Handwerker müssen bei Sanierung flexibel sein

Mehr Schein als Sein: Einblicke in die Substanz der Martinskirche

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Ilias Lioras sägt einen Ersatzbalken zurecht.

Hoya - Von Michael Wendt. Weihnachten 1396: Die weiß und schwarz gewandeten Sänger des Chors ziehen die weihrauch-geschwängerte Luft in ihre Lungen und stimmen zum Einzug des Priesters den ersten Gesang dieses Gottesdienstes an.

Erhaben schreitet der Geistliche durch die Reihen ausgewählter Günstlinge von Graf Otto III. und seiner zweiten Frau Mechthild von Braunschweig-Lüneburg. Das Paar hat die Kirche über einen Seiteneingang betreten und sitzt nun in der Grafenloge oberhalb des Altars. Der Schein unzähliger Kerzen spiegelt sich in silbernem und goldenem Schmuck, reflektiert an den weiß getünchten Wänden. Der Priester ist am Altar angekommen, der Chor verstummt.

Der Turm der Alten Martinskirche ist komplett eingerüstet, um die Fugen sanieren zu können.

620 Jahre später stochert Renate Schumacher mit dem Finger im bröseligen, mittlerweile historisch gewordenen Schutt zwischen Außen- und Innenmauer der Kirche. „So haben Grafens damals gebaut“, scherzt die Architektin aus Bücken. Der Schutt ist eine Art altertümliche Dämmung. Die Grafenloge ist derweil mit Folie abgedeckt, damit sie bei den Sanierungsarbeiten nicht zu sehr einstaubt. Der separate Eingang für die Grafenfamilie ist verschwunden. Wann er abgerissen wurde, weiß auf der Baustelle niemand.

Die Handwerker haben andere Sorgen. Zimmermann Ilias Lioras leistet mit der Kettensäge Feinarbeit: In einen Balken, dick wie ein Oberschenkel, sägt er eine Aussparung. Der Balken bekommt eine andere Form als gedacht. In der Kirche erklärt Lioras’ Kollege Jan Hassel der Architektin: „Hier am Balken wollten wir den Zapfen dranlassen. Aber das Holz ist völlig kaputt.“

Wieder so eine Stelle zum Herumstochern für Renate Schumacher. Wieder ein Arbeitsschritt, bei dem die Handwerker kurzfristig umplanen müssen. Das vergammelte Ende des Balkens schneiden sie ab, der neue Träger wird an das verbleibende gesunde Holz gesetzt.

Neue Balken wie diesen müssen die Zimmerleute mühsam per Hand an Ort und Stelle bringen, oftmals in kleine Nischen wuchten. Schweres Gerät ist ihnen kaum eine Hilfe. Oft ist eine Mauer im Weg, ein Sparren oder sonst was. Sanieren im Bestand ist schwierig. Überraschungen gehören dazu. Dann ist Improvisationstalent gefragt.

Blick in die ehemalige Kapelle.

Renate Schumacher lobt die Handwerker. Sie weiß: Auf dieser Baustelle kann man nicht jeden einsetzen, der eine oder andere würde schnell entnervt aufgeben.

Derzeit sind außer den Zimmerleuten Maurer und Steinmetze an und in der Alten Martinskirche beschäftigt. Eine der Baustellen ist die alte Kapelle, ein Anbau auf der Nordseite mit bewegter Geschichte. Einst waren dort Mitglieder der Grafenfamilie bestattet. Es gab einen kleinen Altar in dem Raum, den eine Gewölbedecke zierte. Von der zeugen heute nur noch Spuren an den Wänden. Wann das Gewölbe eingestürzt ist, kann niemand sagen. Die Bestatteten wurden später umgebettet. Im 20. Jahrhundert diente der Anbau dann als Heizungsraum – bis heute sind die Wände schwarz vom Koksstaub. Zuletzt war die alte Kapelle Stühlelager.

Der Giebel kommt demnächst an die Reihe.

Auch künftig könnte der Raum als Lager dienen. Aber zuvor muss das Balkenwerk erneuert werden. Dann bedarf es einer neuen Plattform, damit man vom Kirchenschiff kommend nicht auf den zwei Meter tiefer liegenden Kapellenboden stürzt. Die alte, aus Holzplatten gezimmerte Plattform ist mittlerweile entfernt. „Vielleicht installieren wir Metallroste“, sagt Renate Schumacher. Sie würden die Luft im Raum zirkulieren lassen.

Derzeit ist der Kapellenanbau auch für die Maurer eine Herausforderung. Und für die Steinmetzin, die in Handarbeit neue Schmucksteine herstellt. Viele der vorhandenen sind in der Mitte durchgebrochen. Ihnen fehlt der Halt, sie drohen wegzubrechen oder sind bei der Sanierung des Dachstuhls bereits weggebrochen.

Schuttschicht zwischen Innenmauer (links) und Außenmauer (rechts).

Nun flext, schleift und meißelt die Steinmetzin aus eckigen Backsteinen Formsteine mit der passenden Rundung. „Sie macht das erstmals, wir haben einfach ausprobiert, ob es funktioniert“, sagt Renate Schumacher. „Wenn wir die Formsteine in einer Ziegelei bestellen würden, hätten wir sie wahrscheinlich erst im Frühjahr.“ Auf der Baustelle werden sie aber sofort benötigt, damit es keine Verzögerung gibt. Derzeit liegen die Arbeiten im Zeitplan – auch wenn die Steinmetzin eigentlich die Fugen am Turm ausbessern sollte, statt Steine zu formen.

Mittlerweile haben beide Dachseiten eine Unterspannbahn zum Schutz vor Feuchtigkeit und eine neue Lattung bekommen. Auf der Lattung können die Handwerker sicher ihr Gerüst befestigen, um sich im nächsten Schritt dem Giebel zuzuwenden. „Erst kommt dort die Ausfachung raus, dann erneuern wir das Fachwerk“, erklärt Renate Schumacher. Am Giebel wird es so sein wie fast überall auf der Baustelle: „Erst wenn alles raus ist, kann man sehen, was dort eigentlich kaputt ist.“

Eingedeckt wird die Kirche später teilweise mit den alten Ziegeln, teilweise mit neuen – je nachdem, wie viele von den historischen noch zu gebrauchen sind. „Grafens haben nicht gerade Premium-Baustoffe verwendet“, sagt Renate Schumacher.

Sanierung der Martinskirche in Hoya

Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
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Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Me diengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
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Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
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Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt
Sanierung der Martinskirche in Hoya. © Mediengruppe Kreiszeitung / Wendt

Im Innenraum der alten Kirche fallen vergleichsweise wenige Arbeiten an. Einige Holzeinbauten sollen entwurmt werden. Und die Wände erhalten einen neuen Anstrich, damit sich ab Mitte nächsten Jahres bei Konzerten und Veranstaltungen das Licht wieder so schön bricht wie damals, an Weihnachten 1396.

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