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„Noten taugen nichts“: Grundschule Bücken will komplett auf textgestützte Zeugnisse umstellen

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Von: Nala Harries

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Die Kinder sollen zukunftsfähig und nachhaltig lernen und dafür eine individuelle Leistungsrückmeldung erhalten: Das wünschen sich Daniela Benne (stellvertretende Leiterin in Abwesenheit) und Leiterin Sina Preuß (von links) für die Schüler aller Jahrgangsstufen der Kapitän-Koldewey-Grundschule in Bücken.
Die Kinder sollen zukunftsfähig und nachhaltig lernen und dafür eine individuelle Leistungsrückmeldung erhalten: Das wünschen sich Daniela Benne (stellvertretende Leiterin in Abwesenheit) und Leiterin Sina Preuß (von links) für die Schüler aller Jahrgangsstufen der Kapitän-Koldewey-Grundschule in Bücken. © nala harries

Bücken – Eine Drei auf dem Zeugnis weist Eltern im Allgemeinen daraufhin, dass ihr Kind in dem jeweiligen Fach „befriedigend gut“ ist. Aber gilt dies wirklich für alle Kompetenzbereiche? Wo hat es möglicherweise noch Probleme oder worin ist es besonders begabt? Wie sieht sein Lernerfolg aus? Und sind wirklich alle vorgegebenen Themen des Lehrplans in dem Schuljahr behandelt worden?

Diese Fragen bleiben bei dem altbekannten „Ziffernzeugnis“ beziehungsweise durch die Vergabe von Noten offen.

Für die Lehrkräfte der Kapitän-Koldewey-Grundschule aus Bücken ist deswegen klar: „Noten taugen nichts“. Sie seien weder objektiv noch zuverlässig. Ebenso wenig würden sie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lernprozess fördern und diesen stattdessen sogar abschließen. Darüber hinaus behindern Noten sowohl die individuelle als auch die kooperative Arbeit und schließen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aus, unterstreichen Schulleiterin Sina Preuß und ihre Stellvertreterin in Abwesenheit, Daniela Benne.

Sie wünschen sich stattdessen ein System, in dem jeder Schüler in seinem eigenen Tempo lernen darf und für seine Leistungen auch eine individuelle Rückmeldung erhält. Diese solle im Vergleich zur „starren“ Notenvergabe viel detaillierter ausfallen und unter anderem die Stärken und Schwächen sowie den persönlichen Wissenszuwachs eines jeden Einzelnen intensiver beleuchten.

Im Rahmen des Modellprojekts „Zukunftsschule“ hat sich die Bücker Lehreinrichtung daher neben der Etablierung des „TuDu-Tags“ (wir berichteten) zum Ziel gesetzt, in allen Jahrgangsstufen auf textgestützte Zeugnisse umzustellen. Ganz neu ist ein solches Konzept nicht. Alle Schulen in Niedersachsen würden in den Jahrgangsstufen eins und zwei auf sogenannte Berichtszeugnisse setzen, meint Preuß. Ab Klasse drei gehe es dann meist mit den „Ziffernzeugnissen“ los – so bisher auch in der Kapitän-Koldewey-Grundschule.

„Ab dem Zeitpunkt wird ein Schalter bei den Schülern umgelegt“, habe Daniela Benne beobachten können. Dann gehe es nicht mehr darum, aus Interesse am Thema zu lernen, sondern nur noch darum, eine möglichst gute Note zu erhalten. Und das sei nicht der richtige Weg. „Noten ziehen die Aufmerksamkeit auf eine Bewertung, nicht aber auf den Lernprozess. Statt den Sinn im Lernen und den damit verbundenen eigenen Kompetenzerwerb zu sehen, wird der Sinn in der Bewertung gesucht – immer im Vergleich zu den anderen Mitschülern“, kritisieren die beiden Lehrerinnen.

