Nürnberger Künstlerduo aktiv

Nach Streit und Vandalismus: Umgestaltete „Nazi-Glocke“ wird neu geweiht

Die „Nazi-Glocke“ von Schweringen (Landkreis Nienburg) sorgte für Aufsehen. Jetzt steht die Glocke vor einer Umgestaltung. Beruhigt sich die Situation?

Update vom 26. Mai 2020: Das Hakenkreuz ist weg, die Inschrift aus der Nazi-Zeit durchkreuzt jetzt ein Bibelvers: Am Pfingstsonntag wird eine Ende 2018 stillgelegte und in der Zwischenzeit künstlerisch neu gestaltete Kirchenglocke in Schweringen (Landkreis Nienburg) eingeweiht. Coronabedingt sei die Einweihung nicht öffentlich, teilte die evangelische Regionalbischöfin Petra Bahr am Dienstag in Hannover mit. Auf der 1934 gegossenen Glocke war vor drei Jahren ein Hakenkreuz entdeckt worden. Die Landeskirche bot damals einen Austausch der Glocke an, einige Gemeindemitglieder sprachen sich jedoch für ihren Verbleib aus.

Im Verlauf dieses Streits stiegen Unbekannte im März 2018 heimlich auf den Turm der Kreuzkirche und frästen das Hakenkreuz sowie Teile der Inschrift weg. Daraufhin einigten sich die örtliche Kapellengemeinde und die Landeskirche auf eine Umgestaltung der Glocke, für die ein Künstlerwettbewerb ausgeschrieben wurde.

Vor der Kirche steht nun in Ergänzung zur Glocke das Kunstwerk „Hörmal“, das die Betrachter auffordert, ihre Position zur Geschichte zu bedenken. Regionalbischöfin Bahr sagte: „Die kritische Beschäftigung mit der Glocke war langwierig, aber notwendig.“ Die Neugestaltung verstecke nicht ihre Geschichte, frage aber auch nach Versöhnung und richte den Blick nach vorn. (dpa)

Original-Artikel vom 10. Dezember 2019: Schweringen – Als ein Symbol der Versöhnung und des Friedens soll die umgestaltete Kirchenglocke, die einst ein Hakenkreuz-Symbol trug, dienen. Am Montagabend präsentierten Vertreter der Kapellengemeinde Schweringen, des Kirchenkreises Nienburg und der Landeskirche Hannover den Entwurf des Nürnberger Künstler-Duos „Arnold+Eichler“ mit dem Titel „Piaculum“ – lateinisch für Versöhnungsmittel – in der Kreuzkirche der Öffentlichkeit.

Zwei Themen seien in dem Künstlerwettbewerb behandelt worden, berichtete Dr. Thorsten Albrecht, Leiter des Kunstreferats der Landeskirche. Zum einen sollte der Glockenmantel eine Überarbeitung erfahren und zum anderen ein weiteres Kunstwerk im Außenbereich der Kreuzkirche auf die Glocke im Inneren und deren Geschichte hinweisen. Beide Kriterien seien mit dem Vorschlag von Hannes Arnold und Klaus-Dieter Eichler erfüllt, der sich gegen drei weitere Entwürfe anderer Künstler durchsetzen und die Jury überzeugen konnte.

Unbekannte frästen das Hakenkreuz und die NS-Inschrift im April 2018 weg, jetzt wird die entwidmete Glocke künstlerisch umgestaltet.

Geplant ist eine neue Beschriftung der Glocke. „Der neue Text, direkt auf das Metall aufgebracht, legt sich wie eine Schärpe auf die Glocke und lässt die Spuren der Zeiten durchscheinen, zeigt aber das neue Verständnis und die Haltung zur Vergangenheit.“, erläutern die Künstler ihren Entwurf. Nichts von der Geschichte werde verleugnet oder in einen früheren Zustand zurückgeführt.

Im Außenbereich der Schweringer Kreuzkirche soll zudem eine Skulptur entstehen. In einen etwa 1,70 Meter hohen, kubisch geformten Monolith arbeiten die Nürnberger die Negativform der Glocke ein, welche an ihre Gussform erinnern soll. Stellt sich jemand vor diese Aushöhlung und spricht hinein, reflektiert der Schall zurück. So werde aus einem Denkmal ein „Hörmal“.

So stellt sich das Atelier die umgestaltete Glocke vor.

Die Skulptur wird aus gemahlenem Klinker angefertigt. Schweringer Bürger können dafür Material, etwa Abbruchsteine, beisteuern. „So wie sie damals dazu beigetragen haben, diese Kirche aufzubauen“, schilderte Heinrich Eickhoff vom Kapellenvorstand.

