Podiumsdiskussion: Experten schildern ihre Erfahrungen / Zahlreiche Zuhörer

„Skandalöse Arbeitssituation in der Fleischindustrie“

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Die Teilnehmer der Diskussionsrunde (von links): Szabolcs Sepsi, Katja Keul, Auda Brinkhus-Saltys, Dr. Frank Meng und Roland Lubbas.

Von Horst Friedrichs. Massentierhaltung und moderne Sklavenhaltung = Ursache und Wirkung? Keinen Zweifel an der Berechtigung dieser Formel hegte die Expertenrunde einer Podiumsdiskussion im Hotel Thöle in Bücken. Vier Fachleute diskutierten über das Thema „Recht oder billig? Die Arbeits- und Lebensbedingungen in der Fleischindustrie“. Anschließend stellten sie sich den Fragen der zahlreichen Zuhörer. Zu der Veranstaltung hatte die Bundestagsabgeordnete Katja Keul (Bündnis 90/Die Grünen) aus Marklohe eingeladen.

Keul berichtete über ihre Arbeit im Bundestag, der sich aktuell mit einem Regierungsentwurf zu Leiharbeit und Werkverträgen befasst, ebenso wie mit der Problematik von Menschen in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen.

Auda Brinkhus-Saltys vom Netzwerk für Menschenwürde in der Arbeitswelt berichtete aus ihrem Einsatzgebiet im Raum Vechta-Cloppenburg und von der dortigen Massentierhaltung. Das von ihr vertretene Netzwerk unterhält Beratungsstellen für die Arbeitnehmer der Fleischindustrie. Es fordert Gesetzesänderungen und Änderungen im Strafrecht, damit wirksamere Kontrollen der Arbeitsbedingungen möglich werden.

Wie katastrophal letztere sind, schilderte Szabolcs Sepsi von einer Dortmunder Beratungsstelle des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Er beschrieb die Arbeits- und Lebensbedingungen der hauptsächlich aus dem osteuropäischen Raum kommenden Arbeitskräfte und ihre erschreckenden Beschäftigungsgrundlagen durch Werksverträge, Leiharbeitsverträge und Scheinselbstständigkeiten. „Dass es in Deutschland möglich ist, Menschen so zu behandeln, hätte ich nicht geglaubt“, sagte der aus Ungarn stammende Sepsi.

Im Zuge seiner Tätigkeit befasste er sich zum Beispiel mit dem Fall zweier Rumäninnen, die aus dem für sie unerträglichen Beschäftigungsverhältnis mit einer Wietzer Großschlachterei geflohen waren und sich nach Dortmund durchschlagen konnten – wo sie Hilfe bekamen. Der Verhaltenskodex für die Fleischindustrie, sagte Sepsi, werde in den Schlachthöfen nicht eingehalten. Dieser beinhaltet unter anderem, dass die Unterkünfte der Leiharbeiter über ausreichend Schlafplätze und sanitäre Anlagen verfügen und dass die Arbeiter das notwendige Werkzeug von den Betrieben gestellt bekommen.

„Wir können erst bei einem Anfangsverdacht tätig werden“, erklärte Oberstaatsanwalt Roland Lubbas, der bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg für Wirtschaftsstrafsachen zuständig ist. „Bevor wir einen Fall übernehmen, ermittelt der Zoll.“ Danach sei es so wie in allen Bereichen der Verbrechensbekämpfung; verurteilt könne jemand nur dann werden, wenn schlüssige Beweise gegen ihn vorliegen. Deshalb sei die Staatsanwaltschaft auf die Mitarbeit der betroffenen Arbeitnehmer angewiesen. „Aber niemand muss sich selbst belasten“, betonte Lubbas.

„Die skandalöse Arbeitssituation in der Fleischindustrie haben wir schon seit 20 Jahren“, sagte Dr. Frank Meng vom Zentrum für Arbeit und Politik an der Universität Bremen. Er fügte hinzu: „Es hat sich nichts geändert.“ Meng warf die Frage auf: „Was sind uns unsere Werte wert?“ Jedenfalls sei die Fleischindustrie auf der Basis von Ausbeutung ungeheuer konkurrenzfähig geworden. Überdies müsse man sich fragen, ob es sinnvoll sei, in Deutschland so viel Fleisch zu produzieren und zu exportieren, statt es in den Bestimmungsländern zu produzieren.

Die Zuhörer nutzten die Gelegenheit, sich an der Diskussion zu beteiligen. Ein Einwohner aus Marklohe warf die Frage auf, welche Möglichkeiten man als Verbraucher an der Supermarkt-Fleischtheke habe, auf die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie einzuwirken. „Keine“, antwortete Sepsi.

Ein Schlachtermeister aus Eystrup beklagte die Übermacht der Supermärkte: „An deren Preise komme ich nicht heran.“ Er wies auf die vielen Nachteile hin, unter denen Kleinbetriebe zu leiden hätten. Diese seien im Gegensatz zu Großbetrieben ständigen Kontrollen ausgesetzt. „Große Schlachthöfe werden bewacht wie eine Burg“, bestätigte Szabolcs Sepsi. „Da kommen auch die Veterinärämter nicht so leicht hinein.“

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