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Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche: So sieht die Situation bei St. Michael in Hoya aus

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Von: Nala Harries

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Die katholische Kirche in Hoya.
Die katholische Kirche in Hoya. © Nala Harries

Hoya – Die katholische Kirche wird seit Jahren immer wieder von Missbrauchsfällen in ihren Reihen erschüttert. Auch im Bistum Osnabrück, zu dem die Pfarreiengemeinschaft Emmaus und damit die Kirchengemeinde St. Michael aus Hoya gehört, sind Hinweise aufgetaucht, denen nachgegangen wird. Viele Menschen sind von den Vorfällen schockiert, was sich auch deutlich in den Austrittszahlen widerspiegelt.

Im vergangenen Jahr erreichten diese in der Pfarreiengemeinschaft einen Spitzenwert von 169 Personen, die der katholischen Kirche den Rücken kehrten. In der Hoyaer Kirchengemeinde waren es insgesamt 23 – so viele wie seit Beginn der statistischen Erhebung im Jahr 2013, die der Redaktion vorliegt, noch nie zuvor.

Auch in der Grafenstadt werden die Gläubigen ständig mit dem Thema Missbrauch konfrontiert, berichten Gemeindereferentin Claudia Suffner und Pfarrer Peter Grunwaldt von der Situation vor Ort. Sie seien in ihrem Umfeld stets Sprüchen ausgesetzt, wie „Warum bist du noch in diesem Verein?“. „Ich sage dann immer: Weil ich an Jesus glaube und nicht an den Papst“, meint Pfarrer Grunwaldt.

Seit 2010 ist Missbrauch ein zentrales Thema in der Diskussion in und um die katholische Kirche. „Seitdem hat sich alles gedreht“, erinnert sich Grunwaldt. Die Deutsche Bischofskonferenz gab eine Studie in Auftrag, die den Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensmenschen in den deutschen Bistümern untersuchen sollte. „Zur Aufarbeitung des geschehenen Unrechts sollte jedes der Bistümer zusätzlich eine eigene Studie in Auftrag geben, die das konkrete Verhalten von Verantwortlichen darstellen und bewerten soll. Fünf dieser Gutachten liegen inzwischen vor“, sagt der Hoyaer Pfarrer. Auch die Personalakten aus der Grafenstadt würden in diesem Zuge unter die Lupe genommen werden. Wie Pfarrer Grunwaldt angab, sei ihm jedoch kein Fall bekannt.

Weil ich an Jesus glaube und nicht an den Papst.
Peter Grunwaldt: „Weil ich an Jesus glaube und nicht an den Papst.“ © Nala Harries

Seit 2010 sind in den Bistümern bereits verschiedene Projekte umgesetzt worden, die der Prävention von sexuellem Missbrauch dienen. Das Bistum Osnabrück hat beispielsweise eine Koordinierungsstelle eingerichtet. Durch Schulungen, praktische Unterstützung, Vernetzung und Steuerung soll sexualisierte Gewalt zukünftig verhindert werden, heißt es auf der Webseite.

2014 setzte Bischof Franz-Josef Bode dann das „Gesetz zur Vermeidung von sexualisierter Gewalt in kirchlichen Einrichtungen im Bistum Osnabrück“ in Kraft. 2020 wurde diese Präventionsordnung dann durch die „Rahmenordnung – Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ ersetzt.

Demnach gibt eine ganze Menge Regeln, an die sich alle Beteiligten halten müssen. Welche das genau sind, erklären Claudia Suffner und Peter Grunwaldt anhand einiger Beispiele, die sich direkt auf die Arbeit vor Ort in Hoya auswirken. Los geht es damit bereits bei Dienstantritt: Denn bei der Einstellung und nachfolgend in regelmäßigen Abständen muss jeder ein aktuelles erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Personen, die rechtskräftig wegen einer Straftat verurteilt worden sind und im Rahmen ihrer Tätigkeit mit Kindern, Jugendlichen oder erwachsenen Schutzbefohlenen in Kontakt stehen werden, dürfen gar nicht erst eingesetzt werden. Darüber hinaus muss eine Selbstverpflichtungserklärung unterschrieben werden, in der es unter anderem heißt: „Ich schütze nach Kräften die mir anvertrauten Personen vor körperlichem und seelischem Schaden, vor Missbrauch und Gewalt.“

„Zudem sind Eins-zu-eins- Situationen zu vermeiden. Ich darf mit einem Kind beispielsweise nur allein in einem Raum sein, wenn dieser erleuchtet und von außen einsehbar ist“, erklärt der Pfarrer. Daher dürfe er sich auch nicht allein mit einem Messdiener in der Sakristei in Hoya aufhalten, es sei denn, alle Türen würden offen stehen. Raum für vertraute Gespräche zu zweit gebe es dennoch: Als Beispiel nennen Suffner und Grunwaldt eine Gruppensituation, aus der man sich herausziehe, aber dennoch in Sichtweite bleibe.

