Schaurig-schöner Rundgang durch Hoyas Altstadt

Sein Titel, sein Geld – der Graf hatte beides geklaut

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Scharfrichter Fröhlich lehrt seine Zuhörer im Hof des alten Grafenschlosses das Fürchten.

Hoya - Von Horst Friedrichs. Wenn Schäfer Heinrich Geschichten erzählt, wird Geschichte lebendig: Spannend, amüsant und kurzweilig sind die Begebenheiten, über die Hoyas bekannter und beliebter Gästeführer seinen Zuhörern berichtet – am Ort des Geschehens, beim Rundgang durch die Altstadt der einstigen Grafenresidenz.

Gräfin Sophie gibt sich die Ehre, vor ihrem Herrenhaus mit Schäfer Heinrich zu sprechen.

Jeden Moment, so könnte man glauben, öffnet sich drüben im Schloss ein Fenster, und der Graf lehnt sich heraus, um zu sehen, welch illustre Schar sich dort am Weserufer versammelt hat. Wäre Hochwohlgeboren denn wieder da, würde er erfahren, dass der Anführer jener wissbegierigen Schar der Schäfer Heinrich ist, bürgerlichen Namens Heinrich Hambrock. Seine Zuhörer, soeben mit dem Schienenfahrzeug „Kaffkieker“ aus Syke angereist oder mit eigenen Fortbewegungsmitteln aus Hoya und Umgebung eingetroffen, werden dem Grafen auf ihrem Stadtrundgang zwar nicht persönlich begegnen, doch dafür werden ihnen einige „Zeitzeugen“ aus Hoyas großer Zeit buchstäblich über den Weg laufen.

„Ganoven, Grafen und Gefolge“ lautet das Motto des Erlebnisrundgangs, der mit Schäfer Heinrich am Bahnhof startet, nachdem der „Kaffkieker“ fahrplanmäßig, pünktlich auf die Minute, eingetroffen ist. Nach wenigen Schritten, am Weserufer gegenüber dem Schloss, hält Schäfer Heinrich nicht mehr damit hinter dem Berg, was es mit dem Motto der Veranstaltung auf sich hat.

„Heinrich der Dieb, hätte der Titel des ersten Hoyaer Grafen eigentlich lauten müssen“, erklärt sein Namensvetter, der Schäfer, furchtlos trotz der nahen Burgmauern. „Nicht nur, dass er das Geld für den Bau seiner Burg einem Verwandten gestohlen hat, nein, den Grafentitel hat er auch noch gekauft, und zwar von einem gewissen Graf Stumpenhausen ganz in der Nähe.“ Mit launigen Worten gelingt es Schäfer Heinrich mühelos, seine Gäste auf eine Zeitreise mitzunehmen, die rund 800 Jahre in die Vergangenheit führt.

Und so geht es weiter auf die andere Weserseite. Das Schloss auf dem früheren Werder, einer Flussinsel, wird zunächst rechts liegengelassen. Denn die zweite Station ist das wesentlich jüngere Rathaus, dessen Geschichte Schäfer Heinrich mit nicht geringerem Wortwitz und bildhaften Formulierungen schildert.

Scharfrichter nur dem Namen nach fröhlich

An der Kirchstraße steht das Haus des Gründers der Concordia-Versicherung, Heinrich Adolf Mohrhoff (1852-1908), auf dem Besichtigungsprogramm – nicht ohne den Hinweis, dass die Concordia 1989 anlässlich ihres 125-jährigen Bestehens den Zwergenbrunnen vor dem historischen Schulgebäude an der Langen Straße gestiftet hat.

Am Weserufer, mit dem Schloss im Hintergrund, erfahren Schäfer Heinrichs Zuhörer, warum das Wort „Ganoven“ im Motto des Stadtrundgangs vorkommt.

Nach einer Stippvisite in der alten Martinskirche, dem heutigen Kulturzentrum, geht es weiter zum benachbarten Burgmannshof von Staffhorst, in dessen einstigem Herrenhaus heute das Heimatmuseum untergebracht ist. Und während Schäfer Heinrich munter plaudert, lustwandelt – zunächst fast unbemerkt – eine adlige Dame ins Blickfeld. Vornehm nach der Mode des 19. Jahrhunderts gewandet, ist es Gräfin Sophie von Bremer, geborene von Staffhorst, die sich vom Stand der Rosenblüte überzeugt und auch sonst nach dem Rechten schaut.

Versteht sich, dass sich Sophie von Schäfer Heinrich in ein kurzes Gespräch verwickeln lässt, ehe sie ihren Inspektionsgang fortsetzt. Auch im wirklichen Leben kennen sich die beiden gut, wird Gräfin Sophie doch von Heinrich Hambrocks Tochter Tanja Bischoff dargestellt. Beide stammen aus Hämelhausen. Nach dem weiteren Weg durch die Altstadt – angereichert mit vielen Ereignissen aus den Jahrhunderten der Zeitreise – gibt es eine Begegnung mit der Magd Mariechen (Luise Alfke-Gehrmann aus Duddenhausen), die auf dem Burgmannshof von Behr beschäftigt ist und den Besuchern von ihrer Arbeit dort berichtet.

Letzte und gruselige Begegnung im Schlosshof: Kettenklirrend tritt der Henker – dargestellt von Jürgen Ohlmeier aus Hämelhausen – aus der Kerkertür. Die Eisenfesseln in der einen Hand, die Hellebarde mit der rasiermesserscharfen Klinge in der anderen, lässt er seinen finsteren Blick prüfend über die Besucherschar gleiten. „Mein Verlies ist zurzeit leer“, grollt er drohend. „Ich brauche dringend frisches Blut“, sagt er nicht, aber vielleicht hätte der echte Hoyaer Scharfrichter, Christian Ludwig Fröhlich (1799-1870), es in einer solchen Situation zumindest gedacht. Die Teilnehmer der Grafentour mit Schäfer Heinrich erfahren alles über hochnotpeinliche Verhöre und anschließende Exekutionen, bei denen der düstere Mann mit dem lustigen Namen das Richtschwert schwang.

Zum Schluss dürfen die Gäste im Verlies erschauern und bei der abschließenden Henkersmahlzeit im Gewölbekeller das Erlebte Revue passieren lassen.

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