Tag des offenen Tür in Eystrup eine bunte Veranstaltung, ohne pietätlos zu sein

Kinderunterhaltung und gut gelaunte Gäste auf Friedhof

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Im Mausoleum lud die Kirchengemeinde zum Probeliegen ein, fand aber keine Interessierten.

Von Julia Kreykenbohm. Bela ist begeistert. Der Dreijährige malt einen Regenbogen auf die Holzkiste und hat sichtlich Spaß dabei. Was Bela wohl noch nicht weiß: Er bemalt einen Sarg. Dieser steht unter dem Pavillon eines Bestatters, der seine Produkte am Sonntag beim Tag des offenen Friedhofs in Eystrup präsentiert. Er ist ein Modell, an dem sich die Kinder austoben können, während die Erwachsenen die echten Särge mustern. Mal mit Interesse, mal mit leichtem Unbehagen.

Die Unbefangenheit der Jüngsten mit dem Thema Tod habe immer etwas Besonderes an sich, sagt Annedore Lemke vom Friedhofsausschuss. Deshalb wurden im Vorfeld 300 Kinder aufgefordert, zu malen, wie sie sich den Himmel vorstellen. Die entstandenen Werke werden den Besuchern präsentiert, die zahlreich auf das Gelände rund um die Willehadi-Kirche strömen.

Dort beraten neben Bestattern auch Floristen und Steinmetze die Gäste. Der Posaunenchor spielt dezente Musik, und auch für das leibliche Wohl ist gesorgt. In der Kirche sind Vorträge zu Themen wie Erbrecht zu hören, und es gibt Lieder-Workshops. Die Stimmung ist fröhlich und ungezwungen, aber immer respektvoll. „Wir haben uns im Vorfeld viele Gedanken über diese Veranstaltung gemacht“, sagt Annedore Lemke. „Wir wollten das Thema Sterben in die Öffentlichkeit rücken, um Hemmschwellen abzubauen. Damit viele Menschen kommen, musste ein ansprechender Rahmen geschaffen werden, aber natürlich möchte man auch nicht pietätlos sein.“

Dieser Spagat scheint der Kirchengemeinde gelungen. Überall schlendern gut gelaunte Menschen jeden Alters über den Friedhof und tauschen sich angeregt aus.

Mit dem Tag der offenen Tür sollen auch neue Begräbnismöglichkeiten vorgestellt werden. „Es hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert“, erklärt Annedore Lemke. Immer weniger Menschen wollen ein traditionelles Grab, weil sie entweder das Geld dafür nicht aufbringen können oder ihren Angehörigen die Pflege nicht zumuten wollen. Daher geht der Trend hin zum Urnengrab. „Wir haben zum Beispiel die „Urnen-Blüte“, einen Kreis aus Steinen, die eine Blume bilden. In je einer Blüte können zwei Urnen untergebracht werden, für ein Ehepaar oder auch eine Lebenspartnerschaft.“

Ebenfalls immer beliebter werden die Baumbestattungen. Diese kann der Friedhof in Eystrup zwar nicht anbieten, dafür aber einen Platz im „Bestattungs-Hain“, wo kleine Bäumchen und Sträucher eine Art natürlich gewachsenen, überdachten Gang bilden. Doch das Allerwichtigste ist für Lemke, dass es kein einziges anonymes Grab auf dem Friedhof gibt. „Egal, auf welche Art ein Mensch bestattet wurde, jeder bekommt seinen Namen, sodass niemand vergessen wird.“

Ein weiterer Anziehungspunkt an diesem Tag ist das Mausoleum. Ursula Schweneker bietet Führungen an. „Ich bin in erster Linie deshalb hier“, sagt Annegret Hoffmann aus Bücken. „Ich finde das sehr spannend, aber die Vorträge in der Kirche werde ich mir auch noch anhören.“

In dem Raum, in dem normalerweise die Angehörigen am offenen Sarg noch einmal Abschied von den Verstorbenen nehmen können, sind auch an diesem Tag verschiedene Särge aufgebaut. „Sieh mal, wie hübsch“, sagt Dorothea Gegier aus Hoya zu ihrem Begleiter und deutet auf einen Deckel, der mit einer Rose bemalt ist. „Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.“ Gegier gefällt es sehr gut beim Tag der offenen Tür. „Ich habe eine Ausbildung im Hospiz-Bereich gemacht und weiß, dass der Tod zum Leben dazugehört. Es ist schade, dass das Thema noch immer mit einem Tabu belegt ist. Umso schöner finde ich es, dass die Veranstaltung so gut angenommen wird.“

Für etwas zwiespältige Gefühle sorgt allerdings ein offener Sarg im Mausoleum, neben dem ein Schild die Gäste einlädt, auch mal Probe zu liegen. Die Besucher amüsieren sich köstlich. Nur hineinlegen will sich keiner. So viel Nähe zum Thema muss dann wohl doch nicht sein.

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