Texte zur Glockengeschichte sollen die Seitenflächen der Skulptur zieren. Gemeinsam mit den Künstlern sowie einer Linguistin befasst sich eine Arbeitsgruppe aus Vertreter der Kapellengemeinde und des Kirchenkreises mit der Auswahl der neuen Glockeninschrift und den Informationstexten für die Skulptur.

Christiane Noltemeier, Vorsitzende des Kapellenvorstands, ist überzeugt davon, dass ein Bibelspruch, welcher die alte Glockeninschrift überdecken, aber nicht verstecken soll, Versöhnung stiften kann. „Was geschehen ist, können wir nicht rückgängig machen, das ist nun Teil der Geschichte“, sagte sie. Positiv empfindet sie zudem, dass für die Umgestaltung die Glocke nicht aus dem Turm geholt werden muss, sondern die Arbeiten vor Ort über die Bühne gehen können.

Auf dem anderen Bild zu sehen (v.l.) Christiane Noltemeier (Kapellenvorstand), Pastorin Tineke Jarecki, Dr. Thorsten Albrecht (Leiter landeskirchliches Kunstreferat) und Superintendent Martin Lechler.

Dr. Thorsten Albrecht findet den Entwurf aufgrund seiner Schlichtheit besonders. „Das Kunstwerk draußen wird auffallen, da man zwangsläufig an ihm vorbei muss, wenn man in die Kirche möchte“, meinte Albrecht. Superintendent Martin Lechler hält das „Hörmal“ nach eigenen Worten für einen wunderbaren Hinweis auf die Glocke, deren Überschreibung mit einem Bibelvers eine Botschaft des Friedens darstelle.

Nach der Umgestaltung, die voraussichtlich im Laufe des kommenden Jahres abgeschlossen sein soll, ist die Neuwidmung der Glocke geplant, sodass sie wieder schlagen darf. Die Kosten für die Kunstwerke von etwa 35.000 Euro trägt die Landeskirche.

Was ist bisher geschehen?

Auf der 1934 gegossenen Glocke war 2017 ein etwa 35 mal 35 Zentimeter großes Hakenkreuz entdeckt worden. Die Landeskirche bot laut einer Pressemitteilung des Sprengels Hannover daraufhin einen Austausch der Glocke an. Einige Schweringer sprachen sich für den Verbleib der Glocke aus, andere waren strikt dagegen. Im Verlauf des Streits über den weiteren Umgang stiegen Unbekannte im März 2018 heimlich auf den Kirchturm und frästen das Hakenkreuz und Teile der Inschrift weg. In einem Gottesdienst am Buß- und Bettag 2018 entwidmete der geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamts, Arend de Vries, die Glocke offiziell und setzte sie außer Dienst. 

Die Kapellengemeinde Schweringen und die Landeskirche hatten sich zuvor auf eine Umgestaltung der Glocke im Rahmen eines Künstlerwettbewerbs geeinigt. Eine Jury mit Vertretern der Kapellengemeinde, des Kirchenkreises Nienburg und der Landeskirche Hannovers hatte die eingereichten Beiträge im November gesichtet, diskutiert und sich letztlich einstimmig für den Beitrag des Nürnberger Ateliers „Arnold+Eichler“ ausgesprochen.

Eine Glocke entzweit ein Dorf und führt es wieder zusammen

Kommentar von Rebecca Göllner-Martin

Frieden stiften soll die Umgestaltung der sogenannten „Nazi-Glocke“ von Schweringen. Die Frage, was nach der Entdeckung der nationalsozialistischen Symbole mit ihr passieren soll, sorgte im vergangenen Jahr in dem 800-Seelen-Dorf für viele Diskussionen, die Gemeinde drohte an ihr zu splitten. Der Künstlerwettbewerb: ein Kompromiss. Die Kapellengemeinde und die Landeskirche hatten sich geeinigt, diesen Weg zu gehen. Nun scheint es so, dass sowohl Kritiker als Befürworter der Glocke damit einverstanden sind, wieder Ruhe im Ort einkehrt und sich die Wogen glätten. Die Glocke bleibt in veränderter Form bestehen und soll erneut schlagen. Es ist schön, zu sehen, dass ein Dorf sich nach teils heftigen Auseinandersetzungen wieder einig zeigt. Schöner noch hätte ich es empfunden, wenn die Öffentlichkeit und Bürger noch mehr in den Auswahlprozess der Jury zu den Kunstwerken einbezogen worden wären.

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