienburg: Ab heute gelten strengere Regeln

Corona im Landkreis Nienburg: Ab heute gelten strengere Regeln
Sechs wollen Bürgermeister werden

Sechs wollen Bürgermeister werden

Sechs wollen Bürgermeister werden
Schwerer Unfall in Eystrup: Zwei Fahrzeuge prallen zusammen – 14 Verletzte

Schwerer Unfall in Eystrup: Zwei Fahrzeuge prallen zusammen – 14 Verletzte

Schwerer Unfall in Eystrup: Zwei Fahrzeuge prallen zusammen – 14 Verletzte

Kommentare