Nahe des damaligen Tatorts spricht der Nienburger Autor Dieter Reis in Eystrup über das Attentat von 1951

Was den Mörder Erich von Halacz antrieb

Dieter Reis präsentiert seinen Roman „Nur vom Empfänger persönlich zu öffnen“ heute Abend um 19.30 Uhr im alten Güterschuppen am Eystruper Bahnhof. - Foto: Horst Friedrichs

Eystrup/Nienburg - Von Horst Friedrichs. Der Tod kam per Post. Am 29. November 1951 geschah das Unfassbare in Eystrup und in Bremen: Paketbomben des Mörders Erich von Halacz richteten grauenvolle Blutbäder an. Nur in Verden schöpfte ein weiterer Empfänger Verdacht und entging dem Tod. Der Nienburger Dieter Reis, ein früherer Schulrat, hat jetzt ein Buch über den Fall Halacz geschrieben, der wegen der unglaublichen Brutalität des Täters in die deutsche Kriminalgeschichte einging. Am Sonnabend, 4. Juni, liest Dieter Reis in Eystrup aus seinem Buch, das den Titel „Nur vom Empfänger persönlich zu öffnen“ trägt. Er hofft, während der Veranstaltung des Heimatvereins mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen.

An jenem Tag im Spätherbst 1951 explodierten röhrenförmige Pakete aus Pappe im Postamt Eystrup und in der Chefredaktion der „Bremer Nachrichten“. Der Futtermittelfabrikant Anton Höing in Verden entging „seiner“ Paketbombe um Haaresbreite.

In Eystrup starb die 18-jährige Büroangestellte Margret Grüneklee, als sie die Post für die Firma Göbber abholen wollte. Zwischen den Briefsendungen befand sich eine jener Pappröhren, in diesem Fall an den Leiter der Marmeladenfabrik persönlich adressiert. Die Paketbombe explodierte noch im Gebäude der Eystruper Post. Margret Grüneklee war auf der Stelle tot.

In Bremen tötete die Explosion des hochbrisanten Sprengstoffs Chefredakteur Dr. Adolf Wolfard, nachdem er noch mit seiner Sekretärin und einem Redaktionskollegen über das mutmaßliche Weihnachtspaket mit flüssigem Inhalt gescherzt hatte. Wolfard war ebenfalls sofort tot. In beiden Fällen gab es außerdem Verletzte und Schwerverletzte.

Am selben Vormittag erhielt auch Anton Höing in Verden ein rohrförmiges Paket. Als er vorsichtig den Deckel an einer Seite öffnete, erblickte er zwei Drähte. Sofort schloss er den Pappbehälter wieder und ließ ihn von einem Angestellten in den Keller bringen. Wie sich später herausstellte, war die Batterie, die den Zugzünder hätte auslösen sollen, leer.

Defekte Bombe brachte Polizei auf seine Spur

So kam die Polizei an eine Halacz-Bombe im Originalzustand. Dadurch machten die Ermittlungen deutliche Fortschritte. Polizei und Presse arbeiteten zusammen; Journalisten recherchierten im Postamt Verden, wo das „Bremer“ Bombenpaket aufgegeben worden war. Etliche Zeugen erinnerten sich an den Absender, und so entstand das erste Phantombild der deutschen Kriminalgeschichte. Der Zeichner der Bremer Tageszeitung fertigte ein Porträt des Täters an, das wesentlich zu seiner Ergreifung beitrug. Sein Name – Erich von Halacz – war kurz darauf in ganz Deutschland bekannt, obwohl es damals noch kein Fernsehen gab (die ARD sendete ab 1954). Doch Zeitungen, Rundfunk und Kino-Wochenschauen verbreiteten immer neue, detailliertere Informationen über die Bluttaten des 22-Jährigen, der damals in Drakenburg lebte.

Als er zwei Monate alt war, hatte ihn seine Mutter, eine ungarische Adlige namens Elisabeth von Halacz, bei einer Pflegefamilie in Holtorf abgegeben. Sein Ziehvater war Sprengmeister in einer Kiesgrube. Erich von Halacz soll schon als Jugendlicher Explosivstoffe gestohlen und vor einer Kirche und einer Polizeiwache gezündet haben. Mit den entsprechenden Kenntnissen war er später in der Lage, seine Bomben zu basteln.

Auf die Entwicklung von Halacz’ zum Mörder will Autor Reis heute Abend in Eystrup ausführlich eingehen.

Von Halacz wollte seine Verlobte beschenken

„Sein Motiv?“ Auf diese Frage hat Reis eine ebenso klare wie Erschauern auslösende Antwort: „Er wollte seiner Verlobten ein Geschenk machen.“ Dafür, so ist überliefert, brauchte Erich von Halacz nicht weniger als 15.000 Deutsche Mark. Denn das Geschenk sollte ein Schallplattenverleih sein, den er in Nienburg eröffnen wollte. Beschaffen wollte er das Geld durch Erpressung von Familienangehörigen der Getöteten.

Was von Halacz antrieb, schildert Dieter Reis in seinem Roman in vielen fiktiven Monologen des Täters. Reis: „Er prahlte mit seinem Verdienst. In Wahrheit beschaffte er sein Geld durch Kleinkriminalität.“ Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden die Kriminalbeamten später Berge von Heftromanen, die er verschlungen haben soll. Dass es die Quelle seiner kriminellen Energie war, konnten die Ermittler nur vermuten.

Das Landgericht Verden verurteilte Erich von Halacz 1952 wegen zweifachen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus. 1974 wurde er begnadigt. Danach änderte er seinen Namen.

Dieter Reis liest am 4. Juni ab 19.30 Uhr auf Einladung des Heimatvereins Eystrup im alten Güterschuppen am Eystruper Bahnhof aus seinem Buch.

Der Eintritt ist frei.

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