Auch bei Freizeiten sind die Regeln klar definiert. Ein Betreuer dürfe ein Zimmer allein nur betreten, wenn sich darin gleichzeitig mehrere Kinder befinden würden. Ist ein Junge oder ein Mädchen jedoch erkrankt und allein in dem Raum, sei das Betreten nur mit einer weiteren Person erlaubt.

Um all die Vorschriften einzuhalten, müsse man bereits bei der Gebäudeplanung im Rahmen des sogenannten institutionellen Schutzkonzeptes auf bestimmte Dinge achten. In der St. Michael Gemeinde in Hoya sehe es diesbezüglich noch nicht optimal aus, aber man sei derzeit dabei, die entsprechenden Vorgaben umzusetzen. „Dabei geht es beispielsweise um die alte Pfarrerwohnung in der oberen Etage oder die Installation von Bewegungsmeldern“, weist Grunwaldt auf die Problemstellen hin. Demnach sollen Möglichkeiten, sich allein und unbemerkt mit einer Person zurückzuziehen, verringert werden.

Gemeindereferentin Claudia Suffner.
Gemeindereferentin Claudia Suffner: „Das macht etwas mit einem und auch mit der Gesellschaft.“ © Nala Harries

Darüber hinaus geht es um den Umgang mit anderen. Unter anderem sei es verboten, jemanden anzufassen, ohne ihn vorab zu fragen – auch ein eigentlich harmloser Schulterklopfer gehöre dazu. „Ich erinnere mich an eine Situation mit eines der Kommunion-Kinder, welches mich plötzlich umarmte. Früher hätte ich einfach zurückumarmt. In dem Fall habe ich allerdings im Raum nach der Mutter gesucht“, sagt Claudia Suffner und fügt hinzu: „Das macht etwas mit einem und auch mit der Gesellschaft.“

Bemerkungen, die ursprünglich vielleicht sogar nur als ehrliches Kompliment gemeint sind, sind ebenfalls zu unterlassen. „Dabei kommt es natürlich immer auf die Beziehung an, aber ich als Vorgesetzter darf meine Mitarbeiter nicht für ihr Aussehen loben“, so der Pfarrer.

Auf all die Regeln zu achten, erfordere Disziplin und Kreativität, denn man wolle niemanden vor den Kopf stoßen oder ihm ein grundsätzliches Gefühl von Zurückweisung vermitteln, daher sind Alternativlösungen zu finden.

„Das wichtigste Schutzprinzip ist zudem, hinzuschauen und eine Kultur zu entwickeln, in der man über alles sprechen kann. Tabus dürfen nicht entstehen“, ist Pfarrer Grunwaldt überzeugt. So lehre er bei der Erstkommunion die Kinder bereits, dass nur für ihn das Beichtgeheimnis gelte, sie aber offen über alles sprechen könnten.

Zwar werde vor Ort in Hoya alles daran gesetzt, eine sichere Umgebung zu schaffen, dennoch meint Grunwaldt mit Blick auf die Vorfälle fern ab der Grafenstadt: „Wir haben hier keine Möglichkeit der Einflussnahme, weswegen wir oft ohnmächtig und fassungslos daneben stehen.“

Viele Menschen wollen wegen der Missbrauchsfälle und auch aus anderen Gründen Abstand von der katholischen Kirche nehmen. Die Folge: Es kommt zu immer mehr Austritten. Eine Mitglieder-Werbekampagne strebe die Hoyaer Kirchengemeinde nicht an, „das käme in der derzeitigen Situation sicherlich auch nicht gut an“, meint Pfarrer Grunwaldt. Statt die Menschen für die Institution Kirche zu gewinnen, wolle man sie nun für den Glauben begeistern.

Von Nala Harries

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