Nachdem eine Arbeit geschrieben sei, „lohne“ es sich demnach nicht, die noch vorhandenen Wissenslücken zu schließen. Denn: Im traditionellen Notensystem ist es nicht möglich, den Test zu wiederholen, um den Kompetenzzuwachs zu beweisen. Dadurch werde die eigene Leistungsmotivation der Schüler geschwächt. „So bleiben die Kinder auf ihren Defiziten sitzen. Das ist jedoch ein Problem, da manche Themenfelder aufeinander aufbauen“, sind die beiden Pädagoginnen überzeugt. Kinder würden ihrer Meinung nach keine Noten benötigen, um motiviert zu arbeiten. „Das zeigen sie uns bereits ganz deutlich im Rahmen des ,TuDu-Tags‘“, berichten Preuß und Benne über ihre Erfahrungen.

Das sogenannte kompetenzorientierte Lernen sei in diesem Zusammenhang das Stichwort. „Im Zuge der Einführung von textgestützten Zeugnissen in allen Jahrgangsstufen der Grundschule verabschieden wir uns auch vom gleichschrittigen Arbeiten“, meint Benne, die aktuell eine erste Klasse unterrichtet. Das bedeutet: Jeder dürfe in seinem eigenen Tempo lernen. „Sie sollen sich mit etwas beschäftigen, was zu ihrem Wissensstand passt. Das heißt aber nicht, dass jeder einfach machen kann, was er will. Wir wollen keine ,rosarote Plüschpädagogik‘“, unterstreicht Sina Preuß. Demnach gebe es individuelle Hausaufgaben für jedes Kind und neue Themen würden in Kleingruppen angegangen werden. „Niemand soll sich langweilen und niemand soll unmotiviert sein. Man muss nicht mehr allen Schülern zur selben Zeit dasselbe beibringen.“ Dieser Ansatz passe auch zum Leitspruch der Schule „Jedes Kind ist anders anders“.

Aber wie genau sollen diese textgestützten Zeugnisse aussehen? „Über die Form müssen wir uns noch klar werden. Dafür wollen wir uns unter anderem professionelle Unterstützung holen und auf unsere Vernetzung mit anderen Schulen zurückgreifen, die diesbezüglich schon viel weiter sind als wir“, erzählen Preuß und Benne. Im nächsten Halbjahr solle es voraussichtlich mit der intensiven Planung losgehen. Elternversammlungen dazu habe es bereits gegeben. In diesem Rahmen seien auch gerade die kritischen Stimmen gehört worden, um diese in den Prozess der Entwicklung miteinfließen zu lassen.

Von einem Format scheinen die Lehrkräfte aber bereits sehr angetan zu sein: eine Leistungsrückmeldung in Form eines Kompetenzrasters für jedes Fach. Eine solche Rückmeldung könnten zukünftig alle Schüler erhalten – auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Damit seien, unterteilt in mehrere Kernbereiche, detaillierte Aussagen über den individuellen Wissensstand eines Kindes möglich. Im Fach Mathematik im Kompetenzbereich „Form und Veränderung“ stellt sich beispielsweise die Frage, inwieweit der Schüler auf einer Skala von eins bis zehn Symmetrien erkennen, benennen und darstellen kann oder ob er vorerst nur das Basiswissen erlangt hat. Wer Näheres darüber wissen will, kann sich dafür online beim Landesinstitut für Schule – Bremen unter dem Stichwort „KompoLei“ informieren. „Die Grundschulen in der Hansestadt arbeiten nämlich bereits in allen Jahrgangsstufen mit einem solchen Raster“, weiß Sina Preuß.

Wenn die Schüler die Bücker Einrichtung verlassen, erwartet sie an den weiterführenden Schulen jedoch das altbekannte Notensystem. „Das ist auch die Sorge vieler Eltern“, so Benne. „Daher haben wir vor, Vertreter beider Schulen aus Hoya einzuladen und ihnen unser Konzept vorzustellen.“ Gleichzeitig sei es für angehende Fünftklässler aber auch weniger schlimm, ein solches System mitzutragen als für Schüler, die von der zweiten in die dritte Klasse wechseln, sind die beiden Frauen überzeugt. „In der Grundschule wird der Grundstein gelegt. Und da wollen wir erst einmal anfangen.“

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