Helmut Hoffmann schildert seine Vertreibung und die Ankunft vor 70 Jahren in Eystrup

Die Rotbachtaler haben ihre Heimat nie vergessen

Eystrup - Am Ende einer langen Flucht verbrachte Helmut Hoffmann seine erste Nacht in Eystrup in der Schule. Heute vor 70 Jahren kam er in der Gemeinde an. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren er, seine Frau und seine Tochter aus ihrer Heimat, dem Rotbachtal bei Görlitz, vertrieben worden. Weil es östlich der Neiße liegt, war es nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht zu polnischem Gebiet geworden. Helmut Hoffmann hat im Frühjahr 2015 seine Erinnerungen an die Vertreibung und die ersten Jahre in Eystrup niedergeschrieben. Anlässlich des Jahrestags seiner Ankunft in Eystrup erinnert der heute 95-Jährige an die Flucht der Rotbachtaler:

„Vorausgegangen war der Zweite Weltkrieg, den Deutschland mit dem Überfall am 1. September 1939 auf Polen angefangen hatte. Das Ende kam Anfang Mai 1945 mit einer katastrophalen Niederlage Deutschlands. Unsere Städte lagen durch feindliche Bombenangriffe in Trümmer.

Im Osten wurde die Oder-Neiße-Linie zur Grenze. Alles Östliche wurde polnisch, zwölf Millionen Deutsche wurden vertrieben.

„Sie erklärten uns, dass nun alles ihnen gehöre“

Auch unsere Heimat, das Rotbachtal, das circa 15 Kilometer östlich der Neiße liegt, wurde von polnischen Menschen besiedelt. Sie kamen in unsere Häuser und erklärten uns, dass nun alles ihnen gehöre. Für uns begann eine schlimme Zeit.

Als die Drangsalierung in einigen Häusern zu heftig wurde, flohen die Menschen bei Nacht und Nebel über die Neiße oder irgendwie in den Westen. Die meisten unserer Schicksalsgefährten hielten aber noch aus.

Dann kamen am 26. Juni 1946 frühmorgens bewaffnete Soldaten in unsere Häuser und eröffneten uns, dass wir in kürzester Zeit das Haus zu verlassen haben – ohne Fahrzeuge und nur mit leichtem Handgepäck. Wir mussten uns in der Ortschaft Küpper am Jugendheim einfinden.

Schockiert machten meine Frau und ich uns auf den Weg, mit unserer kleinen Tochter im Kinderwagen. Bald waren etwa 2 500 Rotbachtaler aus Küpper, Berna und Bellmansdorf versammelt. Nur wenige von uns, die man noch zum Arbeiten brauchte, durften bleiben. Im Herbst ereilte sie das selbe Schicksal.

„Wir hatten Angst, nach Sibirien zu kommen“

Die Soldaten waren schwer bewaffnet und trieben uns über Berna und Oberlinde in Richtung Marklissa, um uns dort in einen langen Güterzug zu verfrachten. Wir hatten große Angst, nach Sibirien zu kommen.

Doch die erste Station war Kohlfurt. Dort sahen wir die ersten uniformierten Engländer – eine kleine Hoffnung. Die Fahrt ging über die Neiße. Schicksalsgefährten warfen ihre weißen Armbinden, die wir tragen mussten, in den Fluss. Weiter ging es über Magdeburg und Uelzen nach Syke. Dort endete der Güterzug.

Einige von uns verteilte man auf die umliegenden Ortschaften. Weitere wurden in den Güterzug der Kleinbahn verladen. Dazu gehörte auch meine Familie. Die Fahrt ging weiter Richtung Hoya, an jeder Station stiegen Leute aus.

Die letzte Gruppe: 150 kamen nach Eystrup

Wir kamen als letzte Gruppe (etwa 150 Personen) nach Eystrup. Weil die Eisenbahnbrücke gesprengt worden war, sind wir mit einem alten Straßentrecker von Göbber mit Anhängern an unseren Zielort gebracht worden.

Es war der 1. Juli 1946. Die erste Nacht verbrachten wir in der Schule. Am nächsten Tag wiesen uns die Behörden in Häuser ein. Die Bewohner waren nicht gerade erfreut, so viele Fremde aufnehmen zu müssen. Denn bei ihnen wohnten ja auch noch Ausgebombte aus den Städten. Zudem hatten die Eystruper viel Leid im Krieg erlebt. Viele hatten ihre Söhne und andere Angehörige verloren.

Und dann kamen die Flüchtlinge, die sie aufnehmen mussten. Den Namen hatten wir weg. Aber man kann sagen: Überwiegend wurden wir mit Verständnis aufgenommen.

„Wir mussten uns auch Beleidigungen anhören“

Einige der uns zugewiesenen Wohnungen waren sehr dürftig, andere hingegen gut. Wenige von uns konnten sich mit der Situation nicht zurechtfinden und zogen immer wieder um.

Wir mussten uns schon mal beleidigende Worte anhören.

Bei der Arbeitssuche half uns die Gemeindeverwaltung. Gelernte Handwerker hatten schnell eine Arbeitsstelle. Ein Eystruper Jungunternehmer bot uns eine gute Lernmöglichkeit im Metallbau an. Circa zwei Jahre später, während der Währungsreform, wurde er krank und starb.

Es war ein schwerer Neuanfang, auch mit dem neuen Geld. Für die Betriebe war es auch nicht einfach. Bei den Firmen gab es oft aus Unsicherheit nur kurzfristige Arbeitsverträge. Einzelne von uns riskierten es, sich selbstständig zu machen.

Von Anfang an trafen sich die Rotbachtaler jedes Jahr zum Heimattreffen in Bassum, Eystrup, Hoyerhagen, Bücken, Dedendorf, Syke, Neubruchhausen oder Heiligenrode. Es war oft ein sehr herzliches Wiedersehen mit 300 bis 400 Personen.

Nach der Wiedervereinigung 1989 konnten wir die Heimattreffen auch in der ehemaligen DDR in Reichenbach feiern. Es hat sich dann so entwickelt, dass die Treffen abwechselnd in Eystrup und in Görlitz stattfanden.

Traurige Eindrücke bei erster Rückkehr

Die erste Busfahrt in die Heimat unternahmen wir im April 1976. Traurige Eindrücke zeigten sich in unseren Dörfern, meistens durften wir nicht in unsere Häuser rein.

Nach den ersten Jahren hat sich der Bund der Vertriebenen (BdV) gebildet. In Eystrup hatten wir einen starken Ortsverband. Er organisierte Busfahrten, Heimatabende und viele andere Veranstaltungen.

Fast alle aus unseren Reihen, die die Vertreibung bewusst erlebt haben, sind inzwischen verstorben. Wie über so vieles in der Geschichte wächst Gras über sie. Mein Schreiben soll an die Rotbachtaler erinnern.“

Rubriklistenbild: © dpa/Symbolbild

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